Fluchtpunkt spanische Karibik
Das Institut für Lateinamerika und die Iberische Halbinsel an der Universität von New Mexico arbeitet an
einem Projekt, das die Geschichte sogenannter heimlicher oder Kryptojuden auf den einst unter spanischer Herrschaft stehenden Inseln der Grossen Antillen – Kuba, Dominikanische Republik, Puerto Rico und Jamaika (vor der Übernahme durch die Briten) dokumentieren soll. Im Zentrum unseres Interesses stehen Menschen, die nach aussen hin als Spanier katholischen Glaubens auftraten, aber Nachkommen der ursprünglichen Conversos waren, derjenigen Juden, die nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 zum Katholizismus übergetreten waren. Viele dieser «heimlichen Juden» fanden zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert in die spanische Karibik. Dort sind ihre Nachkommen immer noch anzutreffen. Aber im Verlauf der letzten Generationen ist ein Gutteil ihres Erbes verlorengegangen und bestimmte Gebräuche erfuhren tiefgreifende Veränderungen.
Später Gang an die Öffentlichkeit
Erst heute, nach fast 500 Jahren im Verborgenen, treten die Nachkommen der Conversos in verschiedenen Teilen der spanischen Welt an die Öffentlichkeit. Unser wissenschaftliches Projekt sucht die Zusammenarbeit mit ihnen, um ihre möglichen sephardischen Wurzeln zu untersuchen und zu diskutieren. Damit soll eine Forschungslücke nicht nur in der jüdischen, sondern auch in der karibischen Geschichte geschlossen werden. Im Gegensatz dazu existiert bereits solide Fachliteratur zu Gemeinschaften «heimlicher Juden» in Mexiko und im heutigen Südwesten der USA. Gut erforscht sind auch die sephardischen Juden, die ihren Glauben offen auf den britischen, französischen und niederländischen Karibikinseln ausüben konnten.
Sofern es uns gelingt, Licht in das Leben «heimlicher Juden» unter der spanischen Krone zu bringen, kann die Forschung endlich Beziehungen zwischen ihnen und ihren heutigen Nachkommen nicht nur in der Karibik, sondern auch in Mexiko, Südamerika, Spanien und Portugal herstellen. Dazu gehören ebenso demografische Informationen wie solche über Berufsleben und Migrationsmuster. Haben «heimliche Juden» auch in der spanischen Karibik eine bedeutende Rolle im Handel gespielt, waren sie Bindeglieder zwischen dem Mutterland und dessen weltumspannendem Reich? Waren sie etwa als Sklavenhändler tätig und hatten Kontakte mit offen praktizierenden Juden – zunächst sephardischer, dann ab dem
19. Jahrhundert auch aschkenasischer Herkunft – ausserhalb des spanischen Machtbereichs?
Historischer Hintergrund
Die Wurzeln der «heimlichen Juden» in der Karibik führen weit zurück in die spanische Geschichte. Obwohl Legenden von einer jüdischen Präsenz bereits im 6. Jahrhundert v. d. Z. auf der Iberischen Halbinsel sprechen, ist sie erst für die spätrömische Epoche sicher belegt. Unter westgotischer Herrschaft bildeten sich Muster heraus, die das Leben spanischer Juden über viele Jahrhunderte bestimmen sollten. In katalanischen und andalusischen Städten sowie in Toledo konzentriert, waren Juden im Nah- und Fernhandel tätig, verwalteten aber auch Güter des christlichen Adels. Daneben besassen einige Juden Land, das sie entweder selbst bewirtschafteten oder von Sklaven bewirtschaften liessen. Ihr Verhältnis zu den Westgoten war indes alles andere als friedlich. Die germanischen Herrscher beschränkten den Zugang zu öffentlichen Ämtern, Möglichkeiten von Heiraten mit Christen und den Bau von Synagogen. Im 6. und 7. Jahrhundert kamen intensive Bekehrungsversuche hinzu, denen jedoch kaum Erfolg beschieden war. Wie ihre Nachfahren in der Karibik hielten die ihrem Glauben treu Gebliebenen an grundlegenden Regeln und Gebräuchen wie dem Einhalten des Schabbats und der Festtage, der Beschneidung der Speisegesetze fest.
Diese schwierigen Lebensbedingungen fanden mit der muslimischen Eroberung nahezu der gesamten Iberischen Halbinsel ab dem Jahr 711 ein Ende. Obwohl die Muslime keineswegs unbeschränkte Glaubensfreiheit zuliessen, brachten sie doch eine Atmosphäre religiöser Toleranz über die Strasse von Gibraltar. Auch die Barrieren sozialer und wirtschaftlicher Mobilität verschwanden nahezu vollständig. In Territorien unter muslimischer, später auch unter christlicher Herrschaft wurde jüdischen Gemeinden ein grosses Mass an Autonomie bei der Verwaltung ihrer Angelegenheiten gewährt. Jüdische Siedlungen breiteten sich von Córdoba, Sevilla, Granada und anderen urbanen Zentren in Andalusien über die gesamte Halbinsel und bis ins 13. Jahrhundert auch in die christlichen Fürstentümer in Kastilien, León und Aragón aus.
Juden waren damals häufig im städtischen Gewerbe, in Handel und Handwerk, aber auch als Steuereintreiber des christlichen Adels tätig. Es war diese Rolle, die ihnen Verachtung und Feindseligkeit ihrer meist ärmeren, christlichen Nachbarn besonders auf dem Land einbrachte.
Konversion ohne innere Überzeugung
Durch Bürgerkriege, Besteuerung und Kreuzzüge gegen Ungläubige verstärkt, nahm diese Feindseligkeit im Lauf des 14. Jahrhunderts immer deutlichere Formen an, während die Kirche eine aggressive Konvertierungskampagne begann. Diese war besonders unter den gebildeteren und wohlhabenderen Juden erfolgreich, die das Christentum jedoch häufig ohne innere Überzeugung annahmen. So blieben viele Conversos ihren alten Synagogengemeinschaften treu, kamen aber gleichzeitig in den Genuss der gesellschaftlichen Chancen, die ihnen als «neuen Christen» offenstanden. Die Conversos bildeten rasch eine neue Elite von Höflingen, Amtsträgern und Literaten, die sich in Herkunft, Verhalten und Auftreten deutlich von den «alten Christen» unterschieden. Dies führte im 15. Jahrhundert zu einer wachsenden Antipathie der etablierten, christlichen Gesellschaft gegenüber den Conversos.
Das Herrscherpaar Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien nutzte diese starken Emotionen ihrer Untertanen zur Konsolidierung ihrer Macht. So erscheint die Etablierung der Inquisition im späten 15. Jahrhundert als Ausfluss sowohl einer tief sitzenden religiösen Antipathie gegenüber den Conversos als auch als machtpolitische Kalkulation der Monarchen. Diesen war das wachsende ökonomische Potenzial der aufstrebenden, vorwiegend aus Juden und Conversos bestehenden Mittelschicht ein besonderer Dorn im Auge.
Als die Herrscher am 31. März 1492 die Vertreibung der Juden aus Kastilien und Aragón befahlen, nahm die Zahl des Conversos noch einmal deutlich zu. Vermutlich flohen aber mehr als die Hälfte der dortigen etwa 200 000 Juden ins Ausland, vorwiegend nach Portugal. Von nun an war der Katholizismus die einzige in Spanien und dessen Weltreich, das im gleichen Jahr mit den Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus zu entstehen begann, erlaubte Religion. Ständig bedroht von der Inquisition, wurde die Ausübung des jüdischen Glaubens damit nur noch im Verborgenen möglich. Obwohl auch die etwa 60 000 nach Portugal geflohenen Juden aus Spanien unter dem Druck zur Konversion standen, herrschte dort doch für etliche Jahrzehnte eine tolerantere Atmosphäre. Dies ermöglichte die Entstehung einer eigenen portugiesischen Converso-Kultur. Deren Angehörige taten sich besonders im Handel und im Bankwesen des portugiesischen Weltreichs hervor, was ihnen den Konkurrenzneid christlicher Kaufleute und Bankiers eintrug. Aber auch Adel und Kirche in Portugal wandten sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts zunehmend gegen die Conversos. Endgültig besiegelt wurde deren Schicksal durch die Vereinigung der iberischen Königtümer unter spanischer Krone im Jahr 1581.
Verfolgt von der Inquisition, flohen «heimliche Juden» aus Portugal in die spanischen Kolonien in Amerika und der Karibik. Diese Entwicklung erreichte ihren Höhepunkt in den 1620er-Jahren. Die Karibik bot nicht nur wirtschaftliche Chancen, sondern auch Distanz zu den Zentren der Inquisition in Mexiko und Spanien und damit eine gewisse Sicherheit für das heimliche Festhalten am Judentum. Die Neuankömmlinge aus Spanien und Portugal fanden in der Karibik Ende des 16. Jahrhunderts keine feindselige Atmosphäre vor, da sich in den Häfen Kubas und der Nachbarinsel Española bereits Gemeinschaften «heimlicher Juden» etabliert hatten. Solche fanden sich auch auf den Militärstützpunkten Puerto Ricos und auf Jamaika, das vor seiner Eroberung durch die Briten im Jahr 1655 ein Zentrum der Viehzucht war. Wir können davon ausgehen, dass sich die «heimlichen Juden» dieser Inseln in erster Linie im Handel betätigten.
Forschungsansatz
Beginnend mit einer umfassenden Untersuchung der existierenden Fachliteratur, ist das Projekt in fünf Phasen gegliedert. Danach soll eine möglichst vollständige Untersuchung der Quellen in Spanien, Portugal, England, Mexiko, Peru, Kuba, der Dominikanischen Republik, Jamaika und Puerto Rico folgen. Dabei nehmen die Gerichtsprotokolle («procesos») des 1483 eingerichteten heiligen Amtes der Inquisition eine zentrale Bedeutung ein, bieten sie doch eine Fülle demografischer, biografischer und ethnografischer Informationen. Wer sich der Inquisition entziehen wollte, floh häufig nach Mexiko und dort vor allem in die nördlichen Randgebiete der Kronkolonie. In meiner Doktorarbeit «The Crypto-Jewish Community of New Spain, 1620–1649: A Collective Biography» (Tulane University, 1980) konnte ich nachweisen, dass etliche «heimliche Juden» in Mexiko zuvor geraume Zeit auf Kuba und Santo Domingo, dem damals spanischen Ostteil der Insel Hispaniola, verbracht hatten.
Danach wollen wir weitere Quellen der spanischen Kolonialbehörden auf Bezüge zur Präsenz «heimlicher Juden» analysieren, aber auch nach Menschen auf den genannten Inseln suchen, die entweder Kenntnisse über sephardische Wurzeln ihrer Familien haben oder eine der Immunkrankheiten aufweisen, die in jüdischen Gemeinschaften besonders häufig anzutreffen sind. Die Spurensuche wird sich des Interviews und anderer Mittel der Anthropologie bedienen und soll über Kontakte mit Personen, die bereits über ihre jüdischen Wurzeln sprechen, zu anderen führen, die gleicher Herkunft und noch nicht an die Öffentlichkeit getreten sind. Von Seth Kunin von der University of Durham, England, angewandt, hat sich diese Methodik bereits in New Mexico als fruchtbar erwiesen. Kunin wird als Anthropologe an diesem Projekt mitarbeiten. Von grundsätzlicher Bedeutung ist für uns eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen und Personen. Am Ende unseres Vorhabens sollen eine oder mehrere Buchpublikationen stehen.
«Heimliche Juden» und ihre Nachkommen stellen ein bedeutendes Element im multiethnischen Mosaik der Grenzregionen des spanischen Amerika dar. Seit den 1490er-Jahren auf der Flucht vor der Inquisition, konnten sie mit umso grösserer Sicherheit rechnen, je weiter sie sich von den Zentren spanischer Herrschaft entfernten. Davon ausgehend, dass die karibischen Inseln unter der Krone Spaniens eines dieser Zufluchtgebiete darstellten, versuchen wir, Licht in diese bislang weitgehend unbekannte Lebenswelt zu bringen. ●
Stanley M. Hordes ist Forschungsprofessor am Institut für Lateinamerikanische und Iberische Studien an der Universität von New Mexico in den USA.