Ergänzung oder Konkurrenz?
Das Angebot von Chabad Lubawitsch in der Schweiz ist sehr gross - auch jetzt wiederum zu Pessach. Es geht von gemeinsamen Freitagabenden und Schabbatmahlzeiten für Touristen, Gottesdiensten, Channuka- und Purimpartys über Kindergärten, Tagesschulen und Religionsunterricht bis hin zu Kursen für Erwachsene sowie Beratung oder Betreuung von Hilfesuchenden. Nicht zuletzt organisiert Chabad Lubawitsch auch das Chassidic Song Festival, ein grosses Musikereignis, dessen Renommee bis weit über die Landesgrenzen hinausreicht.
Was ist das Erfolgsrezept, das Chabad so populär macht? «Toleranz und Akzeptanz», antwortet auf diese Frage Rabbiner Mendel Rosenfeld, der die Chabad-Bewegung 1982, nachdem sie in der Schweiz Fuss gefasst hatte, etablierte. Seither sieht er Chabad als wichtige Ergänzung respektive als Brücke zwischen den verschiedenen Gemeinden. «Für Chabad ist jede jüdische Person unabhängig von ihrer Religiosität oder Gemeindezugehörigkeit gleich jüdisch», sagt Rosenfeld. Ob die Leute von Agudas Achim oder von Or Chadasch zu ihnen kommen, spiele für ihn keine Rolle. Wichtig sei ihm vor allem, dass man sich gut fühle, jüdisch zu sein. «Das wollen wir über Spass und Motivation sowohl den Kindern als auch den Erwachsenen vermitteln.» Dennoch wartet der gebürtige New Yorker nicht auf Schönwetter. Eine gute Dienstleistung muss ebenfalls gut «promoted», Eigeninitiative muss ergriffen werden. Diese verdienstvolle Arbeit könnte jedoch den leisen Verdacht hervorrufen, Chabad ziele darauf ab, ein besseres Angebot als die Gemeinden zu präsentieren, womöglich den Gemeinden die Mitglieder abzuwerben.
Jüdische Kontinuität
Diesem Vorwurf sah sich Rosenfeld auch schon ausgesetzt: «Leider waren wir schon damit konfrontiert, dass uns einige Einzelpersonen aus Gemeinden fälschlicherweise als Konkurrenz betrachteten.» Seit den Anfängen von Chabad vor über
30 Jahren sei man aber immer darauf bedacht gewesen, jegliche Aktivität, die als Konkurrenz hätte verstanden werden können, zu vermeiden. «Wir sehen Chabad als Gewinn für die Gemeinden. Denn wir motivieren jüdische Leute, die nicht im Gemeindeleben integriert sind oder sich als Aussenseiter fühlen, um sie wieder Teil der jüdischen Gemeinschaft werden zu lassen», so Rosenfeld, der sein Ziel in zwei Worten auf den Punkt bringt: «jüdische Kontinuität».
Dieser Einstellung ist absolut nichts entgegenzuhalten, wenn gleich nicht alle etablierten jüdischen Gemeinden begeistert sind, wenn Chabad beispielsweise zum gleichen Zeitpunkt eine Veranstaltung organisiert wie die Gemeinde selbst. So ist Philippe Nordmann, Vizepräsident und Vorstehender der Synagogenkommission der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), davon überzeugt, dass Chabad zwar wunderbare Arbeit an Orten, wo es vorher keine oder nur ein beschränkte jüdische Infrastruktur gab oder gibt, leiste. «In Basel verfügen wir aber über eine hervorragende jüdische Infrastruktur. Angesichts der doch beschränkten Anzahl an Juden in der Region Basel kann es vorkommen, dass Chabad als Konkurrenz wahrgenommen wird, zum Beispiel dann, wenn sich Chabad mit einem ähnlichen Programm zur selben Zeit an dieselbe Zielgruppe wendet.» Seiner Ansicht nach würde es demnach mehr Sinn machen, wenn sich Chabad um diejenigen Bereiche kümmern würde, die nicht bereits durch die bestehende Infrastruktur abgedeckt sind. Grundsätzlich sehe er jedoch Chabad als Ergänzung und Bereicherung des in Basel bestehenden jüdischen Angebots.
Das Gespräch suchen
Als Chabad in Basel mit der Arbeit begann, soll es laut Nordmann eine Vereinbarung zwischen dem damaligen Rabbiner der IGB, Israel Meir Levinger, und Jechiel Rappaport, dem damaligen Chabadrabbiner in Basel, gegeben haben. Dieses besagte, dass Chabad keine Gottesdienste organisieren darf. «Offenbar fühlt sich Rabbiner Zalmen Wishedsky, den ich persönlich sehr schätze, an dieses Agreement, das vor seiner Zeit abgemacht wurde, nicht gebunden», so Nordmann.
Doch in den anderen Gemeinden kennt man keine solche Vereinbarungen. In Zürich sei man einfach bemüht, mit Chabad Zürich in einem guten Verhältnis zu stehen. «Wir suchen das Gespräch, versuchen Aktivitäten abzustimmen und möchten Engpässe vermeiden», sagt André Bollag, Co-Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), der persönlich Chabad auch nicht als Konkurrenz sieht, aber verstehen kann, wenn gewisse Leute dies tun. «Wir möchten aber absolut keine Polemik mit Chabad und wenden unsere Energien nicht für innerjüdische Angelegenheiten auf. Im Gegensatz zu charedischen Kreisen bringt Chabad die Leute zusammen und schliesst sie nicht aus», sagt Bollag. Allerdings halte er nicht viel vom missionarischen Gedanken, der bei Chabad manchmal mitschwingt. «Dazu gehe ich auf Distanz.» Aber in Zürich sei die Situation angenehm, Chabad erweise sich als sehr pragmatisch.
Rosinen picken
Früher war Chabad vor allem in peripheren Regionen zu finden, heute gibt es Chabad auch in den städtischen Zentren, so dreimal auf dem Platz Zürich, in Basel, Genf, Luzern und in Lugano. Bollag weiss, «dass böse Zungen behaupten, Chabad schwäche die Gemeinden, ja höhle sogar die Gemeinden aus. Wobei ich hier sagen muss: Nur wer sich aushöhlen lässt, kann ausgehöhlt werden», und ergänzt, dass Chabad kein Steuersystem wie die Gemeinden hat, sondern sich auf grosszügige Gönner stützt. Somit muss sich Chabad auch nicht mit den alltäglichen Pflichten und Aufgaben beziehungsweise den Problemen einer Gemeinde herumschlagen und kann sich auf den Einzelnen konzentrieren. Das ist auch für Rabbiner Rosenfeld klar: «Wir sind keine Gemeinde und haben auch nicht deren nötige Infrastruktur wie einen Friedhof, eine Mikwa oder gar eine eigene Synagoge.»
Gleichzeitig weiss auch Bollag, dass es eine Gemeinde «nicht schafft, dem Individualismus die Stirn zu bieten». Solange Chabad sich Rosinen picke, eine Nische bleibe, sei der Erfolg auch verbucht. «Chabad macht einen guten Job, trägt jedoch nicht die Verantwortung, welche die Gemeinde hat. Andererseits machet Chabad gute Sachen, die wiederum die Gemeinde nicht tut oder nicht tun kann.» Man könnte manchmal Chabad gar ein wenig abkupfern oder zumindest besser zusammenarbeiten, sofern Chabad wie auch die ICZ dies zuliessen. «Dass Chabad sich zum Beispiel viel für die Jungen engagiert, beweist ja, dass die Gemeinde offensichtlich gewisse Mankos aufzeigt. Da könnten wir als Gemeinde sicher mehr herausholen», sagt der ICZ-Co-Präsident. «Als Ergänzung dürfen wir Chabad aber nicht betrachten, denn die Gemeinde sollte so gut wie möglich sein und keine Ergänzung brauchen. Tut sie dies, ist das leider ein Zeichen von Schwäche. In der Realität sieht die Sache aber halt doch etwas anders aus.»
Gegenseitiger Informationsaustausch
Im Gegensatz zu Zürich sieht Genf Chabad sehr wohl als Ergänzung. Roger Chartiel, Präsident der Communauté Israelite de Genève (CIG), spricht sich für eine Diversität auf dem Platz Genf aus: «Dieses Mosaik, das wir in Genf haben, ist sehr bereichernd. Wir haben hier nordafrikanische und orientalische Juden und diese Mischung ist durchaus erfüllend.» Ganz im Sinne Rosenfelds findet auch Chartiel: «Letztlich sind wir alle jüdisch. Man braucht ja schliesslich keine Identitätskarte. Als Gemeindemitglieder können wir in die Grande Synagogue, an die Avenue Dumas oder ins Beth Yacov gehen. Darum müssen wir uns einfach koordinieren, damit man nicht zwei Seder oder zwei Purimanlässe am selben Tag hat. Das wäre dumm.»
Es sei jedoch erst einmal passiert, dass es eine Veranstaltung von Chabad gab, die zum gleichen Zeitpunkt mit einer der CIG stattfand. Chartiel arbeitet jedoch daran, eine Einigung zu finden, damit die Veranstaltungen in einem Gleichgewicht gehalten werden, «man soll nicht da oder dort, sondern da und dort hingehen können». Seit Kurzem hat die CIG angefangen, Chabad eine Infomail mit allen Veranstaltungen zu verschicken. Dies sei jetzt auch reziprok geworden, auch Chabad würde nun einen Newsletter an die CIG verschicken.
Wertvoll, aber kein Ersatz
Summa summarum lässt sich sagen, dass es keine einheitliche Haltung der Gemeinden gegenüber Chabad gibt, auch beim Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) nicht. SIG-Präsident Herbert Winter kann nur für sich und aus seinen Erfahrungen in Zürich sprechen: «Ich halte Chabad für eine wertvolle Bewegung, die es versteht, breit gefächerte Anliegen von Juden und Jüdinnen zu befriedigen.» Doch auch er weiss, dass es wohl Gemeinden gibt, die Chabad als Konkurrenz ansehen. «Wenn sie dies tun, dann wohl deshalb, weil verschiedentlich Mitglieder aus Gemeinden austreten und nur noch die Angebote von Chabad nützen», sagt Winter. Ein Austritt aus einer Gemeinde kann verschiedene Gründe haben, häufig sind dies finanzielle. Ihm sei jedoch nicht bekannt, dass Chabad den Gemeinden Leute abwerben wolle. «Wäre dies der Fall, würde ich das für völlig inakzeptabel halten.»
Auch Winter stimmt dem Kanon zu, dass zu Chabad-Veranstaltungen zweifellos Leute hingehen, die in keiner Gemeinde Mitglied sind, dass es aber auch eine grosse Zahl von Juden und Jüdinnen sind, die Gemeindemitglieder sind. Und dass Chabad für viele eine Ergänzung zum bestehenden Angebot der Gemeinden ist, findet auch Winter: «Ich denke, dass viele Juden und Jüdinnen dies so sehen. Ein Ersatz für eine Gemeinde ist Chabad nicht. Jedem einzelnen jüdischen Menschen obliegt die Verantwortung, mit der jüdischen Gemeinschaft solidarisch zu sein und Mitglied in einer Gemeinde zu sein. Dazu sollte auch Chabad anhalten.»