Erinnerung als Komposition
Wie ein grosses Krokodil liegen auf dem Satellitenbild die gebündelten Stränge der grossen Rangierbahnhöfe in Drancy nördlich von Paris. Hier, 20 Kilometer von Frankreichs Hauptstadt entfernt, wurden im Zweiten Weltkrieg nach und nach 65 000 Juden und andere von den Nazis als minderwertig eingestufte Menschen in Eisenbahnwagons gepfercht und in die deutschen Vernichtungslager im ehemaligen Polen transportiert. Über 60 000 von ihnen wurden in den Mordfabriken wie etwa Auschwitz getötet, starben auf dem Weg dorthin oder in der Hölle der Baracken.
Die Verschiebebahnhöfe von Drancy stellten damals nicht nur buchstäblich ein Rad im Getriebe einer perfekten Vernichtungsindustrie dar, wie sie die Welt bis dahin nie hervorgebracht hatte. Drancy war auch ein gefürchtetes Sammellager in dieser grausamen Maschinerie. Seine Geschichte zeugt von böser Ironie und dem Zynismus jener Kreise in Frankreich, die sich zu willigen Handlangern des deutschen Diktators haben machen lassen. Ein Teil des Lagers war damals nämlich die einstige soziale Wohnsiedlung Cité de la Muette, eine U-förmige Anlage, die seinerzeit von den bekannten modernen Architekten Eugène Beaudouin und Marcel Lods in Zusammenarbeit mit Jean Prouvé geplant worden war.
Einzigartiges Zeugnis
Diese fortschrittliche, über Europa hinaus gelobte Betonarchitektur wurde, noch kaum fertiggestellt, vom rechten Frankreich zu einem Internierungslager zweckentfremdet, in dem militante Kommunisten in Gefangenschaft gehalten wurden. Nach der Menschenjagd auf Pariser Juden 1941, bei der 4000 Menschen verhaftet wurden, verwandelte sich die Cité de la Muette schliesslich aufgrund ihre Nähe zu den Bahnhöfen zum offiziellen Sammellager der deutschen Besatzer. Als Schauplatz der Deportation der Juden ist die Cité de la Muette daher heute ein einzigartiges Zeugnis der Geschichte der Schoah in Frankreich.
Das Basler Architekturbüro Diener & Diener verwirklicht nun ein beachtenswertes Museumsgebäude zur Erinnerung an die Schoah und die Ereignisse in unmittelbarer Nachbarschaft zur Cité de la Muette, in der heute Sozialwohnungen untergebracht sind. Mit seinem Entwurf hat Roger Diener in einem international ausgeschriebenen Wettbewerb 2006 den ersten Preis gewonnen – die Stadt Drancy stellt dafür das Land für die Gedenkstätte zur Verfügung. «Der Neubau mit Besucherzentrum und Museum», sagt der Architekt, «soll die Erinnerung lebendig halten an eine Geschichte, die an diesem Ort ganz und gar unsichtbar geworden ist.»
Das Centre d’histoire et de mémoire de Drancy, ein würdevolles und ästhetisch ansprechbares Werk, in das Diener auch den Schweizer Ausstellungsmacher Martin Heller (Heller Enterprises, Zürich) mit einbezogen hat, wird noch dieses Jahr seiner Bestimmung übergeben. Der aus Beton konstruierte Baukörper des Museums folgt dem für das Quartier typischen Entwurfsprinzip der Häuser und richtet sich mit der Stirnseite zur Strasse, die entlang der Cité führt, der Avenue Jean Jaurès.
Seinen Ausdruck erhält das Museums, so Diener, durch die vertikale Gliederung und Schichtung. Dabei steht jede «Schicht» für eine andere Funktion. Der Eingangsbereich des Dokumentationszentrums und ein Aussichtsraum auf die gegenüberliegende Cité formen zusammen mit dem Geschoss für die Ausstellung eine klare Ordnung. An der Stirn erscheinen von aussen die nur durch Glas getrennten Innenräume und gewinnen in ihrer spannungsvollen Materialität eine starke symbolische Kraft. Der Basler Architekt erklärt: «Die Transparenz wird zum Mittel, durch das die Menschen im Gebäude in die Architektur eintreten – betrachtend, arbeitend, nachdenkend.» Am sich spiegelnden Eingang des Museums sieht sich der Besucher selbst im Vorderund der Cité de la Muette – im Hintergrund seines eigenen Spiegelbilds.
Ein funktionales Ganzes
Die Begegnung des Besuchers mit diesem besonderen Ort und seiner Geschichte findet hier zum ersten Mal statt. Die Innenräume dieses Zentrums werden als ein räumliches und funktionales Ganzes gesehen. Dokumentation, Ausstellung, Unterricht und Verwaltung fliessen ineinander, jeder Raum ist mit den anderen Räumen verbunden.
Das Gebäude ist aus Beton konstruiert. Die Hülle wird mit einer weissen Lasur bemalt, die den Beton durchscheinen lässt. Die Fenster sind alle zu grossen Feldern zusammengefasst und verleihen so dem kollektiven Charakter des Zentrums Ausdruck. Die Ränder der Fenster an der Rue Cormont sind zum Teil mit weissem Glas verziert, damit sich der Blick auf die Cité de la Muette konzentriert.
Die Möbel und Schaukästen der Exponate – Fotos, Objekte und audio-visuelle Exponate – sind aus rohem Tannenholz gefertigt. Im Kontrast mit der Architektur des Raums spricht die Anordnung der Möbel und Geräte eine zurückhaltende Sprache, die hinter der Wirkung der Dokumente und Relikte selbst eher schweigsam als karg zurücktritt. Der Besucher soll sich des Orts und der Geschichte der Cité de la Muette selbst annehmen, das Museum und die U-förmige Hofanlage gehören so eng wie möglich zusammen. Um die Trennung zwischen beiden (durch die Strasse) räumlich zu mildern, werden die Cité und das Museum durch einen Birkenwald, der um und neben das Denkmal gepflanzt wird, ohne das Denkmal zu verbergen, in eine intensivere Beziehung zueinander gesetzt.