Erinnerungen an einen Talmudlehrer

Von Emanuel Cohn, November 3, 2011
Im Gedenken anlässlich des ersten Todestags von Pinchas Grünewald, der für viele seiner Schüler nicht nur Talmudlehrer, sondern auch menschliches Vorbild war.

Lehrer zu sein ist ein harter Beruf, und Talmudlehrer sowieso. Es gibt Lehrer, die meinen, die Hauptsache eines Unterrichts sei, Informationen an den Schüler weiterzugeben. Dies ist jedoch nicht nur falsch, sondern bei einem Lehrfach wie dem komplexen Talmud gar nicht möglich. Vielmehr kann man als Lehrer versuchen, seine eigene Freude an der Materie den Schülern zu vermitteln und dabei stets als menschliches Vorbild zu wirken. Pinchas Grünewald ist beides zweifellos gelungen. Seine Liebe zum Talmud war für jedermann spürbar. Ich muss etwa neun Jahre alt gewesen sein, als ich begann, in der Schomre Thora bei Pinchas Grünewald Talmud zu lernen. Er hatte stets den Zeigefinger auf dem Talmudtext, den kleinen Finger auf dem Raschikommentar und den Zeigefinger der anderen Hand auf der Bibelstelle, die im Talmud zitiert wurde. Die Wichtigkeit, die im Talmud gebrachten Bibelzitate stets in ihrem Kontext – oder wie Grünewald sagen würde: «inwendig» – zu verstehen, habe ich erst viel später richtig zu schätzen gelernt.
Ich erinnere mich, wie Grünewald in den Pausen mit uns Jungen raus in den Hof ging, um als Schiedsrichter unserer Fussballspiele zu fungieren! Es waren diese Erlebnisse, diese Offenheit und Gutherzigkeit dieses Menschen, die in uns das Gefühl des Wohlbefindens mit ihm und der grossväterlichen Nähe zu ihm eingeprägt hatten.
Er war ein menschliches Vorbild. Seine inspirierende Ehe mit seiner Frau Lea war uns allen ein Beispiel, was der Ausdruck «respektvolle Liebe» bedeuten kann. Es war ein Erlebnis, in die Wohnung der Grünewalds einzutreten: Hier war ein aufgeschlagenes Talmudbuch, dort ertönte eine Beethoven-Symphonie aus dem Plattenspieler … Das Bild der Harmonie herrschte nicht nur zwischen dem Ehepaar Grünewald, sondern charakterisierte auch dessen Umgang mit Thora und allgemeiner Kultur. Die Losung «Thora im Derech Eretz» («Thora mit Weltlichkeit») von Rabbiner Samson Raphael Hirsch, den Grünewald so schätzte und über welchen er auch seine Dissertation geschrieben hatte, wurde in diesem Haus in vollem Umfang und voller Intensität gelebt. Grünewald war mein erster Talmudlehrer. Aber er war doch so vieles mehr. Und vielleicht hat er gerade deshalb das Prädikat «Talmudlehrer» verdient, umfasst doch der Talmud alle Lebensbereiche des Menschen, so wie Grünewald uns allen in so vielen Bereichen als lebendes Beispiel diente.