Europäischer Pass? 
Nein danke

October 15, 2009
Shlomo Avineri zur Lage in Israel

Meine Geburtsstadt Bielsko in Schlesien hat den Besitzer im turbulenten 20. Jahrhundert mehrere Male gewechselt. Aus diesem Grund habe ich offenbar Anspruch auf einen polnischen, deutschen, österreichischen und vielleicht sogar ungarischen Pass, weil meine Mutter in Ungarn geboren wurde. Ich verzichte aber auf alle.

Die Gründe, die viele Israeli veranlassen, sich um europäische Reisepässe zu bemühen, sind komplexer Natur. Mit einem europäischen Pass beispielsweise müssen Sie sich am Frankfurter Flughafen nicht mit Türken und Pakistanern in die Warteschlange stellen. Sie dürfen arbeiten, ohne dass sie besondere Bewilligungen brauchen. Das Abwickeln von Geschäften ist leichter und ihre Kinder können unentgeltlich an europäischen Universitäten studieren. Auch die Wiedergutmachung ist mit einem europäischen Pass manchmal problemloser. Und einige Israeli sehen in einem solchen Pass, obwohl sie es nie offen zugeben würden, eine Art Versicherungspolice. Niemand kann vorhersagen, was in Israel sein wird, und ein ausländischer Pass könnte im schlimmsten Fall von Nutzen sein.

Diese Argumente wären verständlich, wenn verfolgte oder staatenlose Juden den neuen Pass als leichteMöglichkeit des Überlebens sehen würden. Hingegen sind diese Argumente problematisch für jede Person, die sich als Bürger des jüdischen Staates betrachtet und die versteht, wie die Errichtung des Staates Israel die jüdische Geschichte revolutioniert hat.

Israel ist nicht nur gegründet worden, um das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung zu gewährleisten. Der Staat ist vor allem enstanden, weil Europa versagt hat und uns sowie seine eigenen Grundsätze verraten und seine Juden nicht beschützt hat. Der europäische Verrat ging dem Holocaust voraus und veranlasste Theodor Herzl zu begreifen, dass die Juden keinen Platz in Europa hatten. Und dies, obwohl ihm die europäische Kultur wichtig war. Der Holocaust war nur der Höhepunkt der Enttäuschung. Nur wenige europäische Nationen wuchsen, wie Saul Friedländer schrieb, über sich hinaus, um ihre Juden zu retten. Alle kooperierten passiv oder aktiv mit der Zerstörungsmaschinerie der Nazis.

Zweifelsohne schulden wir Europa viel. Unsere moderne Kultur ist zu einem grossen Teil ein Produkt des Alten Kontinents. Zudem ging der moderne Zionismus aus der europäischen Aufklärungsepoche hervor. Die jüdische Aufklärung und der Zionismus entliehen von den europäischen Nationalbewegungen auch die Idee der Wiederbelebung ihrer nationalen Sprache. Unsere Verbindung zu Europa und seiner Kultur ist sehr tief. Deswegen aber nach Europa zurückkehren, heimlich, einer nach dem anderen, wie Diebe in der Nacht? Nein danke.

Es gibt einen weiteren Grund, dies abzulehnen. Jene Israeli, die sich um eine deutschen, polnischen, ungarischen oder rumänischen Pass bemühen, betrachten sich nicht wirklich als Deutsche, Polen, Ungarn oder Rumänen. Das nationale und staatsbürgerliche Bewusstsein dieser Nationen sind nicht Bestandteil des Bewusstseins des Gesuchstellers. Er zahlt keine Steuern in den betreffenden Ländern und ist nicht wirklich daran interessiert, was sich dort zuträgt. Der Gesuchsteller will einzig und allein von den Vorteilen profitieren, ohne auch nur einen Teil der Bürden auf sich zu nehmen.

Das ist hässliches, unmoralisches und parasitäres Benehmen, und nur das tiefe, belastende Schuldgefühl der Europäer hält sie davon ab, Kritik an diesem Benehmen zu üben. Es ist nicht einmal eine Angelegenheit der doppelten Loyalität, sondern nur eine zynische Ausbeutung des kollektiven europäischen Schuldgefühls. Europas Bedauern ob seiner Taten ist lobenswert, doch sollten wir davon profitieren?

Aus den Herzen der Juden die Diaspora-Tendenzen auszumerzen, ist eine schwierige Sache. Es ist schwierig, die Neigung loszuwerden, unter den Nationen zu wandern. Die Fähigkeit, sich mit einem israelischen Pass zufriedenzustellen, würde genau diese Neigung einem Test unterziehen.   

Shlomo Avineri, ehemaliger Generaldirektor des 
israelischen Aussenministeriums, ist Politologe an der 
Hebräischen Universität in Jerusalem.