Frankreichs Vermittlerfunktion
Das Dîner, an dem Lionel Jospin nun zum dritten Mal teilnahm, gibt dem Präsidenten des CRIF jedes Jahr die Gelegenheit, in seiner Rede auf diejenigen Anliegen einzugehen, die die jüdische Gemeinschaft Frankreichs speziell beschäftigen, und ebenso dem Ministerpräsidenten, zu diesen im Namen der französischen Regierung Stellung zu nehmen.
Es war Théo Klein, alt Präsident des CRIF, der 1985 die Idee zur Etablierung dieses Abends hatte. Dessen Ablauf ist seit dann unverändert geblieben, verändert hat sich allerdings die Anzahl wie auch die Art der Gäste. Seit Anbeginn hält zuerst der Präsident des CRIF seine Ansprache, gefolgt von der Antwort des Premierministers. Zu Beginn dieser jährlichen Veranstaltung setzten sich die ungefähr einhundert Teilnehmer noch vorwiegend aus den Leitern der Mitgliedsorganisationen des CRIF zusammen, welcher die jüdischen Verbände Frankreichs praktisch vollumfänglich in sich vereinigt und für diese die politische Wortführung wahrnimmt. Unter dem Präsidium von Théo Klein, Jean Kahn und - aktuell - Henri Hajdenberg hat der CRIF seit 1985 zusehends an Einfluss und Stellung gewonnen, und das jährliche Dîner ist Barometer und Ausdruck seiner Stärke. Dieses Jahr, wohlgemerkt, bewiesen dies die 600 Teilnehmer. Lionel Jospin liess sich denn auch von fünf seiner Minister begleiten: Martine Aubry (Soziale Angelegenheiten), Jean-Pierre Chevenement (Inneres), Daniel Vaillant (Parlamentsbeziehungen), Dominique Voynet (Umwelt) und Jean-Pierre Masserert (Kriegsveteranen). Seitens der Opposition waren der Bürgermeister von Paris, Jean Tibéri, sowie einige frühere Minister wie Philippe Douste-Blazy und Jacques Toubon auszumachen. Ebenso fiel die Präsenz etwelcher Deputierter, Senatoren und Gesandter am Europa-Parlament auf. Vertreten waren genauso praktisch sämtliche Religionen, etwa durch den Erzbischof von Paris Jean-Marie Lustiger und den Pastor Jean-Arnold de Clermont, Präsident der Protestantischen Kirchen Frankreichs. Einzig die Absenz des Oberhaupts der Pariser Moschee, normalerweise regelmässiger Teilnehmer, fiel auf. Wie jedes Jahr waren auch Vertreter der Menschenrechtsorganisationen (Licra, Amnesty International) mit dabei. Nicht zu sprechen von unzähligen Journalisten: Die nationale und internationale Presse war mit mehr als 80 Anwesenden gut vertreten.
Prominente Teilnehmerliste
Viel Interesse weckten wie immer die ausländischen Teilnehmer. Einige jüdische Gemeinschaften, jene der Türkei und der Ukraine beispielsweise, waren vertreten. Ariel Muzikant, Präsident der österreichischen Gemeinden, musste sich im letzten Moment wegen der Anti-Haider-Demonstrationen in Wien entschuldigen. Eher überraschend dagegen war die Teilnahme von Alan Hevesi, dem Finanz-Kontrolleur der Stadt New York. Mit Spannung erwarteten die Teilnehmer die Bekanntgabe der am Anlass durch Botschafter vertretenen Länder. Darunter gab es «Habitués» wie Miguel Angel Moratinos, Sondergesandter der Europäischen Union bei den Nahost-Friedensverhandlungen, oder die Botschafter verschiedener arabischer Länder wie Ägypten, Mauretanien, Tunesien, Jordanien oder Marokko. Vor einigen Jahren sorgte die Präsenz der palästinensischen General-Gesandten Leila Shahid für Aufsehen, dieses Jahr war Mohammed Ghoulami, Botschafter von Algerien, im Mittelpunkt des Interesses - sass er doch am gleichen Tisch wie der frühere französische Grossrabbiner René-Samuel Sirat und der Volkssänger Enrico Macias, beide in Algerien geborene Juden. Sie beide hatten nach dem historischen Händedruck zwischen Ehud Barak und dem algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika bei den Beisetzungsfeierlichkeiten für König Hassan II. von Marokko den Wunsch geäussert, ihr Geburtsland wieder besuchen zu können. Unter den anwesenden Botschaftern war übrigens auch derjenige der Schweiz, Benedict de Tscharner, zu finden.Der CRIF-Abend verkörpert ein einzigartiges Ereignis im politischen Leben Frankreichs schon allein durch die Tatsache, dass er unerwartete und ungewöhnliche Begegnungen möglich macht, die bei offiziellen Zeremonien oder Empfängen im Elysée-Palast oder Anlässen ähnlichen Niveaus nicht zustande kommen. Was aber seine zusätzliche Besonderheit ausmacht, ist der gepflegte Stil. Die beiden eingangs erwähnten Reden beschränken sich nämlich nicht auf den Austausch von höflichen Floskeln, sondern dienen unter Wahrung von Diplomatie und Offenheit gleichzeitig dem Ausdruck der Probleme, die die Juden Frankreichs beschäftigen. Dieses Jahr dominierten drei Themen: Das Schicksal der dreizehn im Iran der Spionage für Israel angeklagten Juden, der Friedensprozess im Nahen Osten und die diesbezügliche Rolle Frankreichs sowie die Beraubung von Juden in Frankreich während des Zweiten Weltkrieges.
Am 27. und 28. Oktober war der iranische Präsident Mohammad Khatami auf offizieller Staatsvisite in Frankreich, wobei der CRIF vor dem Palais de Justice in Paris eine Solidaritätsmanifestation mit den gefangengehaltenen Juden organisierte. In grossen Zeitungen wie «Le Monde» und «Libération» wurden von den Leitern aller politischen Parteien unterzeichnete Unterstützungspetitionen publiziert. Am CRIF-Dîner sprach Henri Hajdenberg dann Lionel Jospin direkt an: «Heute unterhält Frankreich mit dem Iran normale Handelsbeziehungen und praktiziert den \"kritischen Dialog\". Das Ayatollah-Regime jedoch unterstützt die Hizbollah entlang den Grenzen Israels, verleumdet den Friedensprozess, ruft zur Vernichtung des israelischen Staates auf, bedroht 13 Juden mit der Todesstrafe.» Der CRIF-Präsident übermittelte in der Folge eine «klare Botschaft» an die französische Regierung: «Wenn die 13 Juden im Iran Opfer eines Urteils durch ein Revolutionsgericht würden, wenn sie gehängt würden, könnte Präsident Khatami nicht seine Hände in Unschuld waschen.» Und stellte dann die Frage: «Wer könnte den Handel mit Barbaren tolerieren? Das Öl, das wir importieren? Die Lokomotiven, die wir exportieren?»
Jospin zu den jüdischen Gefangenen im Iran
In seiner Stellungnahme anerkannte Lionel Jospin, dass Frankreich sich darüber im Klaren sei, dass die Anschuldigungen gegen die 13 Juden «vollständig konstruiert» seien. Er nahm einen festen Standpunkt ein: «Es gäbe für den Iran keinen Weg zurück in die Internationale Gemeinschaft, falls er sich am Leben der 13 Juden vergreifen würde.» Er rief in Erinnerung, dass Frankreich seit Anbeginn dieser Geschichte keine Anstrengungen gescheut habe.
Henri Hajdenberg und Lionel Jospin freuten sich beide über die Impulse, die der Friedensprozess seit der Wahl Ehud Baraks erfahren hat, wie auch über die «neue Atmosphäre» in den Beziehungen zwischen Israel und Frankreich. Dabei unterstütze der Präsident des CRIF die traditionelle Position Israels: «Jerusalem wird die unteilbare Hauptstadt Israels bleiben.» Er wünschte sich eine aktive Rolle Frankreichs, um eine Annäherung Israels zu Syrien und dem Libanon zu ermöglichen. Er bat auch um Unterstützung des israelischen Ersuchens, in die Europäische Regionalgruppe der UNO aufgenommen zu werden.
Tiefe Beziehung
Lionel Jospin erinnerte daran, dass er die Bekanntschaft Ehud Baraks am CRIF-Dîner des Jahres 1997 machte. Sie waren damals beide Vertreter der Opposition. Im Verlauf des Abends übersetzte Jospin für Barak die Voten seines Vorgängers Alain Juppé ins Englische, der damals die Gründung einer Kommission zur Untersuchung der Beraubung der französischen Juden im Zweiten Weltkrieg angekündigt hatte. Während er gleichzeitig seiner Freude über den von Barak angekündigten Zeitplan der Umsetzung der Nahost-Friedensabkommen Ausdruck gab, schätzte er die Positionen der Israeli und Palästinenser als «noch weit voneinander entfernt» ein. Für den Ministerpräsidenten Frankreichs müsste sich beim jetzigen Stand der Dinge «ein Abkommen bezüglich eines palästinensischen Staates ohne allzu grosse Mühe» machen lassen. Fragen stellt sich Jospin allerdings im Zusammenhang mit Jerusalem und den palästinensischen Flüchtlingen. Ebenso zeigt sich Frankreich durch die ausstehende Aufnahme von Verhandlungen zwischen Israel und Syrien und dem Libanon besorgt. Lionel Jospin versicherte jedoch den Gästen des CRIF-Abends: «Ohne Berücksichtigung der Fortschritte im Friedensprozess bilden die Stabilität und Tiefe der Beziehungen zwischen Israel und Frankreich für meine Regierung ein Thema an sich.» Im Laufe seiner offiziellen Rede bestätigte Jospin auch seinen Willen, im nächsten Jahr nach Israel zu reisen.
Abend der Superlative
Lionel Jospin ging in seinen Ausführungen ebenso auf die Probleme der Beraubung von französischen Juden ein. Ohne die Übergabe des Schlussberichts der Untersuchungskommission abwarten zu wollen, die Anfang 2000 erwartet werde, kündigte er an, dass die Waisen von aus Frankreich deportierten Juden von Leistungen «entweder in Form von Kapitalauszahlungen oder Renten» profitieren sollen, «von einer Geste der Anerkennung der Schuld, die wir ihnen gegenüber eingegangen sind». Er machte weitere konkrete Aussagen zu diesem Thema, denn «es ist nur richtig, dass Frankreich seine Verantwortung gegenüber jenen wahrnimmt, die es schlecht behandelt hat oder die beraubt worden sind». Dieser ausserordentliche Abend der Superlative klang mit der Übergabe von Auszeichnungen an Persönlichkeiten aus, die sich um die Förderung der Zielsetzungen des CRIF verdient gemacht haben. Zum ersten Mal wurden die «Shaloms de CRIF» verliehen, und zwar an drei Personen: Philippe Kraemer, grosszügiger Mäzen der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs, Père Jean Dujardin, der auf die Verhandlungen um das Karmeliterkloster von Auschwitz sowie auf die Schulderklärung der französischen Bischöfe für ihr Verhalten gegenüber den Juden während der Schoa grossen Einfluss ausübte und schlussendlich der Soziologe und Autor Albert Memmi, der sich als Vorkämpfer des jüdisch-arabischen Dialogs verdient gemacht hat.