Fragezeichen über Fragezeichen
Verantwortung. Von einem «traurigen Tag» sprach ein Knessetabgeordneter, als das Haifaer Bezirksgericht vier Polizisten zu einem Jahr Gefängnis und einem weiteren Jahr auf Bewährung verurteilte. «Die Jungs setzen sich doch mit ihrem Leben für uns alle ein», ergänzte der Parlamentarier. Das mag stimmen, doch es bleibt ein Fragezeichen. Stehen Polizisten über dem Gesetz? Das Quartett erhielt seine Strafe verpasst, weil es in Nahariya Bomben platzierte, die zwei Personen aus der «Unterwelt» galten, welche die Ordnungshüter wiederholt unter Druck setzten. Eine Indiskretion verhinderte diesen geplanten Anschlag mitten in einer Wohngegend. Ein Erfolg hätte unbeteiligte Leben gefährdet und vielleicht gekostet. Einer der Verurteilten beklagte sich nach dem Richterspruch über das «unverhältnismässig harte Urteil». Warum auch sollte der Mann den Mund nicht voll nehmen? Der zitierte Abgeordnete und andere Repräsentanten des öffentlichen Lebens deuteten den Polizisten mit ihren verständnisvollen Reaktionen ja an, dass vor dem Gesetz alle gleich, einige allerdings gleicher sind. Der Grundsatz, dass eine Uniform Verantwortung bedeutet und ein vorbildliches Benehmen fordert, wurde mit einem Augenzwinkern à la «frère et cochon» unter den Teppich gewischt. Ein Fragezeichen bleibt, und es ist dieser Tage nicht das einzige.
Schock. Als sich letzte Woche Moni Fanan, der legendäre ehemalige Präsident von Maccabi Tel Aviv, durch Erhängen vom Leben in den Tod befördert hatte, zeigte ganz Israel zunächst Mitgefühl mit der Familie, dem Team und der jüdischen Sportwelt. Von einem Mann wie Fanan, konnte man in einem Nachruf auf den Selbstmörder lesen, werde die israelische Basketballwelt künftig nur noch träumen können. Der Traum wurde rasch zum Albtraum. Bald erhärtete sich der Verdacht, der Selbstmörder habe eine Privatbank in der «Grauzone» zwischen Legalität und Kriminalität geführt. Zahlreiche Personen im engeren und weiteren Umfeld von Maccabi Tel Aviv sollen Fanan Gelder zur Investition überlassen haben, wobei die Beträge Hunderte von Millionen Schekel betragen sollen. Ein britischer Broker soll gepatzt haben, und schon sass Fanan mit Schulden von schätzungsweise 20 Millionen Schekel da. Offenbar zog er den Selbstmord der zähflüssigen Erniedrigung vor dem Gericht und dann im Gefängnis vor.
Eigentor. Viele wussten davon, wie sich schnell herausstellte, und alle schwiegen. Fragen wurden innerhalb der «Familie» keine gestellt, doch brennende Fragezeichen bleiben. Zur gleichen Zeit, da Steuerbeamte und Polizisten in Fanans Büro und bei Maccabi Tel Aviv Ordner und elektronische Datensammlungen durchforsteten und die ersten Verhöre anstellten, siegte das Team in der nationalen Meisterschaft. Aber nicht nur das: Sport- und Kulturministerin Limor Livnat (Likud) hielt es für nötig, in diesem hochnotpeinlichen Moment nicht nur auf ein rasches Ergebnis der Untersuchungen zu hoffen, was ihre politische Pflicht war. Sie erachtete es vielmehr auch als opportun, an die sportlichen Momente zu erinnern, die Maccabi Tel Aviv heldenhaft unter Moni Fanan der ganzen Nation beschert habe. Das war ein ebenso unnötiges wie läppisches Eigentor. Fragezeichen über Fragezeichen. An Maccabi Tel Aviv, an die israelische Polizei im engeren Sinn, im weiteren Sinne aber auch an die Politiker und das Rechtssystem des Landes, eigentlich an die ganze Gesellschaft.