«Es ist spannender, einen Bösewicht zu spielen»

April 18, 2008
Mit der Rolle des Elvis, des Sidekicks und Cousins des James-Bond-Kontrahenten, schafft Schauspieler Anatole Taubman endgültig den Sprung in die Gilde der Hollywood-Schauspieler. Er gewährte tachles einen Einblick hinter die Kulissen des James-Bond-Films «Quantum of Solace» und erzählt aus dem Alltag eines Schauspielers.

tachles: Was ist Ihre Rolle im jüngsten James-Bond-Film?

Anatole Taubman: Ich spiele einen Franzosen namens Elvis und bin der Cousin des Hauptbösewichts und direkten Gegenspielers von James Bond. In den bisherigen Filmen waren ja die Gefolgsmänner des Bösewichts nichts anderes als eine Art Tapete. Das Gefälle zwischen Bösewicht und Sidekick war stets relativ gross. Durch die Regie Mark Forsters schlägt die gesamte James-Bond-Franchise innerhalb des Formats sicherlich eine neue Richtung ein. Es ist für den Zuschauer bestimmt viel spannender, wenn auch die Bösewichte eine Biografie, eine Geschichte haben. Alles wird realer. Da mir dies persönlich sehr wichtig war, habe ich mich vorgängig lange mit Forster unterhalten. Als er mir sagte, dass er dies genauso sieht, war ich natürlich glücklich und bin ihm dafür auch sehr dankbar. Als Elvis kann ich aus dem Vollen schöpfen.

Wie haben Sie reagiert, als Sie die Rolle erhalten haben?

Ich war wirklich sprachlos und das kommt bei mir ja eher selten vor (lacht). Für mich kam die Anfrage sehr unerwartet, da ich gerade in andere Dreharbeiten involviert war und schon für andere Projekte zugesagt hatte. Die Meetings zu «Quantum of Solace» verliefen in dieser Zeit ziemlich beiläufig. Umso glücklicher war ich, als es dann wirklich klappte.

Wie muss man sich denn die Stimmung am Set bei einer so grossen Produktion vorstellen? Sie waren ja jetzt fünfeinhalb Woche in Panama.

Ich habe gehört, «Quantum of Solace» sei eine der teuersten Produktion in der Geschichte Hollywoods. Die Arbeit am Set, egal ob Schauspieler, Regisseur oder Techniker, bleibt im Prinzip immer die Gleiche, ob es sich um einen studentischen Abschlussfilm oder um einen Blockbuster handelt. Der einzige, aber grosse Unterschied ist, dass die Dimensionen andere sind, und man hat natürlich auch mehr Geld zur Verfügung. Wir hatten in Panama zum Beispiel ein Team von 350 Leuten. Solche Produktionen funktionieren wie ein Schweizer Uhrwerk. Sie sind präzise, effizient, professionell und pünktlich, obwohl man zwischen den Einstellungen oft lange warten muss. Aber Geduld gehört zu den Tugenden eines Schauspielers, das lernt man mit der Zeit.

James Bond ist im Gegensatz zu anderen Filmen eine Hollywood-Produktion, die schon seit Jahrzehnten funktioniert und Erfolg hat. Können Sie sich das erklären?

Bond ist eine Weltmarke. Nebst den eigentlichen Filmen steckt auch eine riesige Merchandise-Maschinerie dahinter. Stellen Sie sich vor: Es gibt weltweit über 104 James-Bond-Websiten. Diese werden von Fans betreut. Es gibt sehr viele Leute, deren Lebensinhalt James Bond ist. Traurig, aber wahr. Diese Leute beschäftigen sich so detailliert mit dem Thema, dass auf diesen Websites Gerüchte kursieren, von denen ich nicht einmal weiss, wie sie entstanden sein könnten.

Die meisten bisherigen James-Bond-Produktionen griffen auf das bewährte Spiel zwischen Gut und Böse zurück. Meistens waren die Amerikaner und Briten die Guten, die Russen waren die Bösen. Ist dieses Konzept nicht etwas veraltet?

Während des Kalten Krieg ging das Gut-gegen-Böse-Konzept ziemlich gut auf. In der heutigen Weltordnung ist es schon schwieriger abzuschätzen, wer gut und wer böse ist. Die grossen Bösewichte könnten doch die Pharma-, Waffen- oder Öl-Lobbyisten oder auch Politiker sein. Als Beispiel: Für viele Leute etwa gehört Tony Blair zu den Bösen, für die anderen ist er der perfekte Schwiegersohn. Ich glaube, die ganze Gut-und-Böse-Diskussion hat sich verschoben, so wie sich auch viele Werte und Wertvorstellungen verschoben haben. Heute ist nichts mehr eindeutig. Auch die Bösewichte sind vielschichtiger geworden, und es macht viel mehr Spass, einen solchen Bösewicht zu spielen als einen klischierten wie früher. Heutzutage sieht man einem wahren Bösewichten nicht mehr an, dass er einer ist.

Aber ein Bösewicht ist doch einfach in erster Linie mal böse?

Ich glaube nicht daran, dass Menschen böse geboren werden. Der Mensch ist eine Art «Carte blanche», ist neutral, wenn nicht sogar gut geboren. Familie, Erziehung, und Erfahrung prägen den Menschen. Ein Bösewicht ist nicht per se oder grundlos ein Bösewicht, man sollte stets auf seinen Hintergrund achten. Ich glaube in zeitgenössischen Filmen sollte dieses plakative «gut und böse» nicht transportiert werden. In den James-Bond-Filmen hat es auch in dieser Hinsicht eine Entwicklung gegeben. Besonders der jüngste James-Bond-Film ist feiner, differenzierter und hat mehr Substanz, ist einfach realer. Er hat mehr Tiefgang und ist komplexer. Man sollte die Zuschauer nicht für dumm verkaufen. Denn auch sie haben eine Entwicklung durchgemacht, sie sind intelligenter, offener und wacher geworden. Oder?

Unterscheiden sich die Vorbereitungen für eine gute oder eine böse Rolle?

Eigentlich nicht. Bei einem guten oder lieben Helden musst du dich etwas stärker an das Drehbuch halten. Bei einem Bösen kannst du etwas mehr spielen, mehr erfinden. Aber letztendlich müssen alle Charaktere – ob gut oder böse, gescheit oder dumm – authentisch und real herüberkommen. Ich habe schon einige Bösewichte gespielt, sie sind oft viel verschachteltere Typen als die Guten.

Wie viel von einer Rolle geht in den Schauspieler über, und wie viel von Ihrer eigenen Persönlichkeit schenken Sie der Rolle?

Ich versuche, meiner Rolle alles zu schenken, dem Charakter alles von mir zu geben, die Figur bis zum letzten Molekül zu verstehen und zu spüren. Ich fühle mich eher zum Methode Acting hingezogen, brauche aber auch das Hier und Jetzt auf dem Set, um mich fallen zu lassen. Vertrauen ist ein grosses Wort in diesem Prozess. Ich ziehe es daher vor, weg von Zuhause zu drehen, wie jetzt in Panama. Ich bin also kein grosser Freund davon, Filmrealität und wahre Realität an einem Ort zu vereinen.

Bei Castings muss sich ein Schauspieler bis zu einer gewissen Grenze verkaufen. Wie gehen Sie damit um?

Heute ist die Situation für mich als Schauspieler zum Glück etwas anders als noch vor fünf, sechs Jahren. Ich weiss mittlerweile, dass ich Talent habe und darauf vertrauen kann. Natürlich muss ich nichtsdestotrotz noch sehr viel lernen, weil ich auch als Mensch bis zu meinem Tod und wahrscheinlich auch darüber hinaus in einer Entwicklung stecke. Es ist mein langfristiges Ziel, spannende, tolle Figuren zu spielen, die berühren. Das steht für mich über allem. Aber letztlich muss sich jeder Schauspieler verkaufen, denn wenn man zu einem Casting geht, will man ja die Rolle bekommen.

Leider sind nicht alle Schauspieler in der glücklichen Lage, ihre Rollen aussuchen zu können. Haben Sie auch schon Rollen angenommen, die Ihnen gar nicht zusagten?

Natürlich musste ich auch schon Rollen aus finanziellen Gründen annehmen. Das gehört zu jedem Schauspielerleben. Gott sei Dank ist das schon ein paar Jahre her, es könnte aber jederzeit wieder kommen. Solche Engagements lasse ich dann lieber aus dem Lebenslauf, etwa einen Gastauftritt in einer Sitcom oder einer schlechten Krankhausserie.

Was halten Sie vom Drehbuchautorenstreik in Hollywood? Können sie den Unmut der Autoren verstehen? Wäre so etwas auch in Europa möglich?

Ich fand die Geschichte sehr nahvollziehbar. Man muss verstehen, dass der Film in den USA ein Industriezweig mit Millionen von Beschäftigten ist. In Europa, etwa in Deutschland, gibt es eher eine Art Filmmarkt, in der Schweiz ist er sogar noch kleiner. Ich würde also sagen, ein solcher Streik wäre in Europa schwer vorstellbar. Ausserdem sind die Lobbys und Gewerkschaften in der europäischen Filmbranche sehr schwach, wenn überhaupt existent. Frankreich ist da eine wahre Ausnahme. Ein zweiter wichtiger Punkt, weshalb ich diesen Streik unterstützte, ist die Tatsache, dass die Filmstudios und Produzenten mit der Entwiccklung der neuen Medien (DVD, Internet, Downloads, Podcasts) ein Heidengeld verdienten, während die anderen involvierten Personen, unter anderem die Autoren, nichts davon bekamen. Ich glaube es ist richtig, dass sie jetzt ein Stück des Geld-Kuchens bekommen, sie haben es auf jeden Fall verdient.

Bleibt Ihnen während der Arbeit am James-Bond-Film noch Zeit für andere Engagements, Rollen oder berufliche Aktivitäten?

Kaum. Ich stand zwar Ende Januar zwei Wochen in Marokko für einen ganz tollen französischen Film namens «Secret défense» vor der Kamera. Im Oktober kommt er dann in die französischen Kinos, also noch vor James Bond. Ansonsten sind andere Engagements nicht möglich, jedoch läuft viel im Hintergrund. Ich habe ja noch eine kleine Produktionsfirma, die produziert und entwickelt. Bei mir ist es so: Je mehr ich um die Ohren habe, desto besser funktioniere ich.

Iinterview: Rachel Manetsch