Flop mit Madonna
Wallis Simpson hat den britischen König Edward VII. geheiratet und damit Grossbritannien kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in eine Verfassungskrise geworfen. Zudem hat die Amerikanerin Simpson mit den Nazis sympathisiert. Sie ist deshalb für viele Briten bis heute eine Hassfigur. Doch wie der «Guardian» nun schreibt, hat Simpson zwar Schimpf und Schande verdient, aber eines nicht: als Protagonistin von «W.E.» aufzutreten, dem neuen Film von Madonna. Das Blatt nennt das 35 Millionen teure Epos «ausserordentlich dümmlich, eitel und völlig missraten» und bildet damit keineswegs die Ausnahme. «W.E.» fiel bei der internationalen Kritik auf den Filmfestspielen von Venedig beinahe ausnahmslos durch.
Ein herber Schlag
Dies ist nicht nur für Madonna persönlich ein herber Schlag, sondern auch für Harvey Weinstein, dessen Firma den amerikanischen Vertrieb des Films übernommen hat. Der legendäre Produzent kennt Madonna seit den 1980er-Jahren und hat mit seiner damaligen Firma Miramax 1991 die Dokumentation «Im Bett mit Madonna» vertrieben – bis heute der einzige Film mit der Sängerin, der solide Gewinne abgeworfen hat. Der Popstar mit Wahlheimat London versucht sich seit 1985 mit sehr durchwachsenen Ergebnissen als Schauspielerin und ist deshalb am Ende ihrer Ehe mit dem Regisseur Guy Ritchie 2008 in das Regiefach gewechselt. Ihre Premiere, das Rock-Drama «Filth and Wisdom», wurde von der Kritik jedoch so gnadenlos verrissen, dass The Weinstein Company «W.E.» derzeit als das Erstlingswerk Madonnas bezeichnet.
Neben guten Erinnerungen an «Im Bett mit Madonna» konnte Weinstein auch mit Wallis Simspon als Filmfigur erfreuliche Erfahrungen machen, hat er doch in diesem Frühjahr bei den Oscars mit «The King´s Speech» den Preis für den besten Film geerntet. Das packende Historiendrama schildert die Konsequenzen der Simpson-Affäre für den stotternden Prinzen Albert, der seinem verliebten Bruder Edward 1936 auf den Thron folgen musste. «The King´s Speech» hat zudem weltweit über 400 Millionen Dollar eingespielt und selbst Skeptiker in der Branche davon überzeugt, dass Weinstein seine Nase für gute Kinostoffe trotz zahlreicher Flops nicht verloren hat.
Hinter den Erwartungen zurückgeblieben
Der Produzent hat zwar gemeinsam mit seinem älteren Bruder Bob Hollywood mit originellen und riskanten Filmen wie «Pulp Fiction» erneuert, die trotz überschaubarer Budgets zu Welterfolgen wurden. Gleichzeitig liess sich Weinstein aber zu abenteuerlichen oder schlicht albernen Projekten wie dem 50 Millionen Dollar teuren Fellini-Verschnitt «Nine» (2009) hinreissen, die ihn immer wieder an den Rand des Ruins gebracht haben. Als Katastrophe erwies sich Weinsteins Versuch, Ende der 1990er-Jahre ein Multimedia-Imperium aufzubauen, das etwa mit dem Nachrichtenmagazin «Talk» gescheitert ist. Der heute 59-Jährige zog sich daher auf seine Kernkompetenz zurück, auch wenn sich die Weinstein Company daneben für TV-Produktionen wie «Project Runway» verantwortlich zeichnet. Gleichzeitig haben die Brüder das Geld für ihre anspruchsvollen Produktionen mit ihrer auf Horror-Streifen und Serien wie die «Spy Kids» spezialisierten Marke «Dimension Films» verdient. Diese musste in den letzten Monaten allerdings eine lange Reihe von Misserfolgen einstecken. Auch die unter dem Weinstein-Label lancierte Kömodie «Our Idiot Brother» mit Paul Rudd ist jüngst weit hinter den grossen Erwartungen des Studios zurückgeblieben.
Einfallsreichtum gefragt
Dazu kommt nun der offenkundige Flop von «W.E.». Allerdings ist bereits seit dem Frühsommer zu hören, das Weinstein mit der Qualität des Films unzufrieden ist. So sollen Probeaufführungen in New York so miserabel ausgefallen sein, dass er angeblich Umschnitte verlangt hat. Zuvor hatten Streitigkeiten zwischen Madonna, Schauspielern und anderen Beteiligten negative Publicity für «W.E.» ausgelöst. Die Branche wundert sich derzeit jedoch in erster Linie um die Zukunft des opulent ausgestatteten Historiendramas. Weinstein gilt seit seinen Tagen an der Spitze des Studios Miramax, dass er 1979 mit seinem Bruder Bob ins Leben rief, als ebenso einfallsreicher wie aggressiver PR-Spezialist. Er ist vor allem für den Elan bekannt, mit dem er Produktionen wie «Shakespeare in Love» (1998) im Vorfeld der Verleihungen bei den Mitgliedern der für die Oscars massgeblichen Film-Akademie zu bewerben pflegt. Angeblich hat Weinstein sogar den Regisseur Sidney Pollack auf dem Sterbebett bedrängt, für eine seiner Produktionen zu stimmen.
Insider spekulieren derzeit, dass der Kino-Pionier seine Vertragspflichten einhält und «W.E.» im Dezember in die amerikanischen Kinos bringt. Dieser Zeitpunkt gilt als «Oscar-Korridor», in dem die Studios nach den effektüberladenen «Blockbustern» des Sommers anspruchsvollere Ware präsentieren, um damit im März prestigereiche Auszeichnungen einzuheimsen. Aber der Branchendienst «deadline.com» erwartet nicht, dass Weinstein Werbemittel in den Madonna-Film investieren wird. Stattdessen dürfte sich der Produzent auf einen anderen Film mit britischer Thematik konzentrieren: Ende Jahr will er «Iron Lady» in die Kinos bringen, in der Meryl Streep die Premierministerin Margaret Thatcher darstellt. Daneben hält die Weinstein Company mit «The Artist» eine anregende Verbeugung vor der Stummfilm-Ära in petto, die dank einer cleveren Internet-Kampagne bereits grosses Interesse findet.