Ethische Kontroversen und Sorge um Jugendliche

von Alain Nordmann, October 9, 2008
Am 14. November fand im Marriott Marquis Hotel in Manhattan eine durch das National Institute of Judaism and Medicine organisierte hochkarätig besetzte internationale Konferenz über aktuelle Probleme in der Medizin aus speziell jüdischer Perspektive statt. Die diskutierten Themen beinhalteten neben der Kontroverse um ethische Fragen am Ende des Lebens auch soziokulturelle Probleme jüdischer Jugendlicher, welche in den USA und Israel auch in orthodoxen Kreisen ein besorgniserregendes Ausmass angenommen haben.
Beschützte Kindheit: Auch orthodoxe Jugendliche kämpfen mit Drogenproblemen. - Foto Reuters

Der erste Themenblock war einem gesellschaftlichen Problem gewidmet, das lange Zeit verharmlost und in der Vergangenheit nie richtig ernst genommen wurde. Unter dem Titel «Children at risk» berichtete der Psychologe Norman Blumenthal über eine alarmierende Zunahme von Drogenmissbrauch in Yeshiva- und Beth-Ja’akow-Kreisen. Obwohl das orthodoxe Judentum in Nordamerika und Israel floriert wie kaum zuvor, gibt es eine Minderheit von orthodoxen Jugendlichen, die zwar nach wie vor an die Existenz Gottes glaubt, aber aus unterschiedlichen Gründen das System der religiösen Institutionen in Frage stellt und nicht mit ihm zurecht kommt.
Blumenthal, Gründer und Präsident von Cahal, einer Organisation, welche aus einer kollektiven Partnerschaft von neun Yeshivot besteht, welche speziell auf die Bedürfnisse dieser Jugendlichen eingeht, bezifferte die Anzahl der betroffenen orthodoxen Jugendlichen auf 1000 oder mehr. Besonders gefährdet sind Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen im Sinne eines Attention Deficit Disorders (ADD), Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen, adoptierte Kinder und Kinder aus Familien, in welchen eins oder mehrere Familienmitglieder an ernsthaften Erkrankungen leiden. Blumenthal betonte aber, dass unter den betroffenen Kindern auch Kinder aus stabilen Familienverhältnissen anzutreffen sind. Er wandte sich gegen rigide Schulstrukturen im Umgang mit diesen Kindern und Jugendlichen und verlangte Flexibilität von Seiten der Erzieher, die den Betroffenen dank Unterstützung durch speziell ausgebildete Mentoren eine eher auf sie zugeschnittene Erziehung ermöglichen sollen. Falls dies im Rahmen einer bestimmten Institution nicht möglich ist, hat die jeweilige Schule oder Institution die Verpflichtung, den betroffenen Jugendlichen eine Alternative anzubieten, ohne sie einfach auf die Strasse zu setzen. Als Beispiel für eine derartige Alternative nannte Blumenthal das Projekt «Towa», in welchem die betroffenen Kinder von einem sozialen Netzwerk profitieren, das sie sowohl in der Schule als auch in Freizeitaktivitäten unterstützt, die in orthodoxen Kreisen sonst als unpassend angesehen werden. Dabei gilt die Voraussetzung, dass keine halachischen Grundsätze verletzt werden dürfen.
Für die Psychiater und Rabbiner Abraham Twersky ist das zunehmend grösser gewordene Problem der «Children at risk» auf die Tatsache zurückzuführen, dass bis vor wenigen Jahrzehnten ungleich weniger Yeshivot existierten. Somit war es den betroffenen Jugendlichen kaum möglich, ihresgleichen zu finden. Dies führte gezwungenermassen dazu, dass sie ihren Rückhalt bei ihrer eigenen Institution und Familie suchen mussten. Eine Annäherung an nichtjüdische Kreise kam und kommt auch heute noch kaum in Frage, da sich diese Jugendlichen nach wie vor als Juden identifizieren. Hingegen haben die Jugendlichen heute die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen, was manchenorts zur Bildung regelrechter Gangs geführt hat, die in koscheren Pizzerie herumhängen und keiner geregelten Tätigkeit nachgehen. Mit Nachdruck betonte Rabbiner Twersky, dass die Yeshivot sich nicht damit begnügen dürften, herausragende Talmudgelehrte unterrichten zu lassen, sondern dafür zu sorgen hätten, dass die Lehrkräfte auch über exzellente pädagogische Fertigkeiten verfügten. Um präventiv wirken zu können, forderte Rabbiner Twersky in den Institutionen die Einführung spezieller Unterrichtsstunden, in welchen den zukünftigen Vätern und Müttern, erzieherische Techniken beigebracht werden.
In seinem Referat über die Unterschiede zwischen säkularer und jüdischer Medizinethik strich der Direktor des Zentrums für jüdische Medizinethik am Shaare-Zedek-Spital in Jerusalem, Avraham Steinberg, die Gegensätze dieser beiden fundamental verschiedenen Systeme heraus. Während die säkulare Ethik auf einem philosophisch-humanistischem Konzept basiert, hat die jüdische Medizinethik eine biblisch-talmudische Basis. Die zurzeit geltende säkulare Ethik stellt dabei die uneingeschränkte Autonomie des Patienten ins Zentrum ihres Systems, wogegen die jüdische Medizinethik von einem Bündnis zwischen Arzt und Patient als Idealzustand ausgeht. Dieses Bündnis basiert einerseits auf der Verpflichtung des Arztes zu heilen, andererseits auf der Verpflichtung des Patienten, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Autonomie des Patienten hat sich einem gewissen moralisch-religiösen Paternalismus unterzuordnen. Steinberg bemängelte, dass in der Vergangenheit die jüdisch-ethischen Diskussionen meist erst nach Eintreten einer medizinischen Realität eingesetzt haben. Er forderte ein Antizipieren des medizinischen Fortschritts, um heikle Fragen aus ethischer Sicht zeitgerecht angehen zu können.
Anhand biblischer, talmudischer und neuerer rabbinischer Quellen ging Fred Rosner, Direktor des Departements Medizin am Queens Hospital Center in Jamaica, New York, und bekannter Autor zahlreicher Bücher über jüdische Medizinethik, auf kontroverse Fragen im Sterbeprozess ein. Während in der säkularen Medizinethik kein Unterschied zwischen dem aktiven Beenden einer medizinischen Massnahme (zum Beispiel dem Abstellen eines Beatmungsgerätes) und dem Verzicht auf Einleiten einer Therapie besteht, ist nur Letzteres aus jüdischer Sicht erlaubt – und auch dies nur unter gewissen Umständen. Im Judentum wird jeder Moment des Lebens als heilig betrachtet, dementsprechend ist auch Beihilfe zum Suizid verboten. Hingegen ist die Behandlung schwerer Schmerzen bei Sterbenden selbst dann erlaubt, wenn die verabreichten Schmerzmittel das Leben verkürzen. Primäres Ziel bei der Verabreichung der Schmerzmittel muss aber die Bekämpfung der Schmerzen und nicht die Verküzung des Lebens sein.
Im Anschluss an das Referat Rosners wurde die Frage diskutiert, ob Sterbende gemäss der jüdischen Auffassung mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt werden müssen. Währenddem sich alle halachischen Autoritäten darin einig sind, das Sterbende, die bei Bewusstsein sind, unter allen Umständen mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt werden müssen, wird dieselbe Frage bei komatösen Patienten, bei welchen keine Hoffnung mehr besteht kontrovers diskutiert. Die meisten halachischen Autoritäten, unter anderem Raw Schlomo Salman Auerbach, erachten die Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr selbst für komatöse Patienten, welche im Begriff sind zu sterben, als Pflicht. Einige zeitgenössische Autoritäten scheinen unter diesen Umständen von einer Verpflichtung zur künstlichen Ernährung abzusehen.