«Es gab nie wirklich Feierabend»

Interview Simon Spiegel, March 12, 2009
In Micha Lewinksys neuem Film «Die Standesbeamtin» spielt seine Frau Oriana Schrage eine Hauptrolle. tachles sprach mit ihnen über die gemeinsame Arbeit.
MICHA LEWINSKY UND ORIANA SCHRAGE «Es werden alle ein bisschen durch den Kakao gezogen»

TACHLES: Wie ist es, mit dem Mann, mit dem man auch einen grossen Teil des Lebens verbringt, zu arbeiten?

ORIANA SCHRAGE: Super. Denn während der Mann dreht, teilt man normalerweise eigentlich null; so ein Dreh ist sehr intensiv. Und dadurch haben wir uns ab und zu gesehen. Aber ich glaube, da sind wir auch beide so in unserem Beruf drin, dass wir uns in dem Moment auch sehr auf unsere Arbeit konzentriert haben. Aber ein Vertrautsein war da.

Mit dem Ehemann zu drehen, ist keine zusätzliche Belastung?

ORIANA SCHRAGE: Ich fand’s sehr bereichernd. Gut, es gab nicht wirklich Feierabend. Man hat noch immer weiter geredet und sich gegenseitig auch Tipps gegeben.
Und umgekehrt?
MICHA LEWINSKY: Toll. Aber auch schwierig, weil ich immer extrakritisch war. Zum Teil wahrscheinlich zu kritisch. Ich war nie ganz sicher, ob ich als Regisseur so gut bin, wie ich sein könnte, weil ich das Gefühl hatte, ich darf nicht netter sein, als ich sonst wäre. Oder ich muss einfach extra genau hinschauen.
ORIANA SCHRAGE: Ich fand’s super, gar nicht zu kritisch. 

Stand denn von Anfang an fest, dass Oriana diese Rolle erhält, oder gab es ein Casting?

MICHA LEWINSKY: Da wurde auch gecastet. Das war ganz wichtig, damit niemand nachher sagt: Sie hat die Rolle ja nur, weil sie die Frau des Regisseurs ist.

Aber im Hinterkopf hatten Sie schon Oriana?

MICHA LEWINSKY: Ich muss ehrlich sagen, bei dieser Rolle dachte ich schon, dass es toll wäre. Da war Oriana einfach ideal.


Weil Sie so ein Star sind.

ORIANA SCHRAGE: Genau (lacht). Was bei mir aber ankam, war meistens: Ne, ich seh’ dich eigentlich nicht, du bist nicht der Typ. Es war wirklich so, dass ich gar nicht mehr zum Casting gehen wollte, weil Micha meinte, er sei da so skeptisch und er würde ganz kritisch sein.

Wie war das für Sie? Sie haben ja die Entwicklung des Drehbuchs nahe mitgekriegt, was beim Film ja eine ungewöhnliche Situation ist.

ORIANA SCHRAGE: Das schon. Das war dann auch beim Casting für mich toll, weil ich die Figur so gut kannte. Und dann habe ich mich in der Figur sehr frei gefühlt.
MICHA LEWINSKY: Oriana hat beim Casting so überzeugt, dass es ausser Zweifel stand, dass sie diese Rolle spielen muss.


Ihre eigene zivile Trauung war ja eine Inspiration für das Drehbuch.

MICHA LEWINSKY: Weniger die Trauung, sondern das Anmelden auf dem Standesamt. Da ist man dann, und diese freundliche Person, die man nicht kennt, sitzt einem bei diesem doch intimen Akt gegenüber.
ORIANA SCHRAGE: Wir waren auch ein bisschen blauäugig. Auf einmal mussten wir uns überlegen, wie wir heissen wollen. Und wir mussten ganz oft wieder dahin gehen, weil wir uns immer wieder Dinge überlegen mussten.


Religiös haben Sie aber nicht geheiratet?

ORIANA SCHRAGE: Nein, aber wir überlegen, ob wir das noch in Brasilien nachholen.
MICHA LEWINSKY: Ja, das kann man mal machen. Aber ich war in meinem Leben vielleicht dreimal in einer Synagoge. Einmal davon war meine Bar Mizwa. Es gibt andere Dinge, die mir wichtiger sind.


Das Drehbuch haben Sie gemeinsam mit Jann Preuss geschrieben.

MICHA LEWINSKY: Wir sind bestens befreundet. Ich war bei ihm Trauzeuge, und er war bei unserer Hochzeit Trauzeuge. Wir haben uns also sozusagen gegenseitig in die Materie reingearbeitet, und es war dann eigentlich fast zwingend, dass wir das Drehbuch zusammen fertigschreiben.

Der Film ist ja ein Versuch, in der Schweiz Genrekino zu machen.

MICHA LEWINSKY: Ich bewundere die gut gemachten romantischen Liebeskomödien. Eigentlich können das nur die Briten wirklich, und früher natürlich Billy Wilder. Es ist eine verflixt komplizierte Form, die aber einfach aussehen muss. Das ist etwas, das mich fasziniert. Das habe ich auch immer gern gehabt. «Die Standesbeamtin» ist mal ein erster Versuch, so einen Film bei uns zu machen.


Diese Tradition gibt es in der Schweiz ja nicht wirklich.

MICHA LEWINSKY: Das fand ich auch interessant. Irgendwann habe ich gemerkt, was für eine tolle Filmform die romantische Komödie ist, und mir fallen fast keine ein, die in der Schweiz gemacht wurden. Obwohl es vergleichsweise billige Filme sind, die viele Leute mögen. Es braucht ja keine explodierenden Wolkenkratzer.

Sie mussten eine Figur spielen, gegen die man immer eine gewisse Antipathie hegt, das gut aussehende Doofchen. Wie war das?

MICHA LEWINSKY: Wie im richtigen Leben (lacht).
ORIANA SCHRAGE: Ja, wie im richtigen Leben (lacht). – Nein, ich spiele sehr gerne Bösewichte und unsympathische Figuren. Aber ich wollte die Figur nicht verraten. Ich finde sie gar nicht so ein Dummchen, sondern jemanden, der
eine gewisse Ignoranz hat, die ja viele Leute durchaus haben, ohne gleich dumm zu sein. Vor allem wenn man in einem Beruf arbeitet, in dem man sein eigenes «Produkt» ist. Ich finde Tinka aber eigentlich sehr sympathisch, das war auch wichtig.


Momentan liest man ja überall, wie unbeliebt die Deutschen in der Schweiz sind. Ist der Film auch als Kommentar dazu gedacht?

MICHA LEWINSKY: Nein, das hat sich mehr aus der Geschichte ergeben. Ich wollte kein Deutschland-Bashing betreiben. Wenn der Film entsprechende Ressentiments bedienen würde, dann würde mich das ärgern. Denn es ist sehr unsympathisch, was die Boulevard-Medien momentan über die Deutschen schreiben.
ORIANA SCHRAGE: Wenn in Deutschland so über die Türken geschrieben würde, gäbe es einen Aufschrei.
MICHA LEWINSKY: Es ist wirklich teilweise rassistisch. Ich möchte das nicht bedienen. Ich finde Deutsche zum Teil sehr lustig – eine finde ich besonders lustig. Und die Figur habe ich gern.
ORIANA SCHRAGE: Und es werden ja alle ein bisschen durch den Kakao gezogen. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich da Bashing betreibe.
MICHA LEWINSKY: Es ist eine liebenswerte Figur. Sie hat ein bisschen Glamour und passt nicht so recht rein in die kleine und provinzielle Schweiz.


Wie erleben Sie als Deutsche denn die Schweiz?

ORIANA SCHRAGE: Ich kann das so schwer sagen, denn ich habe mich ja nie wirklich deutsch gefühlt. Ich habe 15 Jahre in Deutschland gelebt, wurde dort aber immer gefragt, wo ich herkomme. Ich war nie «die Deutsche». Das war in der Schweiz zum ersten Mal so. Grundsätzlich wird ja jeder anders eingeschätzt, als er sich selbst einschätzt. Natürlich gab’s Zeiten, wo ich mir gewünscht hätte, klar sagen zu können: Ich heisse Anna, ich komme aus Erfurt und habe dort 25 Jahre gelebt. Was Klares. Ich merke, dass manche Menschen Schwierigkeiten haben, dich sonst einzuordnen. Für Rollen ist es schwierig, weil ich äusserlich keinem Typ entspreche. Aber ich glaube, das ändert sich auch.
MICHA LEWINSKY: Das ist ja auch das Interessante bei dir: In Israel geboren, in Brasilien und Deutschland aufgewachsen und jetzt in der Schweiz. Du hast also alles Unbeliebte in dir vereint (lacht).