Europastrudel

von Gisela Blau, October 9, 2008

Ob es den «Herrn Doktor Haider» beeindrucken wird, wenn ich von nun an den heiss geliebten Apfelstrudel weder backen noch essen mag? Wenn Freunde Bedenken bekommen, ihre Ski- oder Golfferien wie bisher in Österreich zu verbringen? Wenn Prominente ihre Auftritte in Wien absagen? Es geht nicht um die nutzlose Frage, ob es klug sei, «Haiderabad» links liegen zu lassen und Österreich wegen seiner neuen schwarz-blauen Regierung zu «bestrafen». Es geht hingegen darum, dass jeder Mensch die Freiheit besitzen soll, seine eigene Befindlichkeit auszuleben. Wer sich in Wien oder Lech gegenwärtig nicht wohl fühlt, soll wegbleiben dürfen. Aber es geht andererseits nicht an, dies hochtrabend als Strafaktion zu bezeichnen statt ehrlicherweise als eigenes Unbehagen. Die Haider-Hysterie soll weder unter- noch überbewertet werden. Es ist richtig, wenn daran erinnert wird, dass den «Cavaliere» Berlusconi kein Bannstrahl traf, als er mit den Alt-Faschisten eine Koalition einging, obwohl diesen sogar im Gegensatz zu der FPÖ eine einschlägige Vergangenheit anzulasten war. Aber es ist ebenso richtig, dass die Welt, hier die EU, inzwischen dazu hat lernen dürfen und die Gefahrensignale nun vielleicht etwas rascher ortet. Bedenkliche Signale gibt es genug, in diesem Zusammenhang und anderswie. Das Eidgenössische Finanzdepartement bietet den Geschwistern Sonabend die Bezahlung ihrer Anwaltskosten an - ein Almosen, denn die Juden wollen ja nur Geld. Das EFD verdrängt offenbar, dass die Sonabends ursprünglich auf einen symbolischen Franken klagen wollten, was sie nicht durften, weil vor Bundesgericht nur «richtige» Klagen gültig sein sollen. Der Nationalratspräsident speist die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft damit ab, dass er nur dann eingreifen könne, wenn sich ein Ratsmitglied (konkret: Ulrich Schlüer über den Flüchtlingsbericht) bei Beratungen im Plenum in der Wortwahl vergreife. Auch im Zusammenhang mit Haider gibt es seltsame Wucherungen. Weshalb musste ein sonst so gescheiter Schreiber im Tages-Anzeiger konstatieren, es sei verständlich, wenn auch falsch, dass Lou Reed in Wien ein Konzert absage, weil er Jude sei? Ob er das ist oder nicht, bleibe dahingestellt. Ist Sting auch ein Jude? Oder gar Kronprinz Charles von England? Sie haben beide einen Auftritt in Wien annulliert. Die europäischen Rabbiner dagegen hätten für ihre Konferenz nicht unbedingt in das eine halbe Stunde entfernte Pressburg ausweichen müssen, sondern hätten der jüdischen Gemeinde in Wien demonstrativ den Rücken stärken können. Dass andererseits dem Vernehmen nach Elie Wiesel seine Teilnahme am Mauthausen-Gedenkkonzert vom 7. Mai absagte, beunruhigt wohl nicht nur den Veranstalter (vgl. Artikel Seite 6).