Europa wählt Obama – aber welchen?

Brian Klug, September 3, 2008
Ausserhalb der USA, vor allem in Europa, richten sich die Hoffnungen bezüglich eines neuen Kurses Amerikas auf Barack Obama. Doch was meint der demokratische Präsidentschaftskandidat, wenn er von der «Führungsrolle Amerikas in der Welt» spricht?

Von Brian Klug

Könnten die Europäer bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen abstimmen, so bestünde an deren Ausgang keine Zweifel mehr. So hat Constanze Stelzenmüller, die Direktorin des Berliner Büros der Stiftung German Marshall Fund, jüngst erklärt: «Wir haben unsere Entscheidung längst getroffen – unser Präsident ist Barack Obama.»

Die Umfragen lassen an diesem Befund keine Zweifel. Eine im Mai 2008 in fünf europäischen Staaten unternommene Erhebung ergab, dass Obama in Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Russland deutlich vor John McCain liegt. Eine anschliessende Umfrage in Frankreich, Deutschland und England am Vorabend des Europa-Besuches von Obama ergab, dass sein Vorsprung noch weiter gewachsen war. Und obwohl die Stimmung von Menschenmengen bekanntlich unbeständig ist, haben die erstaunlichen Bilder der begeisterten Massen auf der Veranstaltung Obamas vor der Berliner Siegessäule am 24. Juli doch mehr ausgesagt als tausend Worte. Er war die Wahl des Volkes, keine Frage.

Aber wen haben die 200?000 Zuhörer da eigentlich gewählt – und aus welchem Grund? Kurz vor dem Jubelempfang für Obama in Berlin hatte der politische Beobachter Gary Younge in England erklärt: «In den vergangenen sechs Monaten ist deutlich geworden, dass Obama eine Projektionsfläche für die jeweiligen Wünsche der Leute ist.» Obama selbst hat dies schon sehr viel früher erkannt. So schrieb er im Jahr 2006: «Ich bin so neu auf der nationalen Bühne, dass Leute mit ganz unterschiedlichen politischen Überzeugungen ihre Überzeugungen auf mich übertragen.» Seit er im Februar 2007 in den Wahlkampf eingetreten ist, hat sich die Projektionsfläche noch vergrössert, da Obama seine politische Vision in einer Serie von Reden detailliert ausgemalt hat.

Von besonderem Interesse für Europäer ist dabei Obamas Sicht der Rolle Amerikas jenseits der eigenen Grenzen. Und während seine Aussenpolitik im Laufe des Wahlkampfes im Detail Änderungen (oder taktisch bedingte Abweichungen) erfahren dürfte, so sind deren grundlegende Linien doch aus einer Rede abzulesen, die er im April 2007 vor dem Chicago Council on Global Affairs gehalten hat. Dabei begann er mit dem Hinweis auf die Bush-Regierung und der Einschätzung, dass «dies nicht die besten Zeiten für das Ansehen Amerikas in der Welt sind». Und weiter sagte er: «Ich habe mit den Zynikern nichts zu schaffen, die verneinen, dass wir auch in diesem Jahrhundert im Sinne von Präsident Franklin Roosevelt eine führende Rolle in der Welt spielen, wenn es um den Kampf gegen das Böse in unserer unmittelbaren Nähe und für das prinzipiell Gute geht.» Dann sprach er ein harsches Urteil über George W. Bush aus: «Dieser Präsident mag das Weisse Haus bewohnen, aber während der vergangenen sechs Jahre ist die Position des Führers der freien Welt unbesetzt geblieben. Und es ist jetzt an der Zeit, diese Rolle erneut wahrzunehmen.» Dies ist die Essenz der aussenpolitischen Überzeugung Obamas. Für ihn stellt Amerika die «letzte verbleibende und beste Hoffnung der Erde» und «ein Leuchtfeuer für Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt» dar. Davon leitet Obama die Notwendigkeit ab: «Amerika muss führen.»

Zwei Vorträge, zwei Themen

«Amerika muss führen»: Das war die zentrale Aussage seiner Rede in Chicago, auf die er seither immer wieder zurückkam, wenn er über Aussenpolitik sprach. Nur neun Tage vor seinem Auftritt in Berlin sprach er in Washington erneut über «die Tradition der amerikanischen Führungsrolle in der Welt» und kündigte an: «Von dem Moment an, an dem ich das Amt übernehme, werde ich die Welt wissen lassen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika wieder bereit sind zu führen.»

In Berlin allerdings hat er das Thema nicht angesprochen. In seiner Rede vor 200?000 Menschen sprach Obama kein einziges Mal vor der Führungsrolle Amerikas. Stattdessen war in der Rede immer wieder von «Partnerschaft», «Gemeinsamkeit» und «Kooperation» die Rede. «Mein Land muss mit eurem und Europa zusammenstehen», sagte er und schien damit Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung zu meinen. Während seine Rede vor dem Chicago Council on Global Affairs den Titel «Der Moment Amerikas» trug, hiess die in Berlin «Eine Welt, die zusammensteht». Der Unterschied zwischen den Titeln spricht für sich.

Und so sieht es ganz danach aus, dass im Hinblick auf die Rolle Amerikas in der Welt zwei Kandidaten existieren, die den gleichen Namen tragen. Und wenn Barack

Obama im November gewählt wird, kann es sein, dass sich die Amerikaner für eine Politik entscheiden, die nicht mit der übereinstimmt, von der sich Berlin hat begeistern lassen. Aber die zwei Obamas lassen sich miteinander versöhnen. Dazu muss der Betrachter zunächst einmal davon absehen, die Führungsrolle Amerikas mit Hegemonie gleichzusetzen. Angesichts der amerikanischen Politik in jüngerer Vergangenheit fällt es uns Europäern schwer, diese zwei Dinge auseinanderzuhalten. Aber eine genauere Analyse bringt bedeutende Unterschiede zutage – es spricht vieles dafür, dass Obama vor heimischem Publikum von eben der Differenz profitiert, die zwischen Führung und Hegemonie liegt.

Erinnerung an den Kern der Identität

Meine Betonung liegt auf «heimisch»: Obama weiss, dass die Welt generell die Nase voll hat vom Selbstbild Amerikas, eine Art Leithammel zu sein, welcher der Herde im Namen von «Freiheit und Gerechtigkeit» vorantrabt. Die anderen Nationen haben das satt, weil sie den Motiven Amerikas dabei misstrauen und von den realen Ergebnissen schockiert sind. Um es gelinde zu sagen: Das Ansehen Amerikas als Leuchtturm ist im Ausland angekratzt. Man könnte daher sagen, dass Obama zumindest Geschmack genug bewiesen hat, seinem europäischen Publikum diese Sorte rhetorischer Inspiration zu ersparen.

Aber für die Amerikaner ist ihr Land immer noch «die Stadt auf dem Hügel». Das ist nicht irgendeine Idee – das ist grundlegend für die Selbstwahrnehmung des Landes. Lange bevor Thomas Jefferson auch nur an die Gründung der USA dachte, hielt John Winthrop, der erste Gouverneur der Kolonie an der Massachusetts Bay, im Jahr 1630 eine Predigt vor seiner Gemeinde englischer Auswanderer: «Wir müssen bedenken, dass wir als Stadt auf dem Hügel betrachtet werden und die Augen der Welt auf uns ruhen ...». Winthrop war ein Puritaner und mit «wir» war Neuengland gemeint. Während sich sein Vergleich im Zeitalter der Aufklärung mit der Vorstellung von Amerika als Leuchtturm der Freiheit übereinbringen liess, wurde Winthrops Gleichnis im Lauf der Generation zu der «unabdingbaren Nation», von der die ehemalige US-Aussenministerin Madeleine Albright spricht. Wenn Obama seinen Landsleuten zuruft: «Wir müssen die Welt anführen, durch unsere Taten und unser Beispiel», dann hält er die Fackel Amerikas hoch und erinnert seine Nation an den Kern ihrer Identität.

Aber in welche Richtung soll Amerika die Welt führen? Mit welchen Taten und welchen Beispielen? Füllt man diese Leerstellen, so schwindet der Abstand zwischen den «zwei Obamas». In seiner Rede in Chicago hat er seine Überzeugung, das amerikanische Volk sei «bereit, erneut die Führung zu übernehmen», mit dem Nachsatz erläutert: «Wir Amerikaner werden bereit sein, der Welt zu zeigen, dass wir kein Land sind, dass Gefängnisse betreibt, in denen Leute sitzen, die mitten in der Nacht abgeführt werden, ohne zu hören, was gegen sie vorliegt; dass wir kein Land sind, das anderen gegenüber Mitleid und Gerechtigkeit predigt, während wir es zulassen, dass auf den Strassen einer amerikanischen Grossstadt Leichen treiben.» Wenn Obama über Führungskraft spricht, appelliert er an sein Land, auf den rechten Weg zurückzukehren.

Was andere Nationen angeht, so präsentiert ihnen Obama den – in Anbetracht der gegenwärtigen US-Aussenpolitik radikalen – Vorschlag, dass es eher ihre eigene Angelegenheit ist, den rechten Weg zu finden, als die Amerikas. Obama formuliert es so: «Wir sollten denen gegenüber skeptisch sein, die glauben, dass wir andere Völker im Alleingang von Tyrannei befreien können.» «Wenn wir versuchen, Demokratie mit Waffengewalt durchzusetzen, oder wenn wir Gruppierungen mit Geld überschütten, deren wirtschaftlichen Ziele uns genehm sind und uns von Exilanten wie Ahmed Chalabi übertölpeln lassen», dann erwartet

Obama, dass die Wahrscheinlichkeit für die «Entwicklung einer genuinen, aus eigener Kraft wachsenden Demokratie» in anderen Ländern schwindet. Zudem soll Amerika, wenn es denn nach Reformen andernorts ruft, dies nicht «im Geiste eines Patrons tun, sondern als Partner – und zwar als einer, der sich seiner eigenen Makel bewusst ist». So sieht Obamas Definition der «amerikanischen Führungsrolle» bei näherer Betrachtung aus.

Eher rhetorische als reale Unterschiede

Der Journalist Jonathan Freedland hat im «Guardian» über die Berliner Rede Obamas geschrieben, er habe «jeweils den lautesten Applaus geerntet, wenn er sich auf subtile Weise als Gegenteil all dessen präsentiert hat, was die Deutschen und allgemein die Europäer an der Bush-Ära stört». Wenn Obama seinen Wählern zuhause sagt, Amerika werde derzeit «weniger respektiert als zu jedem Zeitpunkt der jüngeren Geschichte», dann attackiert er eine Aussenpolitik, die acht Jahre lang schulmeisterisch und ohne zuzuhören aufgetreten ist. Gleichzeitig ruft er nach einer «neuen Ära der internationalen Kooperation» und sagt, es sei für Amerika besser, «multilateral statt unilateral zu handeln». Zieht man dies in Betracht, so sieht die Lücke zwischen den «zwei Obamas» mehr rhetorisch aus als real.

Aber in Obamas Reden lassen sich auch genügend Beweise für eine andere Schlussfolgerung finden. Es gibt Leute, die ihn als «Neocon-Wolf» im demokratischen Schafspelz sehen. Ich habe auch sagen hören, seine Reden seien reines Blendwerk – sei daraus die heisse Luft erst mal entwichen, dann bleibe lediglich ein ganz normaler Politiker zurück, der um einen hohen Einsatz spielt. Womöglich hat Younge recht und die Leute sehen in Obama tatsächlich nur, was sie wollen – und sei es ihre eigenen Ängste.

Aber es gibt auch eine andere Möglichkeit. In Berlin hat Obama auch gesagt: «Ich weiss, dass ich nicht wie die Amerikaner aussehe, die vor mir in dieser grossen Stadt gesprochen haben.» Äusserlichkeiten müssen nicht unbedingt täuschen. Es ist also durchaus möglich, dass Obama innen- und aussenpolitisch für einen Ausbruch aus der gängigen Praxis und tatsächlich für einen «glaubhaften Wandel» steht, um seinen Wahlslogan zu zitieren. Als selbsternannter «Führer der freien Welt» würde er der amerikanischen Aussenpolitik eine neue Richtung geben und sie weg von amerikanischem Hegemoniestreben lenken. Ob das so kommen wird, ist schwer auszumachen. Für ein abschliessendes Urteil ist es selbstverständlich noch zu früh.

So bleibt uns Europäern bis zur Stimmabgabe im November nur, den Präsidentschaftswahlkampf gebannt zu verfolgen. Wir fragen uns nicht nur, wie die Amerikaner entscheiden werden, sondern auch, für welchen Obama – so er denn ins Weisse Haus einziehen sollte.