Fluch oder Segen?

Von Fabio Luks, February 25, 2011
Seit die Westumfahrung am 4. Mai 2010 eröffnet wurde, wird die Weststrasse sukzessive vom Durchgangsverkehr befreit. Was für die Hauseigentümer einer Goldgrube gleichkommt, ist der ärmeren Mieterschaft ein Dorn im Auge.

Bis anhin galt die Weststrasse als eines der ungemütlichsten Wohngebiete der Stadt Zürich. Tausende von Personen- und Lastwagen rasten tagtäglich über den Strassenzug, der einer Stadtautobahn gleichkam, und hinterliessen den Anwohnern Abgase, Lärm und Russ. Doch dieses Bild gehört schon bald der Vergangenheit an, denn seit der Eröffnung des Üetlibergtunnels und der Westumfahrung wird die Weststrasse schrittweise zur Quartierstrasse mit Tempolimit 30 und breiten Trottoirs umgebaut.

Quartieraufwertung

Die Arbeiten sollen bis Ende 2011 beendet sein. Als direkte Folge des Wandels wird von der Stadt Zürich eine Verkehrsabnahme von 90 Prozent prognostiziert. Natürlich ist die damit einhergehende Senkung der Lärm- und Schadstoffbelastung für die Anwohnerschaft begrüssenswert, gleichzeitig muss aber auch, durch die verbesserten Wohnbedingungen, von einem massiven Anstieg der Mietzinse ausgegangen werden. Die Liegenschaftsbesitzer, welche an der Weststrasse oft nicht Immobilienfirmen, sondern Private, Erbengemeinschaften und Kleinfirmen sind, planen Renovationen und zum Teil Neubauten, um den von der Stadt geschaffenen Mehrwert abzuschöpfen. Was sich durch diese Eingriffe bestimmt wandeln wird, ist das Bild der Mieterschaft: von Klein- zu Grossverdienern, von Studenten zu Bankern.

Jüdische Lebenswelt an der Weststrasse

Die Weststrasse ist besonders bei orthodoxen Juden ein beliebter Wohnort. Man findet hier die jüdische Primarschule Jeschiwe Ketane und die jüdisch-orthodoxe Gemeinde Agudas Achim. Vis-à-vis des Gemeindehauses ist ein roter Neubau, welcher seit 2006 an der Weststrasse 115 steht und neben dem koscheren Supermarkt Koscher City 28 Eigentumswohnungen beinhaltet, die ganz auf die Bedürfnisse orthodoxer Juden ausgerichtet sind: Küchen mit je zwei Schüttsteinen, Kühlschränken, Geschirrspülmaschinen und Besteckschubladen sowie einem Lift, den man auf Schabbatbetrieb umschalten kann. Die Weststrasse bietet also ein Umfeld, in dem sich ein orthodoxer Jude wohl fühlen kann. Fragt sich nur: Wie lange noch? Denn es ist davon auszugehen, dass mit dem Anstieg der Mietpreise mindestens ein Teil der Bevölkerung von der Weststrasse vertrieben wird, und dazu gehören wohl auch einige Juden. Dass der ganze Strassenzug von einem jüdischen Investor aufgekauft und zu günstigen Preisen an Juden vermietet würde, wie ein Gerücht vor einiger Zeit besagte, wird wohl nicht eintreffen, aus dem einfachen Grund, dass fast jedes Haus seinen eigenen Besitzer mit individuellen Ansprüchen hat.