Formen statt Reformen

Editorial von Yves Kugelmann, June 8, 2011

Formen. Es war eine würdige, eine schöne Delegiertenversammlung (DV) des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). Doch war es auch eine gute? War es eine, die dem gerecht wird, was sie eigentlich sein sollte? Hat das jüdische Parlament des SIG wirklich debattiert? Verwaltet die Geschäftsleitung (GL) des SIG das Schweizer Judentum nur noch? Bringt sie sich etwa ein mit ¬nötigen Projekten, Anträgen und politischen Weichenstellungen nach innen? Oder managt sie konfliktscheu einfach das Bisherige, die alten Dauerbrenner Antisemitismus, Israel und all das, was von aussen so angeschwemmt wird? 

Förmlichkeiten. Es war eine würdige, eine schöne DV. Doch Formen zu wahren heisst oft, Inhalte ganz oder in die Beliebigkeit zu verbannen. Als im letzten Jahr die GL an der kurzen Genfer DV zwischen Workshops und Mittagessen den einzigen Auftrag fasste, jüdische Ehen zu fördern und diesen unkommentiert entgegennahm, war klar, dass sich die aktuelle GL lieber Internet, Intranet und Kommunikationskonzepten zuwendet, anstatt drängende Inhalte zu debattieren, die für viele unübersehbar im Raume stehen. Seit letztem Jahr gibt es inhaltliche Fragestellungen nur noch in Workshops, Podiumsdiskussionen oder obligaten Reden ausserhalb der DV, die inzwischen kürzer ist als der Eröffnungsabend. 

Formalitäten. Es war eine würdige, eine schöne DV. Mit Sorge sprach SIG-Präsident Herbert Winter vom Zerfall der Grundrechte. Eine berechtigte Sorge. Zugleich schwieg er über die zunehmende Charedisierung der orthodoxen Mitgliedsgemeinden des SIG, über die inzwischen sogar prominente Mitglieder dieser Gemeinden besorgt sprechen. Mit Sorge sprach Rolf Halonbrenner davon, dass die Religionsfreiheit der Integrationsforderung der Gesellschaft zu oft zum Opfer falle, rief Grundrechte der Schweiz an und blickte auf den Delegationstisch seiner Gemeinde, die keine Mitgliedschaft von Frauen kennt, geschweige denn Frauenstimm- und -wahlrechte oder die Möglichkeit für Frauen, SIG-Delegierte zu sein. Mit Sorge sprachen GL und Delegierte von Kritik an Israel und hatten geflissentlich Shlomo Avineris mahnende, einordnende und scharf differenzierende Worte vom Abend zuvor überhört, die durchaus auch eine profilierte Haltung – ja eine Haltung – gegenüber Fragen im Nahen Osten betrafen. Eine inhaltliche Diskussion an der DV blieb aus.

Formlos. Es war eine schöne, eine würdige DV. Der Eintrag Alfred Donaths ins Goldende Buch des SIG war einer der bewegenden Momente. Doch die schönen Worte verkannten, dass Donath kein Schönwetterpräsident war, sondern Politik betrieb und sich gerade deshalb Kritik einhandelte. Er wollte die Liberalen in den SIG aufnehmen, er kämpfte an vorderster Front gegen Funktionärstum, beendete unhaltbare Zustände im Jüdischen Weltkongress oder bei den gescheiterten Eigenproduktionen Media Watch und Jüdisches Medien-Forum. Er war Mitinitiant des Rats der Religionen. Er forderte eine Neugründung des SIG und arbeitete in den letzten Monaten seiner Präsidentschaft mit gewichtigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft wie Rolf Bloch, Claudia Kaufmann, Ruth Dreifuss und anderen ein Reformpapier aus, das mit Wissen der amtierenden GL in der Schublade mit anderen kostspieligen Reformpapieren verschwand. Donath forderte eine Amtszeitbeschränkung für das völlig überalterte Centralcomité (CC) mit Sesselklebern, die vor Kurzem noch zu Recht, aber paradoxerweise gegen eine Amtszeitverlängerung der GL stimmten. 

Reformen. Es war eine schöne, eine würdige DV. Doch war es auch eine gute? Nein. Es war eine halbherzige mit halbherzigen Reformvorschlägen, die den SIG und vor allem die Mitgliedsgemeinden kaum weiterbringen. Nur Philippe Grumbachs Rede vor den Delegierten widmete sich ernsthaft einer wirklichen Problemstellung des SIG. Und Herbert Winter zeigte in seiner Rede mit George Bernard Shaws Bonmot die Verwirrung: «Tradition ist eine Laterne – der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg.» Herbert Winter ist ein kluger Präsident. Nun soll er im verbleibenden Amtsjahr dem SIG den Weg leuchten. Politik macht man nicht mit schönen Reden, sondern mit Vorlagen, Anträgen, Motionen, Projekten und deren Umsetzung. Treffender wäre folgende Prämisse Shaws für den SIG gewesen: «Hätte man bei der Erschaffung der Welt eine Kommission eingesetzt, dann wäre sie heute noch nicht fertig.» Statt eigener Grundsatzarbeit zu immer wieder geforderten Themen setzt die GL auf eine im CC eingebrachte Kommission, die zunächst wenig Neues, aber viel Abstraktes bringt. Etwas wenig für das letzte Legis¬laturjahr. Schade.