Erinnerung an Ruth Liepman
Auf die Frage, wo sie sich mehr zu Hause fühle, in Hamburg oder in Zürich, hatte sie spontan «in Holland!» geantwortet. Kann man es ihr verdenken? In Hamburg verbrachte sie zwar Kindheit und Jugend, dort hatte sie vor 1933 und auch nach 1945 viele Jahre gelebt. Und Zürich wurde für mehrere Jahrzehnte geschätzter Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Doch in Holland hatte man ihr das Leben gerettet.
Als Tochter jüdischer Eltern wurde Ruth Liepman am 22. April 1909 in der
Eifel geboren. Noch vor dem Ersten Weltkrieg zog die Familie nach Hamburg. Nachhaltige Erinnerungen verband Ruth Liepman mit dem Direktor ihrer Mädchenschule, dem über Hamburg hinaus bekannten Pädagogen und Dichter Jakob Loewenberg. Prägend war die reformfreudige Lichtwarkschule, deren pädagogisches Motto lautete: «Eine Schule, die hungrig macht, aber nicht satt.» Die dort praktizierte Erziehung zur Selbständigkeit, die Einbeziehung politischer Themen in den Unterricht, Fahrten nach England, Teilnahme an pazifistischen Demonstrationen – all dies blieben bis ins hohe Alter gern erzählte Erinnerungen.
Sehr früh wurde Ruth Lilienstein Mitglied der KPD und engagierte sich in deren Organisationen. Ihr Jura-Studium beschloss sie nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten mit der Promotion, ihr Referendariat konnte sie aber nicht mehr beenden, da sie Berufsverbot erhielt. In Ruth Liepmans eigenen Worten: «Übrigens zuerst einmal eher als Kommunistin denn als Jüdin.» Weil sie sich am illegalen Widerstand der KPD beteiligt hatte und deshalb wiederholt bei der Gestapo denunziert worden war, schrieb die Hamburger Staatsanwaltschaft einen Steckbrief wegen vermeintlicher «Vorbereitung zum Hochverrat» aus. Sie konnte rechtzeitig fliehen.
Getarnt als Haushälterin
Holland wurde ihr Exilland. Als Mitarbeiterin des Schweizer Konsuls rettete sie vielen Verfolgten das Leben. Durch eine (Schein-)Heirat Schweizerin geworden, verhalf sie mit ihrem Lebensmut und ihren juristischen Kenntnissen Juden zur Flucht aus Europa. Im April 1943 wurde die Lage auch für sie zu gefährlich. Von einer calvinistischen Arbeiterfamilie, für die die Hilfe trotz der drohenden Gefahr selbstverständlich war, wurde sie versteckt. Als Haushaltshilfe getarnt, erlebte sie dort die Befreiung.
Als sie besuchsweise nach Hamburg zurückkehrte, lernte sie dort ihren späteren Mann kennen, den heute fast vergessenen Schriftsteller Heinz Liepman (1905–1966), der aus dem amerikanischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt war. In seinem «Gepäck» hatte er eine Liste von Autoren und Büchern, für die er deutsche Verlage suchen sollte. Nachdem Ruth und Heinz Liepman 1949 geheiratet hatten, gründeten sie noch im gleichen Jahr eine Literaturagentur, die sehr schnell zu einer führenden Agentur auf dem deutschen wie internationalen Buchmarkt werden sollte. Heute ist sie – mit Sitz in Zürich – weltweit eine der renommiertesten in der gesamten Branche.
Welche Bedeutung die Tätigkeit Ruth Liepmans für den deutschen Buchmarkt nach 1945 hatte, kann man erahnen, wenn man nur einige der Autoren und Bücher nennt, die durch sie das Licht der literarischen Öffentlichkeit in Deutschland erblickten: Norman Mailer («Die Nackten und die Toten»), J. D. Salinger («Der Fänger im Roggen»), aber auch der Bestseller «Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung» von Eric Malpass. Zu den engen Freunden von Ruth und Heinz Liepman zählten Gisela und Alfred Andersch, das Verlegerehepaar Hilde und Eugen Claasen, Heinrich Ledig-Rowohlt, Elsbeth und Herbert Weichmann, der erste jüdische Bürgermeister Hamburgs, sowie Joy und Günther Weisenborn. Dessen beeindruckende Dokumentation «Der lautlose Aufstand» über den Widerstand gegen das NS-Regime wurde durch Ruth Liepman vermittelt.
Die Agentur hat die Weltrechte für die Nachlässe von Elias und Veza Canetti, Gerhard L. Durlacher, Norbert Elias, Anne Frank, Erich Fromm, Robert Neumann, Aleksandar Tišma, Konrad Wachsmann, Günther Weisenborn und Ernst Weiss. Sie vertritt Autoren wie die jüngst verstorbenen Tschingis Aitmatov und Ryszard Kapuscinski. Vielen Autoren hat sie zu Bekanntheit und Anerkennung verholfen, etwa dem Rechtsanwalt Heinrich Hannover, der auch als Kinderbuchautor Furore machte, Ida Fink und Anna Mitgutsch, den Ungarn Péter Nádas und György Konrád, der Polin Hanna Krall und erst vor Kurzem Thomas Buergenthal, Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Zudem betreut sie zahlreiche Autoren aus Israel: Eli Amir, Nir Baram, Ofer Grosbard, Abraham B. Yehoshua. Die Agentur erfüllt so einen früh formulierten Anspruch Ruth Liepmans: «Ich hatte schon damals die Idee, dass die Agentur in alle Richtungen international arbeiten müsste, sie müsste wichtige Bücher aus der ganzen Welt in die ganze Welt bringen. Das war und ist meine Grundvorstellung.»
Als erste Frau geehrt
Im November 1992 wurden im Rathaus Zürich die kantonalen Auszeichnungen für Kulturschaffende überreicht. Als erste Frau überhaupt erhielt Ruth Liepman die goldene Ehrenmedaille für ihre Verdienste für den internationalen Buchmarkt. Ausdrücklich hiess es in der Laudatio: «Wir freuen uns ganz besonders, in Frau Liepman eine deutsche Zeugin des unerschrockenen antifaschistischen Widerstandes zu ehren.»
Doch Ruth Liepman war nicht, wie man sie immer wieder gern charakterisiert hat, eine Grande Dame unter den internationalen Literaturagenten. Sie war vor allem ein überaus freundlicher, neugieriger, immer hilfsbereiter Mensch. In ihren Lebenserinnerungen, die 1993 unter dem Titel «Vielleicht ist Glück nicht nur Zufall» erschienen sind, schreibt sie: «Ich war immer, von Kind an, ein Mensch mit Freunden. Einsamkeit und Alleinsein waren in meinem Leben ganz seltene Erfahrungen. Wo ich konnte, half ich selbst, und immer, wenn es nötig war, wurde mir geholfen. So ist dieses Buch, das nicht zuletzt von jemandem berichtet, dem man in dunklen Zeiten Asyl gewährte, ein Plädoyer für die Solidarität unter den Menschen.»
Ruth Liepman starb am 29. Mai 2001 in Zürich. Mit ihr ist ein ebenso liebenswerter wie vorbildlicher Mensch von uns gegangen.