Flexible und kreative Jugendliche

Von Daniel Zuber, July 22, 2011
Das Nationale Forschungsprogramm Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft präsentiert nach und nach seine Resultate. Ein Blick auf Ergebnisse ausgewählter Projekte zum Themenbereich Jugend und Religiosität.
JUGEND UND RELIGION Die Basketballerin Sura al-Shawk trägt ihr Kopftuch aus religiöser Überzeugung

Die religiöse Landschaft der Schweiz ist heute lange nicht mehr so homogen wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Das Thema Religion erfreut sich auch in Politik und Medien wieder vermehrter Aufmerksamkeit, es bewegt die Bevölkerung. Die wissenschaftliche Aufarbeitung jedoch hinkt hinterher.
Der Fragekatalog rund um das Thema Religion in der modernen Gesellschaft ist riesig. Um verlässliche Antworten zu finden, hat der Bundesrat am 2. Dezember 2005 das Nationale Forschungsprogramm Religionsgemeinschaften, Staat, Gesellschaft (NFP 58) bewilligt. Zehn Millionen Franken wurden dafür gutgeschrieben. Nach der Ausschreibung des Programms mit insgesamt fünf Themenschwerpunkten wurden 135 Projektskizzen eingereicht, wie der Präsident der Leitungsgruppe des NFP 58, Christoph Bochinger erzählt. Ausgewählt wurden letztlich 28 Projekte. Seit 2007 laufen die Forschungsarbeiten, welche heute alle weitgehend abgeschlossen sind. Die Ergebnisse werden nun laufend publiziert oder sind bereits zugänglich. Jüngst wurden Forschungsresultate aus ausgewählten Projekten zum Thema «Religion in der Schule, Religiosität von Jugendlichen und Grenzziehungsprozesse in einer religiös pluralen Schweiz» präsentiert. Die Resultate geben unter anderem Auskunft darüber, wie Jugendliche mit der religiösen Vielfalt der Schweiz umgehen und welche Rolle Religion für ihre Identitätsfindung spielt.

Religion und sozialer Ausschluss

Sehr interessant ist dabei die Untersuchung «Religion und Ethnizität – eine Untersuchung mit jungen Erwachsenen», welche verdeutlicht, dass Religion und Herkunft für Jugendliche eine wichtige Rolle spielen, um Grenzen zu ziehen. Besonders Jugendliche, die nicht zu einer religiösen Minderheit gehören, unterscheiden über Religion und Ethnizität zwischen der eigenen Person und «den anderen», stellt die Forschungsgruppe fest. Dabei werden verbreitet Vorstellungen der Religionsausübung wie Fundamentalismus, religiöser Zwang und Einschränkungen oder die Zurschaustellung religiöser Bräuche mobilisiert, als «anders» empfunden und moralisch abgewertet. Oft werde etwa eine generelle Geschlechterungleichheit im Islam postuliert und einer vermeintlichen Geschlechtergleichheit in der Schweiz entgegengesetzt. Gerade albanischsprachige und muslimische Jugendliche seien besonders stark von Grenzziehungsprozessen betroffen, so die Forschenden. Janine Dahinden, eine der Leiterinnen der Forschungsgruppe, kommentiert, dass albanischsprachige Jugendliche eine Gruppe bilden, die seit Langem von einer sehr starken ethnischen Stigmatisierung betroffen ist und neu auch «musliminisiert» werde. «Die Kategorie ‹Albaner› wird dabei von den Jugendlichen manchmal durchaus auch auf alle Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien bezogen», ergänzt Dahinden.

Religion und Identität

Die «Bedeutung von Werten und Religiosität für Jugendliche» hat eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Christoph Morgenthaler und Christoph Käppler untersucht. Die Religion spiele für die Identitätsfindung von Jugendlichen im Allgemeinen eine untergeordnete Rolle, konstatieren die Forschenden, allerdings bestünden dabei grosse Unterschiede je nach Religionszugehörigkeit. Für jüdische Jugendliche sowie für Angehörige einer Freikirche und für Muslime ist die Religion laut der Studie gar die wichtigste Identifikationsgrösse. Die Daten der Studie lassen jedoch keine repräsentativen Schlüsse über «die jüdischen Jugendlichen in der Schweiz» zu, wie Kathrin Brodbeck, Mitarbeitende der Forschungsgruppe betont. «Wir konnten lediglich 14 jüdische Jugendliche für die Teilnahme an der Studie gewinnen», so Brodbeck. «Über diese lässt sich sagen, dass sie hinsichtlich ihrer Religiosität in etwa im Durchschnitt der Stichprobe liegen und damit nicht besonders religiös sind.» Glaube und Gebet spielten eine eher untergeordnete Rolle für sie. Wichtiger sei ihnen die religiöse Suche und das religiöse Interesse. «Die jüdischen Jugendlichen fühlen sich ihrer religiösen Gemeinschaft sehr zugehörig und identifizieren sich mit ihr», erklärt Brodbeck.

Religion und Migration

Dass jugendliche Secondos flexibel und kreativ mit ihrer Religion und Kultur umgehen, hat das Forschungsprojekt «Migration und Religion: Perspektiven von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz» herausgefunden. Das Forschungsteam hat mit Jugendlichen, deren Eltern aus Südasien und aus Südosteuropa eingewandert sind, gearbeitet. Die Befragten zeigten oft grosses Interesse an ihrer Herkunft und der Religion der Eltern und würden eigene Wege finden, diese zu erkunden, erzählt Brigit Allenbach vom Projektteam der Forschungsgruppe. Dabei erfolge die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit Religion oft auf eigenständiger Basis. Viele weibliche Musliminnen würden beispielsweise das Fasten im Ramadan ausprobieren, auch wenn die übrigen Familienmitglieder gar nicht oder nur am Wochenende fasten. «Was dabei herauskommt, ist ein eigener Zugang zur Religion, der nicht unbedingt mit Aktivitäten in einer religiösen Gemeinschaft verbunden ist», erklärt Allenbach. «In den Sozialwissenschaften nennt man das auch ‹Erfindung von Tradition›.» Lange nicht alle Jugendliche würden sich jedoch für Religion interessieren, so Allenbach: «Die Diaspora ist kein homogener Block.»