Es ist noch immer die «Judenkirche»

Nicole Dreyfus, July 8, 2010
Viele kennen das Elsass jenseits der Schweizer Grenze von kulinarischen und malerischen Touren durch die Dörfer. Zwischen Basel und Mulhouse erinnern zahlreiche alte Synagogen und Friedhöfe an das einstige pulsierende jüdische Leben im Elsass. Was häufig davon übrig blieb, sind Kunstgalerien, Heime oder Wohnhäuser in den ehemaligen Synagogen. Ein Augenschein.
FRIEDHOF HEGENHEIM Letzte Ruhestätte für Mitglieder von über 50 jüdischen Gemeinden der Region

Verfallene Synagogen, überwucherte Grabsteine – wenig zeugt heute noch von der einstigen Blüte der jüdischen Kultur in der oberrheinischen Tiefebene. Wer eine kurze Reise in die kleinen Dörfer und Städte nahe der Schweizer Grenze unternimmt, stösst oft nur auf alte Steinmauern, die kaum noch Geschichten der Vergangenheit erzählen.

Informationen zu den Menschen, die hier einst gelebt haben, finden sich vor allem auf Friedhöfen. Die Grabsteine dort tragen zumeist aschkenasische Namen. Der jüdische Friedhof von Hegenheim zum Beispiel gilt als einer der ältesten seiner Art. Am 9. Januar 1673 verkaufte Hannibal von Bärenfels, der damalige Grundherr des Ortes, der jüdischen Gemeinde ein erstes Grundstück, auf dem die ansässigen Juden ihren Friedhof anlegen konnten. Bis heute wurden auf diesem mehrfach erweiterten Friedhof etwa 6000 Personen beigesetzt, womit der Hegenheimer Friedhof einer der grössten jüdischen Friedhöfe der Region ist. «Früher hat man Friedhofplätze in der Synagoge verkauft, um die Synagoge zu finanzieren», erzählt Jacques Bloch, engagiertes Mitglied der Israelitischen Gemeinde Basel, während einer Führung durch den Friedhof. Weil den jüdischen Gemeinden aber häufig nicht erlaubt gewesen sei, einen eigenen Friedhof zu unterhalten, hätten sie auf umliegende Gebiete ausweichen müssen, die zur Verfügung standen, sagt Bloch. So diente Hegenheim über 50 jüdischen Gemeinden der Nordwestschweiz und des Elsass, aber auch den Juden des Bistums Basel als Begräbnisstätte. Erst 1903 wurde der jüdische Friedhof in Basel eingeweiht, der fortan den Juden Basels als letzte Ruhestätte diente.

Die Juden Basels suchten jenseits der Grenze ein Grundstück für die Verstorbenen. Sie legten den Friedhof daher in der französischen Gemeinde Hegenheim an. Aus dieser ersten Zeit datieren noch drei Grabsteine. Der älteste stammt gemäss Bloch aus dem Gründungsjahr des Friedhofs selbst: Es sei das Grab eines Rabbiners. Bloch weiss allerdings nicht, woher dieser nach Hegenheim eingewandert war. Diese ersten Gräber liegen nahe am dortigen Bach, bei einer alten Eiche. «Das Wasser ermöglichte es den Hinterbliebenen, die Leiche zu waschen», erklärt Bloch. Ob der Eiche – ein Baum, der bekanntlich Jahrhunderte überdauert – eine symbolische Bedeutung zugeschrieben werden kann, ist ungewiss. Es ist aber bemerkenswert, dass Eichen häufig an mythisch-bedeutenden Orten zu finden sind.

Ein Dollar pro Jahr

Wie viele Personen auf dem Friedhof tatsächlich beigesetzt wurden, ist ungewiss. Von den erhaltenen Grabsteinen sind lediglich 2700 in einem Verzeichnis re­gistriert. Eine Gedenktafel, die an die Hegenheimer Juden erinnert, die im Holocaust ermordet wurden, steht in der Mitte des Geländes. Nach dem Krieg sei ein Lastwagen gekommen, der zehn Leichen zur nachträglichen Bestattung hinbrachte, so Bloch. Der Geschäftsmann, der seit über 50 Jahren in der Friedhofsverwaltung tätig ist, weiss über viele Personen Bescheid, die hier ihre letzte Ruhe fanden. «Viele Juden aus dem Jura, die in der Uhrenindustrie tätig waren, sind hier begraben», so Bloch, der von einem eigenen Vorfahren weiss, der auf dem Friedhof liegt.

Wenn Steine umgefallen waren, liess man sie häufig liegen, weil es den Gemeinden zu kostspielig war, sie erneut aufzustellen. «Nachfahren der Verstorbenen sind oft keine mehr vorhanden», sagt Bloch. Gerade weil alle Juden aus Hegenheim ins nahe gelegene St. Louis wegzogen – die Gemeinde Hegenheim besteht de facto nur noch auf dem Papier –, sei der Unterhalt des Friedhofs sehr teuer. Der Friedhof untersteht dem Consistoire israélite du Haut-Rhin in Colmar.

Es berührt Bloch aber noch immer, wenn heute Nachkommen einer verstorbenen Person auf den Friedhof kommen, um ein Grab zu suchen. Dies passiere ein paar Mal pro Jahr. Bloch erinnert sich daran, als vor vielen Jahren eine Frau aus New York bei ihm im Büro anrief, um Auskunft über ihren Vater zu erhalten, der hier begraben sei. «Ich wusste genau, von wem die Frau sprach und konnte ihr sein Grab zeigen», erzählt er. Seither schicke sie jedes Jahr vor den hohen jüdischen Feiertagen einen Dollar als symbolischen Beitrag zum Unterhalt des Friedhofs.

Von Gotteshaus zum Wohnhaus

Der Hegenheimer Friedhof hat eine lange Geschichte. Es ist aber eine Geschichte ohne Zukunft, weil es heute in den Dörfern zwischen Basel und Strassburg kaum mehr jüdische Bewohner gibt. «Viele Juden sind infolge der Verstädterung nach Paris gezogen oder in grosse elsässischen Städte, wo es sowohl damals als auch heute noch jüdische Gemeinden gibt», sagt der Basler Soziologe und Elsass-Experte Ralph Weill. Solche Zentren seien zum Beispiel St. Louis, Mülhausen, Colmar oder Strassburg.

Als Gegenreaktion auf die Gleichberechtigung der Juden nach der Französischen Revolution wurde mit dem «Décret infâme» der nicht jüdischen Bevölkerung des Elsass «von oberster Stelle bestätigt, dass die Juden der Provinz noch nicht als gleichwertige und gleichberechtigte Bürger zu gelten hätten», wie Daniel Gerson in seiner Dissertation schreibt. Dieses Dekret sowie die Folgen des deutsch-französischen Krieges von 1871 führten zu Auswanderungswellen in die Schweiz, vor allem in den Schweizer Jura, wo damals viele jüdische Gemeinden gegründet wurden.

Trotz der Abwanderung der jüdischen Bevölkerung steht heute noch in fast jedem Elsässer Dorf eine Synagoge. Diese werden aber kaum mehr für religiöse Zwecke genutzt. Es ist oft schwierig, sie heute in den jeweiligen Ortschaften zu finden. Das kleine Städtchen Blotzheim, zwei Kilometer westlich des Flughafens von Basel-Mülhausen, gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass hier einst eine jüdische Gemeinde existierte. Wer sich auf die Suche nach einer Synagoge begibt, muss ernüchternd feststellen, dass keine mehr vorhanden ist.

Eine alte Frau, die in ihrem Garten Pflanzen giesst, weiss nicht, wo sich die «vieille synagogue» befindet, sie versteht erst gar nicht, was damit gemeint sei. Ein junger Mann kann allerdings Auskunft geben und zeigt richtungweisend auf den kleinen Hügel, der sich entlang des 3500 Seelen zählende Dorfes erstreckt. «Dort oben befindet sich die Judenkirche», sagt er in elsässischem Dialekt. Oben angekommen, sieht man, dass von einer Synagoge kaum mehr die Rede sein. Nur die Rundfenster erinnern an den jüdischen Bau. Heute ist das einstige Gebetshaus ein Wohnheim für sozial benachteiligte Menschen. Dass die Leute im Dorf noch immer von der «Judenkirche» sprechen, überrascht den Architekten Ron Epstein, der sich eingehend mit Synagogen befasst hat, gar nicht: «Das zeigt die einst starke Präsenz des Judentums im Elsass auf und ist keineswegs antisemitisch zu verstehen. Um 1850 lebte die Hälfte aller Juden Frankreichs im Elsass.» Dieses Bewusstsein sei noch immer in der Bevölkerung verankert, sagt Epstein. Es würde ihn auch nicht erstaunen, wenn die Elsässer heute noch von der «Schul» reden würden, «im Gegensatz zur Schweiz und der Tatsache, dass in den kleinen Gemeinden kein grosses Wissen über die Juden besteht».

Gottesdienst nur auf Anfrage

Nicht nur in Blotzheim wird das einst geweihte Haus anderweitig genutzt. In Hirsingen wurde das Synagogengebäude bereits in den zwanziger Jahren verkauft und es wurden darin Wohnungen eingerichtet.

Auch die Gemeinde Unterhagenthal stellt ein Beispiel für die Umfunktionierung eines Gotteshauses: Das Gebäude hat man vor drei bis vier Jahren renoviert. Es beherbergt heute eine Kunstgalerie. Im südwestlich von Colmar liegenden Gebweiler wurden bis vor Kurzem noch sporadisch Gottesdienste durchgeführt. Auch dort wurde der religiöse Betrieb allerdings eingestellt. Die Synagoge von Altkirch ist somit heute wohl noch eine der letzten Synagogen, die selten und «nur auf Anfrage» religiös genutzt werden.

Synagogen vor Verfall bewahren

Obwohl die Synagogen häufig ihrer Funktion entfremdet wurden, bestand im Elsass das Interesse, sich um deren Erhalt zu kümmern. Ralph Weill erwähnt in diesem Zusammenhang Claude Bloch. Sie sei zwar nicht religiös praktizierend, aber tief betroffen über den miserablen Zustand der Synagogen im Elsass gewesen. Ihr Ziel sei es gewesen, so Weill, die Synagogen vor dem Verfall zu bewahren. Bloch sprach zu diesem Zweck mit dem Tourismusverein von Strassburg. Sie forderte, dass die Synagogen gerettet werden müssten und vereinbarte mit den Gemeinden die Renovation und angemessene Nutzung der Synagogen. «Ein solches Kulturgut müssen die Leute zur Kenntnis nehmen. Die Elsässer Synagogen möchte man optimal nutzen. Sie sollen nicht nur einen musealen Wert haben, das Kulturgut dieser Dörfer soll erhöht werden.» Dies war das Anliegen von Claude Bloch. Die Idee ist vor ungefähr zwölf Jahren entstanden. Es sei evident, dass man nicht alle Synagogen im Umkreis von 100 Kilometern restaurieren könne. «Dennoch geht es darum, den Tourismus zu nutzen und die Synagogen einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen», sagt Weill.

Deshalb sollen die Synagogen, die bereits renoviert sind, einmal pro Jahr im Rahmen eines kulturellen Angebots einem breiteren Publikum gezeigt werden, wie Weill erklärt. Die Idee des Europäischen Tags der jüdischen Kultur, der mittlerweile in 27 Ländern jährlich durchgeführt wird, erfüllt diesen Zweck. Er soll unter anderem an Orte erinnern, die einst ein blühendes jüdisches Leben hatten – wie jene im Elsass.