Feindliches Ausland Ostjerusalem

July 31, 2008
Editorial von Jacques Ungar.

Spätestens seit den beiden Jerusalemer Bulldozer-Attacken der letzten Wochen bestehen kaum noch Zweifel: Die Mär von der «auf ewig vereinten israelischen Kapitale» ist nicht einmal mehr eine Mär. Sie ist höchstens ein diffuser Tagtraum von Schöngeistern in der Stadtverwaltung, in der Regierung, aber auch im ganzen jüdischen Volk. Jenseits der von Israel seit 1967 mit Bauwerken oder politischen und militärischen Massnahmen systematisch verwischten «grünen Linie» zwischen dem jüdischen West- und dem palästinensischen Ostteil leben Menschen, welche die Leute «drüben» nicht als Mitbürger ansehen. Sie sprechen von ihnen auch nicht als Brüder oder in irgendwelchen anderen Begriffen, die ein auch nur freundschaftliches Verhältnis andeuten könnten.

Natürlich sind nicht alle rund 200?000 Ostjerusalemer potenzielle Terroristen, und immer noch will die Mehrheit ein ruhiges Leben führen, den Kindern eine Schulbildung ermöglichen und ihre Mägen regelmässig füllen. Die Zahl der mit einer israelischen Identitätskarte versehenen Palästinenser, die gewalttätig werden, nimmt aber rasant zu. Erst diese Woche betonte Yuval Diskin, Chef des Shabak-Geheimdienstes, dass jenseits des Trennzauns gelegene Ostjerusalemer Wohnquartiere und Dörfer immer rascher zu Treibhäusern für Hamas-Ideologie werden und heute schon ein grösseres Sicherheitsrisiko darstellen als der Rest der Westbank. Die Hälfte aller rund 30 in den ersten sieben Monaten 2008 von Terroristen ermordeten Israeli – im ganzen 2007 waren es «nur» deren 13 – wurden von Ostjerusalemern umgebracht.

Erinnerungen an die Anfänge der ersten Intifada Ende der achtziger Jahre werden wach. Auch damals begann es mit unorganisierten Einzelverbrechen. Oft waren die Motive nicht nationaler, sondern persönlicher Natur. Wie die Planierraupen-Mörder bedienten sich auch damals die Täter primitiver, gleichwohl aber tödlicher Methoden. Man fuhr mit dem Auto an Haltestellen in Gruppen von Soldaten und Zivilisten, man griff einem Chauffeur ins Lenkrad und riss so einen Bus in die Tiefe, ganz zu schweigen von Angriffen mit Steinen, Brandbomben und Eisenstangen. Wie damals übernimmt auch heute die Terrorszene zunächst keine Verantwortung für die Attacken. Früher oder später werden aber wie damals die Verbrechen Einzelner zu einem Zyklus der Volksgewalt verschmelzen, Organisationen wie Jihad, Hamas oder Fatah werden die Täter «adoptieren», und plötzlich müssen dann die unbeirrt von einem vereinten Jerusalem faselnden und Vereinigungs-Jubiläumsjahre feiernden Offiziellen eine neue Runde der Gewalt vor der eigenen Haustüre zur Kenntnis nehmen.

Dann aber wird es zu spät sein. Gäbe es heute in Israel eine gefestigte Führung mit klaren Prioritäten, wären schon längst Präventivmassnahmen ergriffen worden. Zu diesen müsste die sofortige Annullierung aller israelischen Ausweise gehören, mit denen Palästinenser ungehindert in den jüdischen Westen gelangen. Dann müsste jedes einzelne Arbeitsgesuch aus Dörfern wie Jabel Mukaber, Zur Baher oder Shuafat peinlichst genau unter die Lupe genommen werden, bevor man ihm stattgibt. Wenn deswegen Palästinenser vorübergehend hungern oder wenn deswegen das Milliardenprojekt der Jerusalemer Leichtbahn ins Stocken gerät, dann ist das bedauerlich. Es wäre aber sicher besser, als immer öfter von «Mitbürgern» ermordete jüdische Jerusalemer zu begraben und immer wieder Versprechen von Stadt und Regierung zu hören, jetzt würde man wirklich hart durchgreifen – Versprechen, die längst niemand mehr glaubt.

Über 40 Jahre nach dem Sechstagekrieg muss Israel sich eingestehen, dass Ostjerusalem Ausland ist. Feindliches Ausland. Wenn Israel nicht selber in Jerusalem die «grüne Linie» wieder errichtet, werden über kurz oder lang die Zügel der Macht den Juden auch in Westjerusalem aus der Hand gerissen werden.