Frei von Berührungsängsten
Im Buch Jesaja (Vers 56:7) heisst es: «Mein Haus wird ein Bethaus für alle Völker genannt werden.» Als vor 35 Jahren in Ann Arbor, im amerikanischen Bundesstaat Michigan, das Genesis-Projekt gegründet wurde, hatte man genau diesen Gedanken im Kopf: Eine Kooperation der Reformsynagoge Temple Beth Emeth und der episkopalen Gemeinde St. Clare of Assisi.
Schon von der Strasse
aus kann man ein grosses Eisenkreuz sehen, das neben einem gleichgrossen Davidstern steht. Auf dem Gebäude finden sich die Namen der beiden Religionsgemeinschaften ebenso wie am Eingang des Parkplatzes. «Wir haben eine sehr
gute Zusammenarbeit», erklärt Rabbiner Robert Levy, der die Gemeinde seit 1984 betreut, «aber wir sind klar voneinander getrennt. Ich glaube, deshalb haben wir so eine erfolgreiche Partnerschaft.»
Friedliches Zusammenleben
Der gebürtige New Yorker, den alle nur Rabbi Bob nennen, erklärt, was genau das Genesis-Projekt ist: «Das 1976 gegründete Genesis-Projekt ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die alle Angelegenheiten des Gebäudes regelt. Genesis ist der rechtliche Besitzer des Grundstücks und aller sich darauf befindenen Gebäude. Mitglieder unserer beiden Gemeinden bilden den Aufsichtsrat von Genesis.»
Genesis kümmert sich daher um alle administrativen Angelegenheiten, bezahlt Rechnungen, arrangiert notwendige Reparaturarbeiten, und regelt vor allem, wer wann das Gebäude benutzen kann. «Wir haben einen gemeinsamen Kalender. Das Gebäude wird nicht genau gleichmässig verteilt, sondern je nach Bedarf.» An jüdischen Feiertagen hat Beth Emeth die Räumlichkeiten, an christlichen St. Clare.
Die Kooperation der Kirche und der Synagoge verläuft ohne Berührungsängste als friedliches Nebeneinander. Reverend James Rhodenhiser, der seit 2003 St. Clare betreut, sieht Genesis als «Zeichen dafür, dass Menschen unterschied-lichen Glaubens friedlich miteinander
zusammenleben können».
Keine Barrieren
Der Weg zu diesem friedlichen Nebeneinander wurde indirekt 1965 geebnet. Am 28. Oktober jenes Jahres verkündete Papst Paul VI. eine Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzil zu den nicht christlichen Religionen mit dem Titel «Nostra Aetate». Die Erklärung betonte zum ersten Mal das Judentum als von Gott gestiftete Religion, die die Wurzel des Christentums bildet. Die Erklärung markierte eine Abkehr vom exklusiven und antijüdisch definierten Absolutheitsanspruch der römisch-katholischen Kirche. Mit der Erklärung reagierte der Vatikan indirekt auf den Genozid an Europas Juden, der seine Wurzeln im christlichen Antijudaismus hatte.
Rhodenhiser glaubt zwar nicht, dass die Erklärung des Vatikans das Verhalten nicht katholischer Kirchen wie der seinen beeinflusst habe, sieht jedoch den Holocaust als Wendepunkt für Juden in Amerika. «Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Juden hier in den USA vollkommen akzeptiert. Vorher hatten sie immer noch das Stigma des Fremden, und es war gesellschaftlich akzeptiert, antisemitisch zu sein. Aber als man nach dem Krieg vom Massenmord erfuhr, schämte man sich für das, was in Europa geschehen war. Amerika änderte sich und Barrieren wurden aufgehoben. Vor allem in den sechziger Jahren wurde es normal, jüdisch zu sein.»
Eine gute Partnerschaft
In diese Zeit fällt auch die Entstehung von Temple Beth Emeth. Bis zur Gründung der Reformgemeinde hatte Ann Arbor lediglich eine konservative jüdische Gemeinde, Beth Israel. Eine Gruppe von Mitgliedern entschloss 1966, sich von Beth Israel zu trennen und die Reformgemeinde zu gründen. «Wir hatten schon bald 60 Familien», erinnert sich Bruce Warshal, der von 1969 bis 1975 Rabbiner von Beth Emeth war. Auf der Suche nach Räumlichkeiten bekamen sie 1970 ein Angebot von der episkopalen Gemeinde St. Clare of Assisi, deren Räume zu mieten. Für beide Gemeinden hatte die Zusammenarbeit zunächst lediglich wirtschaftliche Gründe. Die Kirchgemeinde konnte sich ein zusätzliches Einkommen sichern, ohne dabei grosse Kosten auf sich zu nehmen. Für die wachsende jüdische Gemeinde war es günstiger, Räume zu mieten, anstatt Mitgliederbeiträge für den Bau eines teuren Gebäudes auszugeben.
Marshall wurde einer der Initiatoren des Genesis-Projekts. «Ich freundete mich mit dem damaligen Reverend der Kirche, Doug Evett, an. Er war ein toller Kollege. Auch wenn er in christlicher Tradition arbeitete, hatte ich mehr mit ihm gemein als mit vielen ultraorthodoxen Juden. Es war Dougs Idee, unsere Zusammenarbeit dauerhaft zu gestalten. Wir unterhielten uns darüber zunächst nur im Privaten. Die Kirche hatte damals finanzielle Probleme und konnte gut einen Partner gebrauchen.»
Ein gemeinsamer Betsaal
Warshal war sofort begeistert und besprach die Idee mit dem Vorstand der Gemeinde. Temple Beth Emeth war mittlerweile auf 200 Familien angewachsen und immer noch auf der Suche nach einer permanenten Heimat. 1974 bot St. Clare offiziell
50 Prozent des Gebäudes zum Verkauf an, und zwei Jahre später war mit der Gründung von Genesis die rechtliche Grundlage für die Kooperation geschaffen.
Mit 650 Mitgliederfamilien ist Temple Beth Emeth heute die grösste jüdische Gemeinde von Ann Arbor, das mittlerweile neben Beth Israel auch eine orthodoxe Gemeinde und Chabad beheimatet. St. Clare hat nur knapp über 500 individuelle Mitglieder, von denen aber, so der Reverend, «die Hälfte an einem normalen Sonntag zum Gottesdienst kommt».
Der gemeinsame Betsaal ist ein schlichter Raum mit im Halbkreis aufgestellten Bänken. Im Zentrum steht eine Empore, die sowohl als Altar als auch als Bima fungiert. Nach Osten ausgerichtet findet sich ein zugeklappter Wandschrank aus dunkelbraunen Holz. Wenn man die mittleren Flügel aufklappt, findet man den Thoraschrein, klappt man die Seitenflügel auf und bringt sie in der Mitte zusammen, bilden sie ein Kreuz. Die Verwandlung von Kirche in Synagoge und umgekehrt dauert keine zwei Minuten.
Ein ungewöhnliches Projekt
Rhodenhiser weiss zwar, dass das Genesis-Projekt «etwas Ungewöhnliches» ist, sieht aber keinen Grund dafür, «dass so etwas nicht auch anderswo funktionieren kann». St. Clare und Beth Emeth leisteten in Ann Arbor Pionierarbeit. Heute gibt es in Nordamerika zehn ähnliche Kooperationen, eine davon in Kanada.
Auf die Frage, warum ausgerechnet in Amerika so eine Kooperation möglich ist, antworten Levy und Rhodenhiser unabhängig voneinander mit einer Referenz an Alexis de Tocqueville, dem französischen Philosophen, der Anfang des 19. Jahrhunderts Amerika bereiste und vor allem die Grosszügigkeit des Landes lobte. «Im Gegensatz zum säkularen Europa ist Amerika ein Kontinent des gelebten Glaubens», erklärt Rodenhiser. «Für Amerikaner ist es wichtig, ein guter Nachbar zu sein und Vielfalt zu respektieren. Dies gibt uns ein Gefühl der eigenen Identität.» Levy ergänzt, dass es im Unterschied zu Europa, wo «Ethnizität die Identität des Einzelnen definiert», in Amerika vor allem wichtig ist, «ein guter Staatsbürger zu sein, mit all den Eigentümlichkeiten, die die amerikanische Vielfalt ausmachen».
Amerikanische Identität
Teil der amerikanischen Vielfalt ist auch eine wachsende muslimische Bevölkerung. Der Bundesstaat Michigan hat den grössten muslimischen Bevölkerungsanteil aller US-Staaten. In der benachbarten Stadt Dearborn gibt es das Arab American National Museum, das erste Museum, dass sich mit der Geschichte von arabischstämmigen Amerikanern beschäftigt. «Die Identität von vielen Muslimen hier in Amerika erinnert an die von Juden in den zwanziger Jahren», meint Rhodenhiser. «Während die erste Generation, die Immigranten, noch unsicher in Bezug auf ihre amerikanische Identität ist, sind die hier Geborenen der zweiten und dritten Generation in erster Linie Amerikaner.»
Und da, so Rabbi Bob, soziales Engagement Teil der amerikanischen Identität ist, verwundert es nicht, dass St. Clare und Beth Emeth zusammen mit einer muslimische Gruppe jeden Donnerstag Essen an Bedürftige verteilen. «Jeder, der in Not ist, kann zu uns kommen und seine Essenspakete anonym abholen. Egal, welcher Religion man angehört oder auch nicht. Wir stellen keine Fragen», erklärt Levy. Mit der Zusammenarbeit von einer christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinde scheint auch hier Ann Arbor zukunftsweisend zu sein. «Warum auch nicht? Wir sind doch alle Amerikaner.»
Thanksgiving ist für Amerikaner das wichtigste Familienfest und hat nationalen Charakter. Das amerikanische Erntedankfest, das am vierten Donnerstag im November gefeiert wird, ist ein nicht religiöses Fest und verbindet alle Amerikaner. In Ann Arbor ist es Tradition, dass die Gemeindemitglieder von St. Clare und Beth Emeth den Vorabend von Thanksgiving gemeinsam feiern. «Selbst die Nichtjuden nennen diesen Tag Erew Thanksgiving», erklärt Rabbiner Levy mit einem Schmunzeln. Es ist der einzige Tag, den alle Mitglieder von Genesis gemeinsam verbringen. Jedes Jahr hält abwechselnd entweder der Rabbiner oder der Reverend eine Predigt, die für alle, egal ob jüdisch oder christlich, ansprechend ist; und dann ist das Haus an der Packard Street eben wahrlich ein Bethaus für alle.