Freiheit anstatt Knechtschaft

Editorial von Yves Kugelman, October 15, 2010

Was ist Judentum. Gibt es ein Judentum ohne Antisemitismus? Gibt es ein Judentum, das Antisemitismus als historische Erfahrung, nicht aber als kausale Bestimmungskategorie seiner Existenz betrachtet? Gibt es ein Judentum, das Freiheit und die Suche nach Freiheit als Urquell seines Daseins, Denkens, Dichtens definiert? Gibt es ein Judentum, das sich nicht aus der ägyptischen Knechtschaft, durch die Konfrontation mit Amalek oder der Schoah erfährt, sondern vor allem durch die Texte, Gebote, Lehre, Ethik, Tradition, Kultur und Inhalte? Gibt es ein Judentum, das nicht alles der historischen Erfahrung unterstellt? Ja, das gibt es.

Judentümer. Der Singular ist auf das Judentum nicht anwendbar. Judentum ist keine Theologie, Ethnie, Religion, Kultur oder Idee, sondern alles und vielleicht sogar eher nichts davon. Der gemeinsame Nenner der Judentümer sind der Monotheismus des Glaubens, der Agnostik und jeder anderen Form genau wie das Gegenteil. Judentümer berufen sich auf die gleichen Texte, vereinen sich dort und debattieren die grossen Fragen. Judentümer entstehen in der Dialektik und sie einen sich in der Diskrepanz, in der Frage mehr als in der Antwort. Judentümer sind nicht die Sicht der Aussenwelt auf das Judentum und die christliche Perspektive, was viele gerne als das Jüdische betrachtet haben möchten, gerade wieder in diesen Tagen. Judentümer sind kein Korsett, kein definierter Rahmen sondern Grenzüberschreitung, Freiheit zuerst des Denkens und die Quintessenz der Auseinandersetzung damit. Da geht es nicht um Dogmen oder Unverbindlichkeiten, sondern immer um den Weg zum Menschen und zu einer Ethik, die die einen religiös, die anderen philosophisch oder historisch begründen.

Revolution. Adin Steinsaltz leitete vor über 40 Jahren mit der Übersetzung, Neuedition und Kommentierung des Talmuds eine Revolution des jüdischen Lernens ein. Er öffnete die Tore zu einer Welt jüdischen Denkens, die vielen vorenthalten blieb. Er machte Quellen zugänglich. Er ermöglichte den Zugang zum Judentum durch Inhalt und nicht alleine durch die Ausübung von Ritualen oder Tradition. Judentum sollte nicht mehr Eliten vorbehalten bleiben, sondern liberalen, traditionellen, säkularen, gläubigen und ungläubigen Juden und auch Nichtjuden zugänglich gemacht werden. Mit dem Projekt, den jüdischen Sanhedrin in den sechziger Jahren wieder ins Leben zu rufen, versuchte Steinsaltz darüber hinaus eine wesentliche Blockade der jüdischen Gesetzsprechung aufzubrechen. Dies gelang bisher nicht, doch mit der weltweiten Verbreitung des Steinsaltz-Talmuds, der in diesen Tagen zu Ende gebracht und am 24. Oktober auf Einladung von tachles in der ICZ präsentiert wird, wird eine epochales Werk vollendet. Inzwischen wird weit über Talmudschulen und Eliten hinaus Quellenstudium betrieben und die jüdische Diskussion – die zwar sowohl von Rabbinern wie auch Funktionären oft sanktioniert wird – neu entfacht. Und damit ermöglichte Steinsaltz eine Rückkehr zur Zukunft jüdischen Denkens und Auseinandersetzung mit dem Judentum.

Was ist Judentum. Letztlich ist die Frage wichtiger als die Antwort. Judentum – ob es säkular oder religiös verstanden wird – ist aber ohne die Kenntnis der Quellen nicht möglich, verkommt oft zur Maskerade, zum folkloristischen Klamauk oder zu einem Arsenal von Tradition. Was Judentum ist, wird jede und jeder anders beantworten, und vielleicht gibt es nicht einmal den gemeinsamen Nenner. Judentum ist aber vor allem nicht eines aus der Aussenbetrachtung, sondern aus dem inneren Kern jüdischen Denkens heraus. Und da gehört Adin Steinsaltz mit Emanuel Lévinas oder Nechama und Jeshajahu Leibowitz, Salmon Schlomo Auerbach oder Rabbinern wie Mosche Feinstein genauso wie etwa Franz Kafka oder Albert Einstein, Hannah Arendt und vielen anderen zu den wichtigen Exponnenten jüdischer Denkerinnen und Denker, die Judentum nicht definierten, sondern aus dem Judentum heraus dachten.