Essenszeit für den Präsidenten

von Andreas Mink, October 15, 2009
In den USA dreht sich die Stimmung. Nun machen auch die TV-Komiker Barack Obama zur Zielscheibe. 
Differenziert verhält sich vorerst nur Jon Stewart mit seiner Daily Show.
ÜBERRASCHTER PREISTRÄGER Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis

Von der dezidierten Sprechweise bis zu den abstehenden Ohren: Fast zwei Jahre lang gab es keinen besseren Darsteller von Barack Obama im US-Fernsehen als Fred Armisen von der Satire-Show Saturday Night Live (SNL). Armisens Karikatur des Kandidaten und Präsidenten war lebensnah und fast durchweg freundlich. Bis zum 3. Oktober. Da war ein Armisen-Obama zu erleben, der sich über den Vorwurf wundert, er wolle Amerika in Nazideutschland oder die Sowjetunion verwandeln: «Das kann doch gar nicht sein – bislang habe ich doch noch überhaupt nichts erreicht!» Am vergangenen Wochenende legte SNL nach und führte einen Obama vor, den sein «Nobelpreis für Nichtstun» in Verlegenheit bringt.

Unrealistisch hohe Erwartungen

Die Show liegt gut im Trend. In den letzten Wochen haben die TV-Komiker durch die Bank eine Kehrtwende vollzogen und Obama zur Zielscheibe gemacht. Dies, obwohl der Präsident als erster Amtsinhaber bei den Sendungen von Jay Leno und David Letterman aufgetreten ist und dort Zuschauer und Moderatoren mit seiner Schlagfertigkeit beeindruckte. Doch in der vergangenen Woche höhnte Leno zur Afghanistan-Politik: «Macht euch keine Hoffnungen, dass Obama schnell über die Truppenstärke entscheiden wird. Er hat ja schon für die Auswahl seines Hundes fünf Monate gebraucht.» Und nachdem der Präsident den Friedensnobelpreis erhalten hatte, fiel Leno nur ein: «Seine grösste Leistung bislang ist … dass er den Nobelpreis gewonnen hat!»
Folgen Leno und SNL der Stimmung in der Bevölkerung, die angesichts der enormen Probleme des Landes unrealistisch hohe Erwartungen an den Präsidenten hat, so wird Obamas bislang schärfster Kritiker im Late-Night-Fernsehen von dessen progressiver Haltung bewegt. In der vergangenen Woche liess Jon Stewart in seiner «Daily Show» ein wahres Trommelfeuer auf Obama los und geisselte seine Zögerlichkeit bei der Gesundheitsreform und bei der Diskussion um Homosexuelle im Militär. Stewart nahm sich vor allem die Erklärung vor, die aus dem Weissen Haus zu hören ist – der Präsident habe «einen gehäuften Teller voller Probleme vor sich». Der Komiker hatte die Metapher satt und rief Obama zu: «Bruder, jetzt ist Essenszeit – mach dich endlich über die Probleme her!»

Gegen den Trend

Ausländischen Beobachtern mag die Aufregung um TV-Komiker albern erscheinen. Aber in den USA widmen dem Phänomen nicht nur die grossen Zeitungen ihre Aufmerksamkeit. Selbst ein Sprecher Obamas erklärte, Politiker seien gut beraten, den Einfluss der Satiriker nicht zu unterschätzen. Dies gilt speziell für diesen Präsidenten, der wie kein anderer ständig die Öffentlichkeit sucht und seit dem Januar permanent in allen Medien präsent ist. Dies hat bei den Bürgern bereits Ermüdungserscheinungen produziert, die nun von den Komikern aufgegriffen werden.
Einen feinen Instinkt für den Zeitgeist beweisen allein Jon Stewart und sein Kollege Stephen Colbert. Zu Beginn dieser Woche vollzogen beide erneut eine Wende und stellten sich gegen den Anti-Obama-Trend. Während Stewart kein Wort über den Nobelpreis verlor, zog er ausgiebig über die Nachrichtenkanäle her, die republikanischen Kritikern des Präsidenten ohne Widerrede die Verbreitung offensichtlicher Schwindeleien gestatten. Anschliessend bat der «Colbert Report» den indischen Diplomaten und Schriftsteller Shashi Tharoor zum Gespräch, der elegant erklärte, Amerika solle stolz auf seinen Präsidenten sein – der Nobelpreis sei eine Würdigung der Welt für «Obamas neue Politik der Inklusion und der Offenheit».