Er kann die Erwartungen nicht mehr erfüllenmehr erfüllen

Arye Dayan, October 9, 2008
In den 70er Jahren hatte der letzte Woche zurückgetretene israelische Aussenminister David Levy den orientalischen Durchbruch ins Zentrum der politischen Arena des Landes symbolisiert. Heute gilt er aber eher als das Paradebeispiel für die grosse verpasste Gelegenheit der Orientalen Israels.
David Levy: Vor lauter Egoismus die echten Ziele übersehen. Foto Feystone

Das vor zwei Wochen abgehaltene Treffen der demokratisch-orientalischen «Rainbow»-Aktivisten stand im Zeichen eines beunruhigenden Themas, das seit einiger Zeit diese Organisation von Juden aus moslemischen Ländern in Israel beschäftigt. Das Motto auf der Einladung - «Die Rainbows und Shas» - unterstreicht problematische Dilemmas: Sollte diese radikal-orientalische Gruppe Shas unterstützen, die erste Bewegung in Israel, welche die orientalische Identität weit nach vorne ins israelische Bewusstsein katapultiert hat? Oder sollte man sich gegen Shas stellen? Sollten die Aktivisten sich dem aschkenasisch-sekulären Konsens anschliessen, der in Arieh Deri einen verachtungswürdigen Kriminellen sieht?

Radikale Fragen
Die Rainbow-Aktivisten diskutierten die Themenliste vor dem Treffen. Die Organisatoren wollten Deri einladen, und dieser sagte unter einer Bedingung zu: Nach dem Treffen würden die Rainbows eine Erklärung veröffentlichen, in welchem es heissen würde, der Fall Deri beinhalte «ein Element der Verfolgung». Einige führende Rainbows, die glauben, dass es sich hier um mehr als nur ein «Element» handle, waren einverstanden mit der Bedingung, doch die Mehrheit lehnte sie ab. Die Diskussion fand ohne Deri statt. Als das Treffen stattfand, präsentierte sich den Rainbows ein weiteres Dilemma. Die Zeitungen hatten nämlich in grossen Lettern David Levys Rücktrittsdrohung als Aussenminister publiziert. Wie Deri stellt auch Levy radikale Orientalen vor harte Fragen. Levy repräsentiert, das fühlen sie klar, Zielsetzungen, die sich von jenen der meisten Politiker unterscheiden. Seine Vergangenheit und seine Wertvorstellungen stehen ihren Herzen näher als jene Ehud Baraks, des Likud-Chefs Ariel Sharon oder Yossi Sarids von Meretz. Trotzdem aber gehörte bzw. gehört Levy immer noch dem rechtsgerichteten Lager an, das die meisten radikalen Orientalen ablehnen. Viele der politischen Krisen, die Levy vom Zaune gebrochen hat, sind für sie komisch und unverständlich; sie haben den Eindruck, sie seien durch kleinkarierte persönliche Interessen motiviert. Bis zur Wahl Moshe Katsavs zum Präsidenten galt Levy als der wichtigste orientalische Politiker Israels. Wäre Shimon Peres Präsident geworden, wäre David Levy der Doyen der Knessetabgeordneten gewesen.Letzte Woche begann Levy mit einer neuen Serie seiner politischen Zick-Zack-Tänze, die seit rund fünf Jahren seine Karriere prägen. 1995, nachdem Netanyahu ihn aus dem Likud gedrängt hatte, gründete er die Gesher-Partei, die er als «den wirklichen Likud» definierte, der fortfahren würde, «ein Heim für Leute zu sein, für die der Likud aufgehört hat, ein Heim zu sein».
Ein halbes Jahr danach integrierte er Gesher in die Likud-Liste im Bestreben, nach den Wahlen Aussenminister in Netanyahus Regierung zu werden. Weniger als 18 Monate später verliess er die Regierung, und kein Jahr danach ging Gesher ein Bündnis mit Baraks «Ein Israel» ein. Im Juli 1999 war Levy wieder Aussenminister. Und nun verlangt er von Barak die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit. Es macht den Anschein, als ob mehr und mehr seiner Supporter es aufgegeben hätten, seine Entscheidungen zu verstehen.

Leere Rhetorik
Als er Gesher gründete, erweckte er die Hoffnungen in den Herzen linksgerichteter Orientalen und bei Aktivisten radikaler orientalischer Gruppen. Einige von ihnen, wie etwa Sami Shalom Shitrit, Vicky Shiran, Asher Eidan oder Amnon Raz-Krakotzkin führten sogar Gespräche mit ihm und halfen mit bei der Gründung der Bewegung. Was sie von Levy erwarteten, brachten sie in einer Sonderausgabe von «Iton Acher» (die andere Zeitung) zum Ausdruck, eine inzwischen eingegangene radikal-orientalische Publikation. Unter der Schlagzeile «Kann David Levy es vollbringen?» versuchten die Autoren die Möglichkeit zu untersuchen, dass Levys neue Bewegung zuoberst auf die öffentliche Prioritätenliste die «ungleichen Chancen im Leben für die Hälfte der israelischen Bevölkerung in Bezug auf Einkommen, Bildung und kulturelle Verwirklichung» setzen würde. Einige der Autoren, unter ihnen Redaktor David Hamou, gaben eine zustimmende Antwort. «Wenn Sie sich der historischen Herausforderung stellen», schrieb Hamou in einem mit «Levy ist in der Lage» übertitelten Offenen Brief an den Minister, «werden Sie ins nationale Pantheon als Sozialreformer eingehen, der die Ungerechtigkeiten korrigiert hat, welche die Gründerväter mit ihrer Unvernunft, ihrem Rassismus und ihren grausamen Taten verursacht haben. Sie sind dazu in der Lage.» Andere Autoren waren kritischer und skeptischer, doch glauben sie alle, dass Gesher eine nicht-religiöse Alternative zu Shas werden könne.
«Heute verstehe ich, dass diese Option sich selber begraben hat», sagt Dr. Amnon Raz-Krakotzkin, Dozent für Geschichte an der Ben-Gurion-Universität In Beerschewa und einer der Autoren der Zeitung. 1995 hatte er an der Gründungsversammlung von Gesher teilgenommen. «Für einen Augenblick», so sagte er, «hatte ich gehofft, dass etwas Positives aus der Sache werden würde. Ich hatte das Gefühl - es zerschlug sich allerdings sehr rasch, dass David Levy die Frage der Orientalen in den Mittelpunkt der israelischen Politik stellen wollte, dass er soziale Themen benutzen wollte, um wesentliche Veränderungen in die politische Diskussion in Israel einzuführen, dass er beabsichtigte, die Verbindung zwischen sozialen Fragen und den Fragen des Friedens zu unterstreichen. Ich wusste, dass Levys Haltung zum Frieden nicht mit meiner identisch war, doch hatte ich gedacht, er würde eine Position vertreten, welche die Rechte der Palästinenser mit berücksichtigt.»
Als Levy den Likud verliess, erklärte er, so fährt Raz fort, dass er eine neue Botschaft habe. «Mit dieser Botschaft wollte er Premierminister werden, doch sobald er Gesher gründete, stellte sich alles als leere Rhetorik heraus. Es gab keine neue Botschaft. Abgesehen von den Machtspielen einer Bewegung, die sich politische Macht aneignen wollte, und abgesehen von einer emotionalen Opposition gegen Netanyahu, war da wirklich nichts Neues.» Vielmehr müsse man, so meint Raz, von einer verpassten Gelegenheit sprechen, denn Shas sei damals nicht so gewichtig gewesen wie heute. «Die Anführer von Shas hatten Angst vor der Opposition, die Levy repräsentieren könnte. Im Augenblick, da Levy zu Netanyahu zurückkehrte, verstand Shas, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchten.»
Weil Levy sich aber weigerte, aus Gesher eine Bewegung der Orientalen zu machen, und weil er keinen konkreten Standpunkt in der Friedensfrage präsentierte und sich seine Haltung zu sozialen Themen von keiner der anderen unterschied, wurde Levy, so glaubt Raz, «zu jemandem, der in zwei Regierungen Aussenminister war und keine von beiden beeinflusste.» Raz-Krakotzkin begreift nicht, warum Levy bei der Gründung von Gesher nicht erklärt hatte, er vertrete das orientalische Israel. «Er hätte beispielsweise für die Errichtung von Bildungsstätten kämpfen können, in welcher man die jüdisch-orientalische Geschichte nicht ausradiert hätte. Stattdessen zog er es vor, sich mit politischen Deals zu beschäftigen. Das führte dazu, dass er bei seinem Zusammenschluss mit Barak über keine politische Macht verfügte. Da er über keine umfassende politische Perspektive verfügt, fing er an, unmittelbar mit dem Rücktritt zu drohen, sobald Barak begann, über Jerusalem zu reden oder Polizeiminister Shlomo Ben-Ami in den Verhandlungen mit den Palästinensern ihm vorzuziehen.»

Manchmal ein Hardliner
Dr. Yossi Yonah, ebenfalls ein Dozent an der Ben-Gurion-Universität und ein Aktivist in orientalischen Gruppen, hat eine andere Erklärung. Er analysiert Levys politisches Verhalten in breit gefassten politisch-sozialen Zusammenhängen. Die Wurzeln für Levys Auftreten lokalisiert er in den «informellen Barrieren», die in der Vergangenheit im Likud errichtet worden sind, um Levys Wege zum Ruhm zu blockieren. «Der Likud in David Levys Tagen war nicht imstande, jemandem, der kein Aschkenasi war, die Pyramide bis zur Spitze der Partei zu erklettern. Wer Levys Verhalten begreifen will, muss den fast instinktiven Widerwillen berücksichtigen, den die meisten prominenten Likudniks beim Gedanken verspürten, von einem Orientalen angeführt zu werden. Er hatte das Gefühl, von den Zentren der Macht ferngehalten zu werden, und er roch hier den schalen Geruch des Ethnischen. Das brachte ihn zur Erkenntnis, Positionen beziehen zu müssen, die ihm gestatten würden, Präsenz zu demonstrieren. Einmal war er daher der Hardliner, dann wieder der Gemässigte, der Yitzchak Shamir nach Madrid brachte.»
Levys Benehmen wurde ferner durch seinen Wunsch geprägt, jeder ethnischen Identität aus dem Wege zu gehen. Das beeinträchtigte auch seine Aussichten auf Erfolg. «Levy steckt hier in einer Falle», erklärt Yona. «Als erfahrener Politiker versteht er sehr wohl, dass er aus ethnischen Gründen diskriminiert wird. Trotzdem fürchtet er, dass er, sollte er eine ethnische Protest-Agenda formulieren, seinen Rivalen Material offerieren würde, das sie gegen ihn verwenden könnten. Akzuentiert wird das Problem durch den Umstand, dass das Publikum, an das er sich wendet, sich zwar mit seinem ethnischen Schmerz identifiziert, gleichzeitig aber der Meinung ist, dieser Schmerz sollte nicht im Mittelpunkt der politischen Aktivität stehen. Shas kann sich erlauben, seine Aktivitäten auf diesen Schmerz zu basieren, da diese Partei alles in Jüdischkeit einwickelt. Genau das wollte Levy eigentlich nie tun, da dies seinem Image als Israeli und Verteidiger des typisch Israelischen schaden könnte.»In einem wichtigen Punkt sind Yona und Raz-Krakotzkin sich einig: In der jüngsten Krise ist Levy eher im Recht als Barak. Raz-Krakotzkin: «Möglicherweise fühlt Levy sich beleidigt, weil Barak Polizeiminister Ben-Ami ihm vorgezogen hat; vielleicht verbirgt sich hier auch eine Art von Versprechen an Ariel Sharon. Wir sollten auf jeden Fall aber nicht vergessen, dass Levy recht hatte. Ben-Ami kehrte von der zweiten geheimen Verhandlungsrunde in Stockholm zurück und berichtete Barak, Arafat sei bereit, die jüdischen Siedlungen jenseits der 67er Grenzen unter israelischer Souveränität zu belassen. Levy warnte Barak und meinte, Arafat würde das nicht tun. Barak und Ben-Ami gingen nach Camp David und fanden heraus, dass Levy recht hatte.»
Yona: «Barak und seine Gefolgschaft waren gegenüber Shas schon immer arrogant und haben andere Parteien verspottet. Barak tut so, als ob seine Minister nichts anderes als eine Sammlung unnötiger Accessoires wären. Zudem sah Levy, wie Ben-Ami seine Rolle zu übernehmen begann. Beides sind sie orientalische Politiker, doch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen. Als Levy die politische Arena betrat, mussten orientalische Politiker sich mit untergeordneten Rollen begnügen, und er entwickelte nie den nötigen Push, um über die ihm zugeteilten Augaben hinauszugehen. Ben-Ami kam in die Politik, als Levy ihm bereits den Weg geebnet hatte. Er benimmt sich vollkommen natürlich, wie ein Herrscher. Weder entschuldigt er sich ständig, noch protestiert er unentwegt.»
Auch in Bezug auf einen anderen wichtigen Punkt sind die beiden Wissenschafter sich einig: David Levys politische Karriere nähert sich ihrer Ansicht nach dem Ende. Sein Bündnis mit Barak ist aufgeflogen, sein Weg zurück in den Likud ist blockiert, und es gelingt ihm nicht, eine eigene Partei zu gründen. Yona: «Der Likud hat sich noch nicht verändert und ist noch immer nicht bereit, einen orientalischen Führer zu akzeptieren. Und sogar wenn er sich verändert haben sollte, warum sollten die Abgeordneten Silvan Shalom und Meir Shitrit David Levy den Vortritt lassen?» Und Raz-Krakotzkin fügt hinzu: «Warum sollte er in den Likud zurückkehren? Um Nummer acht auf der Liste zu sein und die Führung Silvan Shaloms zu akzeptieren?» - haaretz