Erstes israelisches Unternehmen am neuen Markt in Deutschland

von Gudrun C. Vogt und Hans Dankwart, October 9, 2008
Im Frühjahr dieses Jahres wagte das israelische Unternehmen WizCom Technologies den Schritt an die Börse - und sorgte für eine kleine Sensation: Als erste israelische Gesellschaft überhaupt entschloss sich WizCom für den deutschen Neuen Markt. Die Wahl fiel auf Frankfurt, weil es bereits eine ganze Reihe israelischer Hightech-Unternehmungen an der NASDAQ gab und sich der nordamerikanische Markt nicht gerade in einer Euphorie befand. Die Zeitverschiebung von lediglich einer Stunde zwischen Europa und dem Nahen Osten und kürzere Reisezeiten als nach Nordamerika waren ebenfalls ausschlaggebend.
Kleine Sensation: WizCom ist als erstes israelisches Unternehmen an der Frankfurter Börsevertreten. - Foto Reuters

Unterstützt wurde der Börsengang von der Bank Vontobel. Die renommierte Zürcher Privatbank qualifizierte sich durch extrem kurze Vorbereitungsfristen als optimaler Partner für den IPO (Initial Public Offering). «Normalerweise rechnet man mit ca. 4 bis 6 Monaten bis zum Börsengang. Wir konnten durch unsere flexiblen Strukturen und kurzen Entscheidungswege diesen Zeitraum auf zwei Monate beschränken», bestätigt Eric Steinhauser, verantwortlicher Financial Analyst der Bank Vontobel.
WizCom Technologies wurde 1995 in Israel gegründet. Bereits eineinhalb Jahre später brachte das Team um CEO David Gal mit dem «Quicktionary» das erste mobile Textscanning- und Übersetzungssystem auf den Markt. Dieses elektronische «Wörterbuch» scannt ein geschriebenes Wort ein und übersetzt es in Sekundenschnelle. In dem Gerätezwerg - kaum grösser als ein Textmarker - ist erstklassige Hochtechnologie untergebracht: Optischer Lesekopf, Zeichenerkennungssoftware, Wortdatenbank und Flüssigkristallanzeige.Die Texterkennungssoftware (OCR) wurde von der israelischen Firma Ligature übernommen. Sie verwendet einen speziellen Algorithmus, der Wortbeugungen erkennt und das gelesene Wort auf den Wortstamm zurückführt. Damit konnten Datenbank und Index sehr klein gehalten werden. Trotzdem speichert das Gerät ca. 30 000 Wörter und erkennt bis zu 1 Mio. verschiedene Formen. Der Übersetzer im Taschenformat hat sich schnell als praktische Übersetzungshilfe etabliert. Anwendung findet das Produkt in der Linguistik, in der Ausbildung für Lernbehinderte und Kinder und vor allem bei Studierenden. Seit 1997 hat sich WizCom weltweit zum führenden Anbieter in seinem Bereich entwickelt.
Dass der Firmenname trotzdem relativ unbekannt geblieben ist, liegt an der Marketingstrategie des israelischen Unternehmens: Bisher trat WizCom nicht selbst gegenüber dem Käufer oder Benutzer auf. Vielmehr ging das Unternehmen Exklusivpartnerschaften mit Firmen ein, die regional bereits bestens eingeführt sind und über ein starkes Markenimage verfügen. So konnte für den deutschsprachigen Raum Hexaglot gewonnen werden, ein Tochterunternehmen von Langenscheidt, u. a. bekannt für seine Wörterbücher. In den USA und in Japan wird der Quicktionary über Seiko vertrieben.
Mit der nächsten Produktegeneration wird es auch neue Vertriebswege geben. In einer Arbeitswelt, die immer stärker durch Flexibilität, Mobilität und virtuelle Unternehmen geprägt ist, positioniert sich WizCom nunmehr als Anbieter mobiler und intelligenter Informationsverarbeitungsmöglichkeiten vor Ort (Kasten 1). Das neu entwickelte Produkt «QuickLink-Pen» zielt auf den IT-Markt (IT = Information Technology) ab. Neue Segmente will WizCom mit neuen Partnern aus der Branche und teilweise auch selbst erschliessen. Eigene Verkaufseinheiten für Japan und die USA sind bereits geplant. Der schon erschlossene Linguistik- und Lernmarkt mit den bestehenden Vertriebspartnerschaften soll jedoch keineswegs konkurrenziert werden. Im Gegenteil, das israelische Unternehmen will hier seine Marktposition weiter ausbauen. Internet und E-Commerce eröffnen dem Unternehmen ebenfalls attraktive Vertriebsmöglichkeiten.
Die Kursentwicklung seit dem Börsengang Ende März verlief leider enttäuschend (siehe Kasten 2). Nach einem guten Start mit über 16 Euro sank der Aktienwert kontinuierlich. Die von WizCom veröffentlichten Halbjahresresultate entsprachen zwar den Erwartungen der Analysten und liessen den Kurs zunächst bei 12 Euro einpendeln. Allerdings sackte die Aktie danach beständig bis Ende September ab. Zurückzuführen sei dies, so Eric Steinhauser von der Bank Vontobel, unter anderem auf die mangelhafte Marktkommunikation der Firma. «WizCom konzentrierte sich auf Forschung und Entwicklung. Das Informationsbedürfnis des Marktes wurde unterschätzt», erklärt der Analyst. Hinzu kam, dass die Einführung der neuen Produktegeneration sich um einige Monate verzögerte. Inzwischen sind die Aussichten besser. Die Akzeptanz der ISO 9002 zertifizierten WizCom-Produkte wird vom Markt bestätigt, u. a. durch zwei Nominierungen in den USA: Für die beste neue Technologie an der Messe RetailVision 1999 und für den von Saatchi & Saatchi ausgeschriebenen Preis «Innovation in Communication». Damit steht dem Börsenerfolg eigentlich nichts mehr im Wege. Eric Steinhauser erwartet denn auch für 2000 ein Umsatzwachstum von 150 Prozent und für 2001 ein Plus von 60 Prozent.

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WizCom

WizComs neue Produktegeneration basiert auf einer offenen Architektur und ermöglicht Dritten, selbst Applikationen zu entwickeln, die den Produkten weitere Märkte erschliessen. Diese sogenannte «Strategie der Nutzenerweiterung» wenden z. B. Microsoft oder Palm Pilots erfolgreich an. Dank Übertragungsmöglichkeiten kann der Quicktionary mit PCs und Mobiltelefonen kommunizieren und Datenbanken vom Internet herunterladen. Dadurch wird das Gerät ein Teil des «mobilen Büros».