Erinnerung an jüdischen Pionier
Etwa eine Autostunde nördlich von der Stadt New York befindet sich das Hudson Valley, ein Naherholungsgebiet im Bundesstaat New York, das voller historischer Sehenswürdigkeiten ist. Hier finden sich unter anderem die Villen der Familien Van Courtland und Rockefeller, die legendäre Militärakademie von West Point oder George Washingtons ehemaliges Hauptquartier.
Eine der weniger bekannten Attraktionen ist das Gomez Mill House, das sich in der Stadt Marlboro befindet. Das 1714 erbaute Haus ist nach seinem ersten Bewohner benannt und das älteste jüdische Wohnhaus Nordamerikas.
Luis Moses Gomez war eine bedeutende Persönlichkeit in New Yorks Kolonialgeschichte und trug wesentlich zur Entwicklung der ersten jüdischen Gemeinde der Stadt bei. «Trotzdem ist die Geschichte des Hauses und die seines Bewohners, Luis Gomez, nur wenigen amerikanischen Juden bekannt», erklärt Ruth Abrahams, die Direktorin der Stiftung Gomez Foundation for Mill House. «Ausserhalb Amerikas haben nur wenige Sephardim je etwas von Gomez gehört, in der aschkenasischen Gemeinschaft ausserhalb Amerikas ist er gänzlich unbekannt.»
Erste Synagoge
New Yorks jüdische Geschichte beginnt mit der Ankunft von 23 sephardischen Flüchtlingen im Jahr 1654. Nach 30 Jahren Religionsfreiheit unter niederländischer Herrschaft wurden 1654 Teile Nordbrasiliens von den Portugiesen zurückerobert. Aus Angst vor der Inquisition flohen Brasiliens Juden, und eine kleine Gruppe von 23 Flüchtlingen landete über Umwege in der damals niederländischen Kolonie Neu Amsterdam. Die Flüchtlinge gründeten die erste jüdische Gemeinde Nordamerikas, die sie Shearith Israel, die Reste Israels, nannten; ein Name, der das Selbstverständnis der kleinen Gruppe zum Ausdruck brachte.
Als Luis Moses Gomez 1703 in New York ankam – die Engländer hatten die niederländische Kolonie 1664 erobert und umbenannt – hatte die kleine jüdische Gemeinde der Stadt noch keinen eigenen Betraum; man traf sich zu Gottesdiensten in Privatwohnungen.
Gomez setzte sich dafür ein, dass Shearith Israel eine Synagoge haben sollte. Als Gomez von der britischen Königin Anne die Genehmigung zum Bau seines Hauses in Marlboro erteilt bekam, erhielt er gleichzeitig auch die Erlaubnis zum Bau eines jüdischen Gotteshauses innerhalb der Stadtgrenzen New Yorks. Eine Kopie der Urkunde, mit der die britische Königin dem Juden Gomez eine Vielzahl von Privilegien, wie etwa den Besitz von Land, gewährt, befindet sich im Museum des Gomez Mill House.
1730 wurde die Synagoge auf der Mill Street in Manhattan, unweit der nördlichen Stadtgrenze, heute Wall Street, feierlich eingeweiht. Ohne Gomez, von 1728 bis zu seinem Tod im Alter von 86 Jahren 1740 «parnas» (Vorsitzender) von Shearith Israel, hätte es wahrscheinlich wesentlich länger gedauert, bis New York seine erste Synagoge gehabt hätte.
Während die Beiträge von Gomez zum jüdischen Leben in Amerika gut dokumentiert sind, ist sein Leben in Europa nur lückenhaft überliefert. Die 1979 gegründete Gomez-Stiftung, die 1984 das alte Landhaus kaufte und in ein Museum verwandelte, hat in mühevoller Detailarbeit die Geschichte dieses jüdischen Pioniers aufgearbeitet.
«Es gibt viele Theorien, nichts kann mit absoluter Sicherheit gesagt werden», räumt der Historiker Richard Rosencranc ein. Wie die
23 Flüchtlinge aus Brasilien, stammte auch Gomez von Kryptojuden ab. Man vermutet, dass seine Familie aus dem westlichen Teil von Salamanca stammte. Nach der Vertreibung aus Spanien floh die Familie, wie schätzungsweise 150 000 andere jüdische Familien auch, nach Portugal, und als sich die Königreiche Portugals und Spaniens 1496 durch Heirat vereinten, vertrieb auch Portugal seine Juden. Wie viele portugiesische Juden wurde auch die Familie Gomez zwangsgetauft, praktizierte jedoch heimlich weiterhin das Judentum. Die Inquisition war eine ständige Bedrohung.
Flucht und Exil
Nach der Vereinigung von Spanien und Portugal erlebte die Iberische Halbinsel eine Zeit des wirtschaftlichen Wachstums. Vor allem das ehemalige Grenzgebiet eröffnete viele Möglichkeiten. Es ist davon auszugehen, dass die Vorfahren von Gomez sehr erfolgreiche Geschäftsleute waren. So erfolgreich, dass Ende des 17. Jahrhunderts Gomez’ Vater Berater am Hofe von König Philip IV. von Spanien war.
Gomez’ Vater und der König hatten ein sehr enges Verhältnis, und man geht davon aus, dass Gomez’ Kryptojudentum ein offenes Geheimnis war, das der König duldete. Nachdem Philip IV. Gomez gewarnt hatte, dass die Inquisition seinen katholischen Glauben in Frage stellte, schickte Gomez seine Familie ins französische Bayonne, wurde jedoch selbst verhaftet, bevor er nach Frankreich fliehen konnte. All seine Besitztümer wurden konfisziert. Es dauerte über zehn Jahre, bis er aus dem Gefängnis entlassen wurde und seine Familie wiedersehen konnte. Aus Dankbarkeit für das rettende Exil wurde Moses Gomez daher Luis genannt, eine Hommage an den französischen König.
Das Museum in Marlboro erzählt die spannende Familiengeschichte des jüdischen Pioniers, aber auch die von Gomez’ Nachfahren, zu denen Gershom Mendes Seixas, ein enger Freund von George Washington, gehörte, der bei dessen Amtseinführung als Präsident teilnahm, oder etwa Benjamin Cardozo, der Richter am Obersten Gerichtshof der USA war.
Etwa 2500 Besucher hat das Haus pro Jahr. Knapp die Hälfte sind Schulklassen. In drei Jahren feiert das Haus den 300. Geburtstag, die Vorbereitungen hierzu haben schon begonnen. Ein neues Besucherzentrum soll errichtet und die Zufahrtsstrasse erweitert werden, so dass auch Reisebusse das Haus erreichen können. Der Park, der das Haus umgibt, soll öffentlich zugänglich gemacht werden. Spätestens dann soll das Haus wohl kein Geheimtipp mehr sein, sondern den Stellenwert haben, den es verdient.