Ethische Prinzipien und wirtschaftliches Handeln

Von Herbert Winter, October 22, 2010
Wirtschaftliche Rationalität und moralische Prinzipien stehen oft im Widerspruch. Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds und Wirtschaftsanwalt, gibt Anstösse für ethisches wirtschaftliches Handeln aus einer jüdischen Perspektive.
DER MENSCH IM MITTELPUNKT Die jüdische Wirtschaftsethik hat die Heiligkeit des menschlichen Lebens zu respektieren

Wenn es eine Grundaussage jüdischer Ethik gibt, dann ist es jene Hillels, der zu Beginn unserer Zeitrechnung der bedeutendste Gelehrte der jüdischen Welt war: «Was du nicht willst, dass man dir zufüge, füge keinem anderen zu.» Wie der Talmud erzählt, sah Hillel in diesem Spruch die eigentliche Essenz der Thora verkörpert.
Von den 613 Geboten und Verboten, die unmittelbar der Thora zugeschrieben werden, betreffen weit über 100 wirtschaftliche Themen. Man ist indes geneigt zu sagen, dass dies nicht Ethik sei, weil zumindest der religiöse Jude gezwungen ist, sich an die Vorschriften zu halten. Ethik aber beginnt nach allgemeiner Vorstellung dort, wo man an die Freiwilligkeit des Individuums appelliert. Das eigentliche ethische Prinzip des jüdischen Wirtschaftsgebarens ist das von «ifnim mischurat hadin» – einem Handeln, das in der Selbstkontrolle über den Buchstaben des Gesetzes hinausgeht. Ob Geschäfte ethisch korrekt geführt wurden, ist nach der rabbinischen Überlieferung die erste Frage, die dem jüdischen Menschen vor dem himmlischen Gericht gestellt wird. Sie hat dieselbe religiöse Bedeutung wie jene nach der Einhaltung des Schabbats, der Kaschrut-Regeln, der Gebete oder der Wohltätigkeit. Der Talmud sagt: «Wer ehrlich im Geschäft ist, gilt als ein Mensch, der die ganze Thora eingehalten hat.» Das Gesetzeswerk als solches wird heute nur von religiösen Juden als unmittelbar verbindlich angesehen. Als allgemeine Grundlage ethischen Wirtschaftens ist es jedoch weit darüber hinaus von Bedeutung, gilt doch auch vielen traditionellen und säkularen Juden die ethische Seite des Judentums als relevante Anleitung zu ihrem Handel und Wandel.

Religionsgesetzliche Grundlagen

Im Folgenden sollen die religionsgesetzlichen Grundlagen der jüdischen Wirtschafts- und Unternehmensethik genannt werden. Im Judentum sind – anders als in anderen Religionen, welche die Askese als erstrebenswert ansehen oder skeptisch sind gegenüber wirtschaftlichem Erfolg – geschäftliche Aktivität und Profit legitim. Es gibt kein grundsätzliches Misstrauen gegen Wohlstand. Die Wirtschaft wird als Segen betrachtet, sie ist eine tragende Säule im jüdischen Leben. Rabbiner schufen aber schon früh Vorschriften, welche der wirtschaftlichen Tätigkeit Schranken setzten, damit friedliches Zusammenleben nicht gefährdet wird und menschliche Habgier nicht die Oberhand gewinnt.
So hat jüdische Wirtschaftsethik stets die Heiligkeit des menschlichen Lebens zu respektieren. Ein Geschäftsbetrieb ist zum Beispiel so zu führen, dass die Mitarbeiter im Umgang mit Schadstoffen oder anderen Gefahren für Leib und Leben optimal geschützt werden. Mitarbeiter sind gerecht zu entlöhnen und der Taglöhner muss zwingend am selben Tag für seine Arbeit bezahlt werden. Der Arbeitnehmer ist seinerseits verpflichtet, sich voll für den Arbeitgeber einzusetzen und keine Arbeitszeit für private Dinge zu verschwenden. Weiter sind im Geschäftsverkehr Bestechung, Täuschung, Betrug, aber auch das Verheimlichen wichtiger Tatsachen verboten. Konsumenten dürfen nicht hinters Licht geführt werden, etwa indem man alte Dinge anmalt, um sie neu erscheinen zu lassen, oder die Kuh vor dem Verkauf füttert, um ihr Gewicht in die Höhe zu treiben. Der Verkäufer darf keine schlechten Waren unter gute Waren mischen und muss stets gleiche, korrekte Gewichtssteine und Hohlmasse verwenden. Wer sich in einem Interessenkonflikt befindet, muss sein Gegenüber darauf aufmerksam machen. Der Hersteller und Verkäufer einer Ware oder Dienstleistung ist zudem verpflichtet, den Konsumenten vor Schaden zu bewahren. Gute Qualität ist Pflicht.
Aus dem Gebot «Du darfst nicht stehlen» leiten sich viele wirtschaftlich relevante Regelungen ab, so zum Beispiel das Verbot der Übervorteilung. Waren müssen zu einem korrekten Preis verkauft werden, der höchstens ein Sechstel höher sein darf als der marktübliche Preis, sonst darf der Käufer vom Kauf zurücktreten. Das Nichtbezahlen von Schulden gilt als Diebstahl. Auch ist im Judentum Konkurrenz unter Geschäftsteilnehmern nicht verpönt. Sie muss aber mit korrekten Mitteln betrieben werden und darf nicht zum Ruin des Mitbewerbers führen.

Der Mensch als Pächter

Gott ist – gemäss den Schriften – der eigentliche Eigentümer der Welt, der Mensch ist immer nur Pächter. Als Verwalter Gottes hat der Mensch Sorge zu Welt und Schöpfung zu tragen. Er darf und soll die Natur zwar nutzen, aber nicht missbrauchen oder nutzlos zerstören. Sogar im Rahmen von kriegerischen Auseinandersetzungen darf er nicht beim Angriff auf eine Stadt die Fruchtbäume des Gegners fällen. Im Verhältnis zu Nachbarn muss man besorgt sein, dass Wurzeln, die zu einem Baum auf dem Nachbargrundstück gehören, nicht mutwillig zerstört werden. Der Mensch muss für den Fortbestand der Nasorgen, zum Beispiel durch stetiges Planzen neuer Bäume.
Bei der Frage, ob die genannten Vorschriften nur unter Juden oder allen gegenüber gelten, kommt das Prinzip der Reziprozität zur Anwendung: Juden sollen sich Menschen anderer Religionen gegenüber so verhalten, wie es diese ihnen gegenüber praktizieren. Darüber hinaus ist heute die jüdische Rechtspraxis dominiert von der Idee, dass zwischen Juden und Nichtjuden bei der Anwendung ethischer oder rechtlicher Prinzipien keine Differenz besteht.
Der oft gehörte Begriff der nachhaltigen Entwicklung der Welt schafft übrigens eine moderne Verbindung zur traditionellen jüdischen Wirtschaftsethik. Das Tun und Lassen der menschlichen Gesellschaft soll wirtschafts- und umweltverträglich und zugleich sozialverträglich sein. Thora, Talmud und andere Quellen basieren auf diesen Grundpfeilern und fordern deren Gleichwertigkeit – wirtschaftliche Tätigkeit und Erfolgsstreben im Einklang mit den Bedürfnissen von Mensch, Natur und Gesellschaft. Die Forderungen der mehr als 3500 Jahre alten Thora und unserer Schriftgelehrten sind heute aktueller denn je.