Es war falsch, zu lachen

October 9, 2008

Als mir 1995 in einem Brief mitgeteilt wurde, David Irving wolle mich verklagen, weil ich ihn einen Holocaust-Leugner genannt hatte, reagierte ich genau gleich wie 20 Jahre zuvor, als ich zum erstenmal überhaupt von Holocaust-Leugnern gehört hatte: Ich lachte. Warum sollte ich das ernst nehmen? Holocaust-Leugner erinnerten mich an Menschen, die an die Theorie der flachen Erde glaubten. Das Ganze war grotesk.
Irvings Klage erschien ähnlich grotesk. Er hatte den Holocaust wiederholt geleugnet. Während des Prozesses gegen den kanadischen Holocaust-Leugner Ernst Zundel sagte er, es habe keine «Politik des Reichs gegeben, die Juden umzubringen», und es existierten «keine Dokumente, welche beweisen würden, dass der Holocaust tatsächlich stattgefunden hat». 1991 strich er die Erwähnung des Holocausts aus seiner neuen Hitler-Biografie: «Etwas, das nicht stattgefunden hat, ist nicht einmal eine Fussnote wert.» Und im gleichen Jahr verkündete er sein Ziel, das «Schlachtschiff Auschwitz» zu versenken.
Wie konnte er vor diesem Hintergrund behaupten, ich würde ihn verleumden, wenn ich ihn als Leugner bezeichne? Höchst wahrscheinlich würde es sich hier um einen an sich bedeutungslosen Prozess voller Lärm und Schaumschlägerei handeln. Ein paar Briefe von Anwälten, vermutete ich in meiner Naivität, und alles würde sich auflösen. Doch Irving ging in England vor Gericht, wo die Gesetze den Kläger bevorteilen. Ich musste die Wahrheit meiner Äusserungen beweisen, während er unangefochten an seinen Verzerrungen festhalten konnte.
Irving sprach wiederholt davon, wie er von der jüdischen Gemeinschaft verfolgt würde. 1992 erklärte er vor Publikum, «unsere alten, traditionellen Feinde sind die grossen internationalen Handelsbanken, die von Leuten kontrolliert werden, die weder Ihre noch meine Freunde sind». Bei anderer Gelegenheit hielt er einem Kritiker, den er als Juden vermutete, entgegen: «Euch hat man auch nicht gerne, aber nicht so wie man mich in den Zeitungen schlecht behandelt, weil man mich nicht gerne hat. Euch verachtet man, indem man Euch in Lager steckt, vor Schützengräben aufstellt und mit Maschinengewehren niedermäht.»
1984 machte Irving jüdische Organisationen verantwortlich für die Annullierung seines Buchvertrages und warnte, sie würden das «noch lange bedauern». Und 1998 verglich er den geschäftlichen Erfolg der amerikanischen Juden mit jenem der Juden in der Weimarer Republik. Dieser Erfolg könnte, so meinte er, zu den gleichen «schlimmen Konsequenzen wie in Nazi-Deutschland führen». Ich hätte nie geglaubt, dass dieser Kampf meinem beruflichen und privaten Leben einen solchen Schaden zufügen würde. An der Pressekonferenz nach der Urteilsverkündung in London fragte man mich: «Würden Sie, nach allem was geschehen ist, das Gleiche über Irving nochmals schreiben?» Ich antwortete mit «Nein». Würde ich mein Buch heute schreiben, würde ich Irving gegenüber einen noch härteren Ton anschlagen. Der von ihm angezettelte Prozess erlaubte meinen Anwälten, die Freigabe seiner privaten Unterlagen zu fordern, welche einen Einblick in seine Aktivitäten gewährten. Wir wissen heute weit mehr über ihn als zuvor. Er ist in seine eigene Falle gegangen.
Ich bekämpfte ihn, denn ich konnte dem Schlechten gegenüber auch dann nicht gleichgültig bleiben, wenn dieses Schlechte auf Unsinn basiert. Auch Unsinn kann nämlich gewaltigen Schaden verursachen. Die «Protokolle der Weisen von Zion» sind erwiesenermassen Fälschungen, die auf lächerlichen Prämissen beruhen. Trotzdem aber sind sie weiter im Umlauf. Der Holocaust lehrt uns, dass Menschen mit schlechten Absichten so frühzeitig gestoppt werden müssen, dass sie keinen Schaden anrichten können. Das hätte für Hitler in den 30er- und 40er-Jahren gelten müssen, und es gilt heute für die Leugner.
Zwar hätte ich mich nie freiwillig mit Irving in den Ring begeben, doch da ich nun einmal hineingezerrt worden war, blieb mir nichts anderes übrig als zu kämpfen. Ich weigere mich stets, mit Leugnern zu debattieren. Nie bin ich in Talk Shows und ähnlichen Programmen aufgetreten, da sie das gemeinsame Erscheinen mit einem Holocaust-Leugner einschlossen, so als ob diese Medaille zwei Seiten hätte.
Ich habe noch nicht richtig erfasst, was es bedeutete, Angeklagte in einem Verleumdungsprozess zu sein, in dem der Holocaust, das Recht auf freie Meinungsäusserung und die Geschichtsschreibung aufeinanderprallten. Nie werde ich vergessen, wie Überlebende mir beim Betreten des Gerichtssaales zuriefen: «Wir zählen auf Dich.» Auch werde ich stets daran denken, wie nach dem Prozess ein Mann ausserhalb des Gerichts mich umarmte und sagte: «Meine Eltern starben in Auschwitz. In ihrem Namen danke ich Ihnen.»
Vielleicht hatte Irving damit gerechnet, dass ich mich zur Zahlung einer symbolischen Summe bereiterklären, mich bei ihm entschuldigen und mein Buch zurückziehen würde. Zwei Jahre vor der Veröffentlichung meines Buches beschrieb Irving, was mit Angeklagten
in Verleumdungsprozessen geschieht: «...Wenn Anklage und Verteidigung voneinander Einblick in die Dokumente fordern, dann brechen in der Regel die Angeklagten zusammen und kapitulieren.» Als ich vor 20 Jahren erstmals von Leugnern hörte, lachte ich. Das war falsch. Ich irrte auch, als ich lachte, als ich den Brief las, in dem mir Irvings Verleumdungsklage angekündigt wurde. Und ich lag total falsch als ich annahm, dass es sich hier nur um eine unwichtige Lästigkeit handelte. Es ging um viel mehr. Doch Irving irrte noch mehr als ich, als er dachte, ich würde «zusammenbrechen und kapitulieren». Ich bekämpfte die Klage mit all meinen Kräften. Es war ein anspruchsvoller Kampf, der in gewisser Hinsicht aber auch überraschend zufriedenstellte. Er lehrte mich viel über das Schlechte, aber auch über das Gute, über Freundschaft und darüber, was es heisst, das Richtige zu tun. Auch das gehört zur Geschichte.

JTA

Die Autorin ist Professor für moderne jüdische und Holocaust-Studien an der Emory-Universität in den USA. Am 11. April 2000 entschied ein Londoner Gericht gegen Irving, der Lipstadt und Penguin Books für die Veröffentlichung des Buches «Denying the Holocaust: The Growing Assault on Truth and Memory» verklagt hatte.