Erde und Himmel
Der Schöpfungsbericht hat in den Lehrhäusern von Hillel und Schammai eine grosse grundsätzliche Diskussion ausgelöst. Schon beim Studium von Paraschat Bereschit, des allerersten Wochenabschnitts der Thora, zeigt sich der grundlegende Unterschied zwischen den beiden grossen Gelehrten. Hillel und Schammai vertreten total verschiedenartige Weltanschauungen. Deshalb verstehen und interpretieren sie die Thora auf komplett unterschiedliche Weise.
Der unmittelbare Auslöser der Diskussion sind zwei Verse unserer Parascha, die inhaltlich voneinander abweichen. Einerseits beginnt die Thora den Schöpfungsbericht mit den Worten «Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde» und nennt den Himmel zuerst, vor der Erde. Andererseits lesen wir zu Beginn des 2. Kapitels (Vers 4), dass dies die Geschichte der Erschaffung sei «am Tag, an welchem Gott Erde und Himmel machte», und sehen, dass hier die Erde vor dem Himmel erwähnt wird.
Das Lehrhaus Schammai bezieht sich auf den ersten Vers der Thora und vertritt die Meinung, dass «der Himmel zuerst erschaffen worden sei» (Bereschit Rabba 1:15, Chagiga 12a). Für Schammai und seine Schüler bedeutet dies, dass der Himmel wichtiger ist als die Erde. Gott hat zuerst den Himmel erschaffen, um auszudrücken, dass der Himmel das Hauptziel der Schöpfung ist. Der Himmel ist der «Sitz Gottes» und ist folglich die Hauptsache. Die Erde ist Nebensache.
Hillel und seine Schüler hingegen vertreten die gegenteilige Meinung. Für sie ist der Vers zu Beginn des 2. Kapitels ein Beweis dafür, dass die Erde vor dem Himmel erschaffen wurde und dass die Erde wichtiger ist als der Himmel. Das Lehrhaus Hillel ist der Ansicht, dass die Erde die Haupt-, der Himmel nur Nebensache ist.
Diese grundlegende Meinungsverschiedenheit über Himmel und Erde widerspiegelt den zentralsten Unterschied zwischen den Weltanschauungen von Hillel und Schammai. Wenn Hillel behauptet, dass die Erde das Hauptziel der Schöpfung sei, so will er damit sagen, dass Gott die Welt erschaffen hat, um konkretes irdisches Leben zu ermöglichen. Gott hat die Welt erschaffen, um sich auf Erden zu offenbaren. Das Dasein auf Erden, vor allem das Leben des Menschen, ist das Hauptziel der göttlichen Schöpfung.
Für Schammai jedoch ist, wie erwähnt, der Himmel die Hauptsache. Gott hat die Welt erschaffen, um sich im Himmel «einen Thron zu bauen». Die abstrakte göttliche Welt des Himmels, die Welt der Gedanken und Ideen, ist nach Ansicht von Schammai das Ziel der göttlichen Schöpfung.
Die weltanschauliche Meinungsverschiedenheit zwischen Bet Hillel und Bet Schammai kommt auch in sehr vielen halachischen (religionsgesetzlichen) Diskussionen zwischen den beiden Lehrhäusern zu direktem Ausdruck. So streiten sie sich beispielsweise über die Reihenfolge der «brachot» (Segenssprüche) beim Kiddusch am Freitagabend (vgl. Psachim 114a, Brachot 51b). Sie sind sich zwar einig, dass zwei «brachot» gesprochen werden müssen; eine über den Wein und eine über den Schabbat. Sie sind sich aber nicht einig, welche «bracha» zuerst gesprochen wird. Schammai argumentiert abstrakt, logisch, und führt an, dass der Schabbat die Ursache für den Kiddusch sei und deshalb zuerst erwähnt werden müsse. Hillel erwidert konkret «irdisch». Er äussert die Meinung, dass die «bracha» über den Wein vorgehen muss, weil der Wein die Bedingung für den Kiddusch ist. Denn wer keinen Wein (oder keine «challa») hat, kann den Kiddusch gar nicht sprechen. Das Konkrete, Irdische geht vor, da es – auch hier – Bedingung ist für das Abstrakte, für die Idee.
Neben den Meinungen von Hillel und Schammai finden wir einen dritten Standpunkt, der die Ansicht vertritt, dass Himmel und Erde gleichzeitig erschaffen wurden und deshalb gleich wichtig sind. «Die beiden wurden wie eine Pfanne und ihr Deckel erschaffen» (Bereschit Rabba ibid.). Sie gehören zusammen, bedingen sich gegenseitig und sind folglich von gleich grosser Bedeutung. Dieser kosmogenetische Standpunkt ist sehr stichhaltig und überzeugend und bildet einen angenehmen Kompromiss zwischen Hillel und Schammai.
Doch auf dem Gebiet der Halacha ist ein klarer Entscheid gefällt worden: «halacha keweit Hillel». Das Religionsgesetz richtet sich nach der Meinung von Hillel. Das lässt uns verstehen, dass für das Judentum die Erde das Hauptziel der Schöpfung bildet. Gott hat die Welt für den Menschen erschaffen, für unser konkretes, irdisches Leben.