Farbenrausch eines Aussenseiters
Von Walter Labhart
In der Sammlung Rosengart in Luzern nimmt unter den vielen Bildern von Marc Chagall, Paul Klee, Pablo Picasso und weiteren Künstlern das Ölgemälde «Mas à Céret» von Chaim Soutine eine besondere Stellung ein. Es ist das einzige Werk dieses bedeutenden jüdischen Malers aus Weissrussland in jener Sammlung und es vereinigt als besonders gewichtiges Beispiel für Soutines Landschaften alle typischen Kennzeichen seiner leidenschaftlich gesteigerten Malerei. Zusammen mit dem diagonalen Strassenansatz und den stürmisch bewegten Bäumen erzeugt das sich gewaltsam biegende Bauernhaus eine geradezu wilde Dynamik. Das Bild gehörte bis 1957 dem Sammler Karl Im Obersteg, der es als einzige Landschaft Soutines aus seiner beträchtlichen Werkgruppe des Künstlers ausschied, um sich auf Porträts und Stillleben zu konzentrieren.
Hauseigene Schätze
Unter dem Motto «Soutine und die Moderne» widmet das Kunstmuseum Basel dem in schweizerischen Privatsammlungen erstaunlich gut vertretenen Aussenseiter eine Ausstellung mit rund 60 Ölbildern. Für ihre Zeit charakteristische Werke von Picasso, Georges Braque, Chagall, Amadeo Modigliani, Maurice Utrillo und Giovanni Segantini dokumentieren zwischen Soutines Gemälden unterschiedliche Schaffensrichtungen. Alle Werke entstammen den hauseigenen Sammlungsbeständen und unterstreichen Soutines künstlerische Eigenständigkeit.
Im Vergleich zu seinen Pariser Zeitgenossen kommt deutlich zum Ausdruck, dass sich der kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der Seine-Stadt ansässig gewordene Maler jeder kunsthistorischen Einordnung widersetzt. Gewiss sind in den Porträts, die formal in der Tradition historischer Bildnisse in bevorzugten Halb- und Dreiviertelfiguren stehen, stilistische Verwandtschaften mit den österreichischen Frühexpressionisten Richard Gerstl und Oskar Kokoschka ebenso wenig zu übersehen wie der an van Gogh gemahnende, pastose Farbauftrag und die gestische Malweise. Sie bereitet auf die Gruppe «Cobra» und die späteren «Neuen Wilden» vor, wie Soutine andererseits auf den Schweizer Maler, Willi Guggenheim, alias Varlin, einen nicht zu unterschätzenden Einfluss ausübte. Mit Soutine teilte Varlin seinen polnischen Kunsthändler Léopold Zborowski, der nebst Modigliani weitere jüdische Maler wie Henry Hayden, Michel Kikoine, Moise Kisling und Pinkus Krémègne gefördert hatte.
Ein aus Stillleben und Porträts gebildetes Ensemble von Gemälden Soutines erscheint als Teil der Stiftung Im Obersteg im Basler Kunstmuseum nicht als in sich geschlossene Werkgruppe, sondern in die Ausstellung integriert. In qualitativer Hinsicht lässt es sich mit hochkarätigen Leihgaben aus Übersee (Metropolitan Museum of Art, New York) oder aus dem Pariser Centre Pompidou mühelos vergleichen.
Landschaften als Höhepunkte
Wie es sich für eine umfassende Soutine-Ausstellung gehört, fehlen auch die vielen Darstellungen von hängendem Geflügel und abgehäuteten Rindern nicht. Für den wiederholt gemalten «Boeuf écorché» nahm der Weissrusse Rembrandts Gemälde «Der geschlachtete Ochse» (1655) im Louvre zum Vorbild. Soutines blutrote Farbtöne leuchten nicht nur aus den Rinderhälften und toten Hühnern, sie akzentuieren auch manches Porträt und vor allem etliche ausdrucksvolle Landschaften. Zwischen den «Platanes à Céret» scheint der Boden zu brennen, von den Mauern des Kirchturmes am gleichen Ort schreien grelle Rottöne den Besucher an, und selbst in der chaotischen «Paysage à Cagnes» mit ihrem imposanten Farbenrausch sticht dieses magische Rot, obschon auf die Hausdächer reduziert, sofort und heftig ins Auge.
Jene französischen Landschaften, die sich krümmen und winden wie die Strassen in Ludwig Meidners apokalyptischen Stadtbildern, stellen die malerischen Höhepunkte der Ausstellung dar. Ihr explodierender Farbenreichtum gründet auf einer Vielzahl von dick aufgetragenen Farbschichten. Diese finden sich auch in den Porträts, in denen Soutine um eindeutige Formen und den Ausdruck von Einsamkeit und Verlorenheit rang. Um dem Wesen seiner Modelle und Landschaften näher zu kommen, verdichtete er den Farbauftrag, wie es nach ihm etwa Alberto Giacometti und Varlin taten. Viele Landschaften erwecken den Eindruck, sie seien an verschiedenen Standorten gemalt und mit entsprechenden Perspektiven zusammengesetzt worden. Die überlieferte Statik tauschte Soutine gegen seine neuartigen Stilmittel ein: Jagen, Fliehen und Stürzen. Nie zuvor – selbst bei den deutschen Expressionisten nicht – sind Landschaften dermassen ihrer Ruhe beraubt und dramatisiert worden.
Hungerjahre in Paris
Als zehntes Kind eines armen Flickschneiders im weissrussischen Städtchen Smilowitschi bei Minsk geboren, studierte Chaim Sutin, wie er sich damals noch schrieb, mit seinem Freund Kikoine erst an der Kunstschule in Wilna, bevor er 1913 nach Paris zog. Dort lebte er im Atelierhaus «La Ruche», wo Alexander Archipenko, Marc Chagall, Moise Kisling, Pinchus Krémègne und Ossip Zadkine zu seinen hungernden Schicksalsgenossen zählten. Durch den Bildhauer Jacques Lipchitz lernte er Modigliani kennen, der ihn mit dem Kunsthändler Zborowski zusammenbrachte. Erst als der amerikanische Sammler Albert C. Barnes 1922 sein Atelier leerkaufte, wurde Soutine bekannt und seine existentiellen Sorgen los. 1927 fand die erste Einzelausstellung in der Galerie Bing statt, ein Jahr später erschien die erste Monografie über ihn in der Reihe «Les artistes juifs». Während der Besetzung Frankreichs mit gefälschten Papieren untergetaucht, starb Soutine am 9. August 1943 an den Folgen eines Magendurchbruchs in einem Pariser Spital. Bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof Montparnasse erwiesen ihm Jean Cocteau, Max Jacob und Picasso die letzte Ehre.