Europa und die Identitätskrise seiner Muslime
Ishtiaq Ahmed, der Sprecher des Moscheenrates im englischen Bradford, lebt mit drei Generationen seiner Familie in einem luxuriösen Haus, das sein Vater, ein in Pakistan aufgewachsener und erfolgreicher Geschäftsmann erbaut hat. Nach den Anschlägen vom 7. Juli 2005 auf öffentliche Verkehrsmittel in London, die 52 Menschen das Leben gekostet hatten, blickte sich Ahmed um und war besorgt angesichts des Bildes, das sich ihm bot: Drei der vier Attentäter kamen aus dem nahen Leeds und waren — wie er selber – pakistanischer Abstammung. «Junge Muslime im Alter von 16 bis 25 Jahren fühlen sich zusehends ausgeschlossen, desillusioniert und verärgert. Gründe sind Arbeitslosigkeit, Rassismus und die britische Aussenpolitik», sagte Ahmed. Viele dieser jungen Leute hätten, so fügte er hinzu, das Gefühl, die Londoner Regierung sei gegen sie eingestellt. «Sie sehen, wie die Regierung Millionen für den Kampf gegen Muslime in Irak ausgibt, aber nicht bereit zu sein scheint, deren Probleme bei sich zu Hause zu lösen.» Das mache sie empfänglich für Rekrutierungsversuche islamischer Extremisten. «Auch wenn zum Schluss nur drei bis vier Prozent der muslimischen Jugend in England zu den Extremisten wechselt, ist das immer noch viel zu viel», betont Ahmed.
Die Anschläge von London haben, ebenso wie die Madrider Eisenbahnattentate vom März 2004 und andere vereitelte Gewaltakte, Europa gezwungen, sich mit dem in seinen Breitengraden gewachsenen islamischen Radikalismus zu befassen. Abgesehen von den Sicherheitsmassnahmen zur Verhinderung von Terroranschlägen versucht Europa, die Gründe für die Wut und Entfremdung zu verstehen, die Muslime in einigen Fällen sogar dazu bringen können, den eigenen Nachbarn anzugreifen. Es muss betont werden, dass die in Terrorismus verwickelten europäischen Muslime verglichen mit ihrer Gesamtzahl eine verschwindend kleine Minderheit darstellen. Von den rund 17 Millionen im EU-Raum lebenden Muslimen sind laut einer Studie des niederländischen Instituts für internationale Beziehungen im Zeitraum von 2001 bis 2006 242 des Mordes angeklagt worden. Anders verhält es sich mit der weiter verbreiteten Sympathie für terroristische Attacken. Etwa jeder siebte Muslim in Frankreich, Spanien und Grossbritannien hält Selbstmordattentate gegen zivile Ziele ab und zu für gerechtfertigt, um den Islam gegen seine Feinde zu verteidigen. Zu diesem Schluss gelangt eine Erhebung des Pew Research Center von 2006. Der Krieg in Irak, die Afghanistan-Kampagne und Israels jüngste Invasion des Gaza-streifens stärken nach Ansicht von Experten unter Muslimen in Europa zudem immer mehr die Position der al-Qaida, die davon ausgeht, dass der Islam einer Attacke des Westens ausgesetzt sei. Gemäss einer Umfrage von 2008 des Marktforschungsunternehmens YouGov halten 32 Prozent der muslimischen Universitätsstudenten in Grossbritannien Töten für gerechtfertigt, entweder zur «Bewahrung und Förderung» der Religion oder für den Fall, dass die «Religion angegriffen wird». Eine 2007 von Populus durchgeführte Umfrage unter britischen Muslimen gelangt zum Schluss, dass 13 Prozent der Muslime im Alter von 16 bis 24 Jahren Organisationen wie al-Qaida bewundern und bereit sind, den Westen zu bekämpfen. 37 Prozent der Muslime der gleichen Altersgruppe sagten ausserdem, sie würden es vorziehen, unter islamischen statt unter britischem Gesetz zu leben.
Identitätskrise
In Grossbritannien versuchen die Regierung und einige muslimische Gruppen, der Bedrohung durch Extremisten mit härterer Durchsetzung der Gesetze und zahlreichen Programmen gegen die Radikalisierung entgegenzutreten. Es wird aber Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte dauern, bis sich der Erfolg dieser Massnahmen quantitativ einigermassen messen lässt. Laut Peter Neumann, Direktor des Internationalen Zentrums für das Studium von Radikalisierung und politischer Gewalt am Londoner King’s College, liegt dem Problem eine Identitätskrise unter den Muslimen in Europa zugrunde. «Die europäischen Muslime fühlen sich hin und her gerissen zwischen der Kultur ihrer Eltern, mit der sie sich nicht identifizieren, und der westlichen Kultur, die sie nicht wirklich akzeptiert. Das gilt für alle Immigranten, doch der ausschlaggebende Unterschied besteht darin, dass etwa die Hindus keine Ideologie haben, der zufolge der Westen mit ihrer Religion auf Kriegsfuss steht, und dass Zionisten und Kreuzritter sie töten wollen.» Solange Europa die Muslime nicht aufnimmt, werden sie, so Neumann, ewige Aussenseiter bleiben, und manchmal zu Radikalen werden. «Dieses Problem wird erst dann verschwinden, wenn die europäischen Gesellschaften die Muslime integrieren. Das wird eine Generation dauern.»
In der Schweiz besitzen einige Immigranten der dritten und sogar der vierten Generation noch immer nicht die Schweizer Staatsbürgerschaft. Im Gegensatz etwa zu den USA gewähren nicht alle europäischen Staaten im Land geborenen Einwohnern automatisch das Bürgerrecht. Gemäss aktuellen Schätzungen sind bis zu 50 Prozent der europäischen Muslime faktisch keine Bürger von EU-Staaten. Die muslimische Bevölkerung des Kontinents spielt aber eine zunehmend wichtigere Rolle in der europäischen Politik. Heute machen sie zwar erst etwa fünf Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung aus, doch nach Prognosen von Demografen dürfte sich dieser Anteil in den nächsten 20 Jahren verdoppeln, ist die Geburtsrate der Muslime doch zwei- bis dreimal so hoch wie der europäische Durchschnitt.
Gängigste Form des Fremdenhasses
2007 warb die SVP mit Plakaten, auf denen verschleierte muslimische Frauen zu sehen waren, verbunden mit der Frage: «Wo leben wir, in Baden oder in Bagdad?» Über Muslime zu klagen ist ein alltäglicher und akzeptierter Aspekt der öffentlichen Diskussion geworden. Gemäss zahlreicher europäischer Studien ist die Islamophobie – die Furcht vor oder der Hass auf sowie die Diskriminierung von Muslimen – in Europa zur verbreitesten Form des Fremdenhasses geworden. Im ersten, 2006 publizierten, Bericht der EU über islamophobe Zwischenfälle konnte man etwa lesen: «Die Meinung, wonach die Präsenz des Islams in Europa in der Form seiner muslimischen Bürger und Migranten eine Herausforderung ist für Europa und europäische Normen und Werte, hat eine starke Position eingenommen in der politischen Diskussion in Europa und hat auch ein Klima der Furcht geschaffen.» Einige behaupten, dass muslimische Fundamentalisten den Vorwurf der Islamophobie ausnutzen, um legitime Kritik am islamischen Fanatismus, einschliesslich Ehrenmoden, erzwungenen Ehen und der Sympathie für den Terrorismus, zum Schweigen zu bringen.
Im vergangenen September hat das Pew Research Center eine Studie veröffentlicht, derzufolge in den europäischen Staaten mit den grössten muslimischen Bevölkerungen die Haltung den Muslimen gegenüber am ungünstigsten ist. Von den Interviewten äusserten sich in Spanien 52 Prozent, in Deutschland 50 Prozent, in Frankreich
38 Prozent und in Grossbritannien 25 Prozent negativ über Muslime. Im Gegensatz dazu ergab eine Studie von 2006, dass in den USA nur 25 Prozent der Befragten negative Gefühle gegenüber Muslimen empfanden.
«Die Tatsache, dass Muslime in Frankreich schwarz und Araber sind, ist ausschlaggebend dafür, wie sie von der französischen Gesellschaft gesehen werden, und nicht ihre Religion», sagt Justin Vaisse vom Washingtoner Brooking Institut, der Mitherausgeber des Buchs «Integrating Islam» ist. – Die oft als religiöse Fanatiker oder potenzielle Terroristen hingestellten Muslime hätten gelernt, mit dem negativen Image zu leben, das in persönlichen Begegnungen, politischen Diskussionen und in den Medien reflektiert wird. Das kann aber gefährliche Konsequenzen haben, wie Navid Akhtar, Direktor des Londoner Forums gegen Islamophobie und Rassismus, sagt. Radikale Gruppen versuchen nämlich, aus der Entfremdung junger Erwachsener, die seit Jahren unter beiläufigem Rassismus leiden, Kapital zu schlagen.