Existenzialisten und Charedim
Alle Jahre wieder kann das New York Jewish Film Festival mit einem zahlreichen und engagierten Publikum rechnen, ist die Stadt doch Heimat der grössten jüdischen Gemeinde ausserhalb Israels. In seiner 19. Ausgabe präsentierte das Festival, das Ende Januar zu Ende ging, ein gut sortiertes Programm von 32 Beiträgen aus 13 Ländern, das sowohl Spielfilme bot wie Dokumentationen oder Kurzfilme. Obwohl Israel das grösste Kontingent stellte, war es bemerkenswert, dass Beiträge aus Deutschland gleichauf mit amerikanischen an zweiter Stelle rangierten. Daneben waren Filme aus Ost- und Westeuropa gut vertreten. Australien beteiligte sich gar mit einem Knet-Animationsfilm. Etliche Vorführungen gaben Anlass zu mitunter hitzigen Diskussionen zwischen Regisseuren, Schauspielern und Zuschauern.
Wenig überraschend war, dass Nazi-Deutschland, der Holocaust und dessen Auswirkungen auf die Nachkriegszeit erneut im Mittelpunkt zahlreicher Beiträge standen. Darunter fand sich eine Reihe von Dokumentarfilmen. Deren Bandbreite bewegte sich von einer drastischen, mit neuem Archivmaterial ausgestatteten Arbeit über die Einsatzgruppen («Les Commandos de la Mort», Frankreich 2009) über die Deportation der tschechischen Juden («Forgotten Transports: To Poland», Tschechien 2009) bis zum Raub jüdischen Eigentums («Menschliches Versagen», Deutschland 2008). Daneben war der tschechische Kunstfilm «Protektor» (2009) zu sehen. Der Titel bezieht sich auf das Amt von Reinhard Heydrich, wurde im Film aber ironisch für die Bemühungen des tolpatschigen Protagonisten, seine jüdische Frau zu beschützen, verwendet.
Breite Palette an Filmen
Etliche der in Israel spielenden Beiträge reflektierten die innenpolitischen Spannungen im Land, aber auch die zwischen dem jüdischen Staat und seinen Nachbarn. Gleich zwei beschäftigten sich mit den Orthodoxen, deren Konflikt mit dem Staat («Gevald», Israel 2009) sowie den Belastungen einzelner Mitglieder innerhalb dieser Gemeinden («Eyes Wide Open», Israel 2009). Die Dokumentation «Chronicle of a Kidnap» (Israel 2008) hält die Bemühungen einer jungen Frau fest, ihren während des ersten Libanonkrieges entführten Mann freizubekommen. Die internationale Koproduktion «Ultimatum» (Frankreich/Israel/Italien 2008) thematisiert die Beziehung eines jungen Paares während der unsicheren Tage des Golfkrieges von 1990. Beide Filme machten den Druck anschaulich, unter dem Israeli durch die äusseren Bedrohungen des Landes stehen. Der gemeinsam von einem palästinensischen und einem israelischen Regisseur inszenierte Spielfilm «Ajami» (Israel/Deutschland 2008) näherte sich dem Konflikt beider Gemeinschaften mittels eines Krimis, der in einer Nachbarschaft von Yafo spielt.
Drei der vier biografischen Dokumentationen porträtierten Amerikaner. Darunter die unternehmungslustige Fotojournalistin Ruth Gruber («Ahead of Time», USA 2009), den orthodoxen Arzt Rick Hodes und dessen Tätigkeit in Äthiopien («Making the Crooked Straight», USA 2008) sowie den Anthropologen Melville J. Herskovits und dessen Theorien über afroamerikanische Kultur («Herskovits at the Heart of Blackness», USA 2009). Der vierte hält die einzigartige Vita des französischen Premiers Leon Blum fest («Leon Blum: For All Mankind», Frankreich 2009). Herausragend waren zwei polnische Dokumentationen, die persönliche Perspektiven auf die dortige, weithin unbekannte antisemitische Kampagne des Jahres 1968 präsentieren («The Peretzniks», Polen/USA 2009 und «Happy Jews», Israel/Polen 2008).
Der besondere Reiz des diesjährigen Festivals lag wohl in neuen Ansichten zu wohl vertrauten Aspekten des jüdischen Lebens und der jüdischen Geschichte. Der auf den Erinnerungen von Marga Spiegel basierende Eröffnungsfilm «Unter Bauern: Retter in der Nacht» (Deutschland/Frankreich 2009) lässt die üblichen Erzählmuster über versteckte Juden und ihre Beschützer weit hinter sich. Der Film betont die erstaunlich widerstandfähigen Bande zwischen Deutschen und Juden im Münsterland vor dem Krieg, hält aber auch fest, dass bereits 1942 unter der deutschen Bevölkerung keine Zweifel mehr darüber bestanden, dass die in den Osten deportierten Juden nicht zurückkehren würden. Die westfälischen Bauern, die mit ihrem Nachbarn Menne Spiegel in den Gräben des Ersten Weltkrieges gekämpft und sich danach auf seine Fertigkeiten als Pferdehändler verlassen hatten, brachten es nicht über sich, ihn im Stich zu lassen. Sie taten sich unter grosser Gefahr für ihr eigenes Leben zusammen und versteckten ihn, seine Frau und die kleine Tochter während des ganzen Krieges. Bei der Diskussion nach der Aufführung war die heute 97-jährige Magda Spiegel anwesend. Regisseur Ludi Boeken offenbarte dem Publikum, dass er zunächst erhebliche Probleme hatte, einen Verleih in Deutschland zu finden. Viele Deutsche könnten nur schwer damit leben, dass so wenige ihrer Landsleute damals den Mut der Bauern bei der Rettung der Familie Spiegel aufbrachten, sagte Boeken.
Aspekte der Ultraorthodoxie
«Gevald» dokumentiert die Unterschiede zwischen zwei führenden Ultraorthodoxen in Israel und legt die tiefen Konflikte innerhalb einer Welt offen, die für gemeinhin als monolithisch gilt. So setzt der relativ junge Shmuel Chaim Pappenheim seine ganze Energie für die gegen den Staat gerichtete Doktrin seiner Eda-Haredit-Sekte ein. Der Film zeigt ihn inmitten aufgebrachter Demonstranten und bei der Publikation verleumderischer Schriften, in denen säkulare Israeli kleinen orthodoxen Jungen die Schläfenlocken abschneiden. Während seiner Interviews mit den Filmemachern stellte Pappenheim sicher, dass keine Mitglieder seiner Familie ins Bild kamen. Er räumte ein, bereits als Kind darauf trainiert worden zu sein, jeden Kontakt mit der Aussenwelt zu meiden. Er ist in einer Wohnung aufgewachsen, in der die Kinder nicht aus dem Fenster schauen durften, weil es über einer Strasse und einem Kino lag.
Mit dem inzwischen verstorbenen Abraham Ravitz stellt «Gevald» auch den denkbar grössten Gegensatz zu Pappenheim im ultraorthodoxen Milieu vor. Rückhaltlos nahm Ravitz am israelischen Alltag teil. Um die Belange seiner Gemeinschaft zu fördern, diente er in der Armee, sass in der Knesset und hat sich auch um das Amt des Premierministers beworben. Im Gegensatz zu Pappenheim hatte Ravitz keinerlei Bedenken, seine Familie vor die Kamera zu lassen. So breitet seine Frau, die natürlich mit der Kopfbedeckung orthodoxer Jüdinnen vor die Kamera tritt, charmant und humorvoll Anekdoten über die jungen Jahre des Paares und die Abenteuer ihrer zwölf Kinder aus. Ravitz erinnert sich auch an eine denkwürdige Begebenheit, die zeigt, dass die Eda-Haredit-Sekte die Existenz des Staates Israels nicht immer abgelehnt hat: In der Nacht des 29. November 1947 tanzten die Mitglieder der Sekte mit anderen orthodoxen Juden auf der Strasse, nachdem sich die Vereinten Nationen für die Gründung des Staates Israel ausgesprochen hatten. Haben sie in diesem Augenblick geglaubt, nun werde eine Theokratie entstehen? Der Film enthält dem Zuschauer indes die Umstände vor, unter denen sich die Eda-Haredit-Sekte mit der Zeit von Israel abgewandt hat.
Unter den durchwegs sehenswerten Beiträgen des Festivals fiel ausgerechnet das ehrgeizigste Projekt ab: Die fast vierstündige «History of Israeli Cinema» (Frankreich/Israel 2009) hat sich zu viel vorgenommen und versucht eine Fülle von Themen mit einer Unzahl von Zeugen darzustellen. Dabei ist die Geschichte des jungen Landes, das sich auch in der Cinematografie eine Identität schaffen will, ein spannendes Thema. Der erste Teil des Films deckt die Jahre von 1932 bis 1978 ab und zeigt die Transformation des israelischen Helden vom virilen zionistischen Pionier der dreissiger Jahre zum opfermutigen Verteidiger der fünfziger Jahre. Aus diesem ist zwei Dekaden später ein sogenannter Existenzialist geworden, der die Ideale der Nation untergräbt. Seinen zionistischen Anfängen entwachsen, lebte der Traum der Pioniere unter äusseren Bedrohungen wieder auf. Die Dokumentation liess ein trauriges Gefühl zurück: In einem Land, das immer in der Defensive ist und deshalb notgedrungen dem Militär Priorität einräumt, finden Filmemacher allzu selten Gelegenheit für «Wein, Weib und Gesang», die im italienischen und französischen Film so eindrücklich gefeierten sinnlichen Seiten des Lebens.