Ferien und Musik im «Borscht Belt»
Wer sich in dem legendären Teich nahe der Wiese abkühlen will, auf der vor 40 Jahren das Woodstock-Festival stattfand, bekommt es heute auch in Badekleidung schnell mit besorgten Sicherheitsleuten zu tun. Sie halten auf Ordnung im Bethel Woods Center of the Arts, das auf dem Konzertgelände steht. Die drei Tage voll Frieden und Musik im August 1969 mögen die Welt verändert haben. Aber wer heute an den Ort des Festivals in den Catskills-Bergen 130 Kilometer nordwestlich von New York City kommt, erlebt dort vor allem die Umwandlung der Gegend – in die effizient organisierte Häppchenkultur des postmodernen Konsumzeitalters. In Bethel Woods find et zum Jahrestag am 15. August ein Konzert mit einigen ergrauten «Helden von Woodstock» statt, aber im Mittelpunkt des Zentrum stehen ein Souvenirladen und neuerdings auch ein Museum. Dieses wartet mit einer bescheidenen Auswahl zeitgenössischer Exponate auf – am schönsten ist der bunte Bus der «Hog Farm»-Kommune. Den bleibenden Eindruck hinterlässt jedoch digitale Technik, die ungeduldigen Touristen «Woodstock» als leicht konsumierbares «Erlebnis» nahebringen will. Für 13 Dollar Eintritt flimmern auf Bildschirmen und Leinwänden kurze Clips mit Ausschnitten aus dem Konzertfilm, Augenzeugen- und zeitgenössischen TV-Berichten.
Die «jüdischen Alpen»
Das Museum bettet «Woodstock» in ein Mischmasch von Vietnam-Protest, Sex, Drogen, Rock´n´Roll und Bürgerrechtsbewegung ein. Gänzlich fehlt dagegen der kulturhistorische Hintergrund der Region, in der das Ereignis stattfand. Das Museum versäumt es auch, die Strahlkraft des Festivals gerade auf die weitere Umgebung der Wiese in dem winzigen Flecken Bethel auszuloten. Doch die naturtrunkenen Bilder nackt badender Blumenkinder ignorieren die Tatsache, dass sich die weite Hügellandschaft der Catskills seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Wiege des modernen Massentourismus entwickelt hatte. Um 1950 waren die Catskills das bedeutendste Feriengebiet der Welt. Hier suchte jährlich etwa eine Million meist jüdischer New Yorker Erholung in Bungalowsiedlungen und Resorthotels, in denen die erste Garnitur des amerikanischen Entertainments von der Duke Ellington Big Band bis hin zu Komikern wie Jerry Lewis und Woody Allen auftrat. Für die jungen – und durchweg jüdischen – Veranstalter war es daher gar nicht abwegig, statt Tony Bennett oder Connie Francis einmal Janis Joplin und Jimi Hendrix in die «jüdischen Alpen» zu holen. Während des Festivals schickten die grossen Resorts Nahrungsmittel auf das Gelände, zuvor hatten Michael Lang, Artie Kornfeld und die anderen Veranstalter ihr Hauptquartier in einem nahegelegenen Ferienhotel aufgeschlagen, das von den Eltern ihres Mitstreiters Elliot Teichberg betrieben wurde. Teichbergs Erinnerungen an das Festival wurden im vergangenen Frühjahr Grundlage des Films «Taking Woodstock» von Ang Lee.
Der Geschichte und der soziokulturellen Bedeutung der Catskills widmet sich mit grosser Leidenschaft der Soziologe Phil Brown. Als bekennende «Bergratte» hat der Sohn lokaler Hoteliers das Catskills-Institut gegründet, das seit 15 Jahren Konferenzen über die Catskills abhält und eine Website betreibt. Im Gespräch mit dem «Merkur» in seinem Büro an der Brown University in Rhode Island rollt Brown die Geschichte der Catskills auf, deren Namen auf die Besiedlung der Region durch die Holländer im 17. Jahrhundert hinweist. Im Altniederländischen bezeichnet «kill» einen Wasserlauf. Aber wie das an den Schwarzwald erinnernde Mittelgebirge zu der «Katze» kam, weiss auch Brown nicht zu sagen.
Jüdisches Familienleben
In den 1920er-Jahren entwickelten sich kleine Hotels und Anlagen mit winzigen Bungalows, so Brown: «Nach 1945 erlebte die Region einen wahren Boom. Damals existierten 500 Bungalowsiedlungen und ebenso viele Hotels. Das grösste, das Concord, nahe der Kleinstadt Monticello, hatte 1500 Zimmer, ein Hallenbad, 48 Tennis- und drei Golfplätze.» In den Bungalowkolonien und Hotelanlagen lernten Manager und Familienunternehmer eine grosse Zahl von Gästen zu transportieren, unterzubringen, zu ernähren und zu amüsieren. Das Schlagwort «alles inklusive» wurde in den Catskills geboren. Da das primäre Baumaterial Holz, Grundnahrungsmittel und Arbeitskräfte reichlich und kostengünstig vorhanden waren, konnten es sich Brown zufolge auch die jüdischen Arbeiter in der New Yorker Textilindustrie leisten, für ein paar Sommertage in die Berge zu gehen. Alternativen gab es kaum, da Juden in vielen Strandbädern unerwünscht waren, sagt Brown: «Wenn es da nicht gleich hiess ‹Juden und Hunde nicht erwünscht›, wurde mit dem Code ‹Kirchen nahebei› geworben.» In den Catskills waren die Immigranten dagegen unter sich. Hier konnten sie ausspannen, ungestört jiddisch sprechen und ihre von Osteuropa her gewohnte koschere Küche mit Speisen wie Borscht geniessen. Der kalten Suppe aus roter Bete verdankt die Region auch den Beinamen «Borscht Belt».
Die Catskills wurden zu einem festen Bestandteil des jüdischen Familienlebens: Kinder besuchten das Tages-Camp, als Jugendliche arbeiteten sie im dazugehörigen Hotel als Kellner «und ein paar Jahre später haben die gleichen Leute dort ihre Heirat gefeiert. Kellner, Büroangestellte und die Chefköche waren meist jüdisch, die übrigen Arbeitskräfte dagegen nicht. Die Hotels und Bungalows waren durchweg in Familienbesitz», so Brown. Der Soziologe versteht diesen Mikrokosmos als «Dekompressionskammer», in der die Immigranten ihre jüdische Identität beibehalten und gleichzeitig zu «modernen» Amerikanern werden konnten, «die Urlaub machten wie ihre nicht jüdischen Mitbürger auch». Doch die durch die Catskills mitermöglichte, behutsame Assimilierung der Immigranten läutete auch das Ende der «jüdischen Alpen» ein. Die Bürgerrechtsbewegung und der soziale Aufstieg zahlreicher Juden nach 1945 fegten Schranken und gesellschaftliche Vorbehalte hinweg, gleichzeitig siedelten sehr viele Juden aus New York nach Florida oder Los Angeles über. Dort entdeckten sie Kreuzfahrten und Reisen nach Europa als Urlaubsvergnügen. Zudem lösten sich die Grossfamilien auf, so Brown: «Die in New York verbliebenen Leute zogen in die Vororte nach Long Island oder Connecticut und die jüngeren wollten gesundes Essen statt der schweren Küche in den Bergen.» So blieben in den Hotels und Bungalows bald die Gäste aus. Heute ist von den grossen Catskills-Resorts nur noch Kutsher’s Country Club in Monticello geblieben, der von einem meist älteren Publikum frequentiert wird.
Die Catskills heute
Um die Catskills hautnah zu erleben, bringt uns Brown mit seinem Jugendfreund Alan Barrish zusammen. Dieser schlanke Mann mit schütterem Haar und feinem Humor leitet die Leihbücherei von Monticello. Als Sohn von Hotelangestellten ist der Endfünziger hier aufgewachsen und nach Lehr- und Wanderjahren in die Gemeinde zurückgekehrt, die sich dank ihrer 8000 Einwohner «Amerikas grösstes Dorf» nennen kann. Idyllisch, wie man sich ein Dorf gemeinhin vorstellt, ist Monticello ganz und gar nicht: Entlang der breiten, von Schlaglöchern wie Narben übersäten Haupt¬strasse stehen viele Gebäude leer, und auch ausserhalb des Ortes sieht es nicht besser aus. Ein paar Kilometer weiter wandelt sich das Bild jedoch. Von einem hohen Maschendrahtzaun umgeben, tauchen an einer schmalen Strasse grosse, weisse Brettergebäude auf, die durch ihre schlichte Bauweise eher an Baracken erinnern denn an Ferienhäuser. Dazwischen spielen viele Kinder, umsorgt von Frauen, die trotz der Sommerhitze lange Röcke tragen und das Haupt mit Perücken oder Tüchern bedecken. Männer und Jungs tragen weisse Hemden und schwarze Hosen, dazu die Kippa und die Schläfenlocken der orthodoxen Juden. «Eine Feriensiedlung der Satmarer Chassidim aus Williamsburg in Brooklyn», sagt Barrish: «Seit einiger Zeit übernehmen orthodoxe Gemeinden immer mehr der alten Feriensiedlungen als Sommerquartiere.» Die Baracken und die Selbstbezogenheit der Bewohner lösen bei manchen Alteingesessenen Animositäten aus. Aber der Bibliothekar teilt diese Feindseligkeit gegen die Ultrareligiösen nicht. Für Barrish liegt es nahe, dass sie das Vakuum in den Catskills füllen, und er schätzt seine Gespräche mit einem ihrer gebildeten Rabbiner.
Unsere Tour mit Barrish endet in Kutsher´s Country Club. Die campusartige Anlage hat 800 Zimmer, ist gut gepflegt, wartet mit Sporteinrichtungen, einem kleinen See, einem katakombenartigen Nachtklub und riesigen Speisesälen auf. Mit seiner gesichtslosen Architektur wirkt Kutsher´s gleichwohl wie ein türkis und lachsrosa getünchtes Verwaltungsgebäude aus den 1970er-Jahren. Unmittelbar hinter dem Haupteingang sitzt ein drahtiger Mann, Mitte 50, in Sportshorts und Jersey auf einem Klapptisch, lässt die Füsse baumeln und redet in einem fort in ein Mikrofon: Paul «Krazy Tyrone» Krohn, der «letzte Tummler», eine Legende zu Lebzeiten. Einst nicht aus den «jüdischen Alpen» wegzudenken, sorgten die «Tummler» als Hofnarren und Animateure rund um die Uhr für die Unterhaltung der Gäste. «Krazy Tyrone» hält den Rekord für Seilspringen im Guinness-Buch der Rekorde und tritt ausserhalb der Saison für gute Gagen bei jüdischen Familienfeiern in New York und New Jersey auf.
Woodstock-Veteranen
Vermutlich wird auch für den letzten Tummler bald der Vorhang fallen. Das Kutsher´s steht seit Jahren zum Verkauf. Auch deshalb hat Barrishs Freund Neil Gilberg jüngst dort nach 40 Jahren gekündigt. Gilberg war zuletzt Geschäftsführer von Kutsher´s. Derzeit arbeitet er für den Staat New York. Wir treffen ihn im Regierungsgebäude von Monticello. Gilberg und Barrish werden von Erinnerungen übermannt. Sie entpuppen sich als Woodstock-Veteranen und erinnern sich an gemeinsame Zeiten «auf der Wiese». Barrish sagt philosophisch: «Mit dem Festival ging meine Jugend zu Ende. Woodstock markiert einen Bruch, im Geschmack der Leute und in den Lebensgewohnheiten insgesamt.» Dann stellen beide fest, dass sie Tickets für das Jubiläums-Konzert in Bethel Woods gekauft haben. So richtig begeistert ist Gilberg von dem Programm nicht. «Hast du die Ankündigung gelesen?», fragt er Barrish, «kein frisches Gesicht. Der Spielplan sieht aus wie ein Programm von Kutsher´s.» Der Bibliothekar schmunzelt und sagt: «So wunderbar, wie die Leute gerne denken, war es auch damals sowieso nicht auf der Wiese. Es hat in Strömen gegossen, wir wurden alle nass und uns war kalt.»