Erinnerungen an einen Staatsgründer
Der Tod von Moshe Chajim Shapiro, Innenminister und Chef der Nationalen Religiösen Partei, löste bei vielen Menschen - auch ausserhalb der Kreise, denen er als hingebungsvoller und vielbewunderter Anführer diente - grosse Trauer aus. Ich bin einer dieser Trauernden.
Die Freundschaft zwischen Minister Moshe Chajim Shapiro und mir überlebte nicht nur unsere grundsätzlich verschiedenen Ansichten und unsere unterschiedlichen Vorstellungen zu laufenden Geschäften, sondern wuchs daran sogar in den 35 Jahren unserer Bekanntschaft; vor der Gründung des Staates an Zionistenkongressen, im Obersten Verteidigungskomitee und im Direktorium der Jewish Agency, nach der Staatsgründung in der Knesset und ihren Komitees. Unsere Beziehung entwickelte sich vor allem durch die Zusammenarbeit in einer sehr kleinen, geheimen Institution, in welche wir beide als Vertreter von diametral entgegengesetzten Meinungen gewählt worden waren. Dies war im Jahr 1945, auf der Schwelle zur Hebräischen Revolution gegen die englische Herrschaft im Lande. Als kommandierender Offizier sah ich mich mit der Opposition einiger Mitglieder der Jewish Agency konfrontiert, die uns drängten, unsere bewaffnete Revolte zu limitieren sowie das Direktorium über all unsere Pläne auf dem Laufenden zu halten und seinen Beschlüssen zu folgen. Es lag aber absolut auf der Hand, dass Angelegenheiten von derart hoher Geheimhaltungsstufe einer Einrichtung der Grösse dieses Direktoriums nicht einfach offengelegt werden konnten. Deshalb wurde beschlossen, ein geheimes Komitee zu bestellen, das aus drei Mitgliedern bestehen sollte: Mir selbst, Moshe Shapiro, und als drittem und entscheidendem Mitglied David Ben Gurion, Vorsitzender des Direktoriums. Dieses Gremium hatte den Status eines Kriegs-Komitees und kontrollierte die Aktionen gegen die britische Mandatsregierung und ihre feindselige Politik. In seiner Arbeit für das Komitee bewies Moshe Shapiro nicht nur sein herausragendes Verantwortungsgefühl für die Nation, sondern genauso sein wertvolles Talent, die Motive und Argumente der Gegenseite zu begreifen, die Meinungen der anderen zu respektieren und auf gegenseitiges Verständnis und gemeinschaftlich getragene Entscheidungen hinzuwirken. In beinahe jedem Fall kamen wir zu einem Einverständnis, und wir vertrauten einander gegenseitig vollkommen. Diese Freundschaft setzte sich fort und verstärkte sich weiter, als wir jeder die Verantwortung für eine Abteilung innerhalb des Direktoriums der Jewish Agency übernahmen, deren Verbindung zueinander geheimgehalten wurde: Er war das Oberhaupt der Abteilung für (legale) Einwanderung, ich dasjenige der Abteilung für Beth- (illegale) Einwanderung, zu einer Zeit schicksalsträchtiger politischer Geschehnisse - auf dem Weg zur Gründung des jüdischen Staates. Wir waren uns nicht in allem einig, und doch bestand zwischen uns jederzeit gegenseitige Anerkennung. Meine persönliche Freundschaft zu Moshe Shapiro wurde auch nicht geringer, nachdem ich meine Posten in der Zionisten-Organisation und der Jewish Agency aufgab und einen «Linksschwenk» zu Mapam und Makki machte. Weder unsere Freundschaft noch unser gegenseitiges Vertrauen wurden dadurch gemindert, wenn Moshe Shapiro auch darunter litt, dass wir in entgegengesetzte Richtungen gingen, womit er sich nicht abfinden konnte. Sogar in Phasen von aktiver politischer Rivalität lud er mich oft zu einer freundschaftlichen Diskussion in einer ruhigen Ecke der Knesset ein, um sich zwecks eines Austausches und gemeinschaftlicher Abwägung meine Kommentare und Analysen der politischen Situation aus einem anderen Blickwinkel anzuhören, der von der offiziellen, abgesprochenen Meinung abwich.
Grosser jüdischer Staatsmann
Wenn ich über die Wurzeln von Moshe Shapiros unvergesslicher, persönlicher national-ideologischer Einstellung nachdenke, komme ich zu einer Neigung in Richtung der Labour-Partei als Basis seiner Ideologie, abgeleitet von «Tora VeAvoda.» Ich würde ihn nicht innerhalb der religiösen Sozialisten positionieren, aber unzweifelhaft innerhalb der religiösen Bewegung in der Labour-Gruppierung.
«Hapoel Hamizrahi», die Mizrahi im Rahmen von «Mafdal» unter die Fittiche nahm, wurde unter Moshe Shapiros Leitung zum Partner der israelischen Arbeiterbewegung. Diese Entscheidung beeinflusste das ganze innere Leben des Staates Israel massgeblich. Tatsächlich verhinderte sie erfolgreich eine bürgerliche Alternative in der Regierung Israels. Wie jede Medaille hatte jedoch auch diese eine Kehrseite: Als Kompensation für ihren Entscheid setzten «Hamizrahi», «Hapoel Hamizrahi» und später «Hamafdal» Konzessionen von grösster Wichtigkeit in religiösen Angelegenheiten durch. Wenn diese zustande kamen, dann nur aufgrund von Moshe Shapiros entschlossener und konsequenter Linie. Diese bedeutete, als Gegenleistung für die Allianz mit der Labour-Partei die meisten Konzessionen religiöser Natur durchzusetzen, zeichnete sich aber auch dadurch aus, diese Forderungen auf einem Mass zu halten, das die junge israelische Regierungsbasis nicht in Frage stellte.
Lebendig sind mir Shapiros Erläuterungen zu Fragen von Religion und Staat in Erinnerung. Diese bewiesen mir erneut, was für eine bedeutende Persönlichkeit er war und wie sehr er an seinen Aufgaben wuchs, seit er 35 Jahre früher seine Verantwortungen als einer der Köpfe der Aliah-Abteilung der Jewish Agency und als Repräsentant der Interessen seiner Partei übernommen hatte. Trotz all unserer unterschiedlichen Auffassungen und Positionen sah ich in ihm einen grossen jüdischen Staatsmann vor mir.
Taktischer Schachzug
Während eines dieser Gespräche klärte Moshe Shapiro ein Rätsel, das sich sicher auch vielen anderen stellte: Wie war es möglich gewesen, dass er, der zu den «Tauben» innerhalb der Regierung gezählt hatte, dafür verantwortlich war, dass Ende Mai 1967 Moshe Dayan und Menahem Begin in die Regierung aufgenommen wurden, und im Dezember 1969 auf persönliches Betreiben von Shapiro die Gründung einer vereinigten nationalen Regierung zustande kam? Mit einfachen, aber tief empfundenen Worten erklärte mir Shapiro: «Weil ich ihre Ideen und Wege kannte, hatte ich Angst davor, dass sie ausserhalb der Regierungsentscheidung bleiben würden und zog es deshalb vor, sie in die Regierung miteinzubeziehen und sie die Verantwortung mit uns allen gemeinsam wahrnehmen zu lassen.»