Er kam als ein Überlebender

October 9, 2008

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Papst sich anlässlich seines Besuchs in Yad Vashem für die Rolle der katholischen Kirche während des Holocausts entschuldigen würde, war etwa gleich gross wie die Wahrscheinlichkeit, dass das Oberste Israelische Gericht den Prozess gegen Jesus neu aufrollen würde: Man könnte die Wahrscheinlichkeit des Eintretens dieser Ereignisse mit der Wahrscheinlichkeit gleichsetzen, dass der Papst über den Kinneret-See wandern würde. Für die Enttäuschung darüber, dass er das jüdische Volk nicht um Vergebung gebeten hat, gibt es also keinen Grund.
Kurz vor seiner Reise nach Israel offerierte Papst Johannes Paul II. eine historische Entschuldigung für die Sünden der Christen, und Premier Barak meinte in Yad Vashem, Israel habe von dieser Entschuldigung mit tiefer Würdigung Kenntnis genommen. Einigen ging die Entschuldigung nicht weit genug, und als männiglich darüber spekulierte, ob der Papst nun eine zweite Entschuldigung formulieren würde, gewann man den Eindruck, nicht Nazi-Deutschland habe die Gaskammern in Auschwitz betätigt, sondern der Vatikan.
Der Nazi-Rassismuss entstand als Teil einer Ideologie, die vorgab, mit dem Christentum konkurrenzieren zu wollen. Die Mitglieder der SS wurden zum Verlassen der Kirche gezwungen. So gesehen hatte der Papst recht, als er sagte, dass nur eine gottlose Ideologie zur Vernichtung eines ganzen Volkes aufrufen konnte.
Zu Beginn seiner Ausführungen in Yad Vashem sagte der Papst, keine Worte seien stark genug, um den Holocaust zu verurteilen. Das ist ein weitverbreitetes Cliché, doch möglicherweise bezog der Papst sich auf das Schweigen seines Vorgängers zur Zeit des Holocausts. Wie dem auch sei: Papst Pius XII. schwieg angesichts des Holocausts nicht, weil er nicht in der Lage gewesen wäre, die richtigen Worte zu finden, um ihn zu verdammen oder weil er ein Antisemit war. Zweifelhaft auch, ob er geschwiegen hat, weil er fürchtete, sonst das Schicksal der Juden noch zu verschlimmern.
Er blieb still, weil er fürchtete, eine Konfrontation mit dem Dritten Reich würde die Interessen der katholischen Kirche noch weiter schädigen. Sein Schweigen ist ein moralischer Fleck auf der Geschichte der Kirche - einer von vielen. Die Kirche muss damit fertig werden, doch der Staat Israel, der die moralische Überlegenheit des Heiligen Stuhls sowieso nie akzeptiert hat, ist nicht befugt, irgendeine «Entschuldigung» namens der Opfer anzunehmen. Vor diesem Hintergrund besteht kein Anlass für Enttäuschung darüber, dass Johannes Paul II. seinen opportunistischen und feigen Vorgänger nicht verurteilt hat.
Im Gegensatz dazu brachten die Worte des Papstes in Yad Vashem und noch mehr sein äusseres Auftreten ein entsetzliches persönliches Leid zum Ausdruck, und eine Trauer, die alles, was man aufgrund seiner Position hätte erwarten können, weit überstieg. Manchmal schien er zu weinen. Karol Wojtyla, der die Schrecken des 2. Weltkrieges selber mitmachte, identifizierte sich auf eine tiefgehende, ergreifende Weise mit den im Holocaust ermordeten Juden und mit den Überlebenden. Er war nicht als der Nachfolger eines Komplizen des Verbrechens gekommen, sondern als ein Überlebender des Holocausts. Die düstere Mine, die er ausstrahlte, vermittelte Millionen von Menschen eine Botschaft, welche die Worte übertraf, die er sprach oder eben nicht sprach. Der Kern der Botschaft, die moralische Kraft auf der ganzen Welt ausstrahlte, ist folgender: Der Holocaust ist die Verkörperung des Schlechten gemeinhin, und die universelle, aus ihm zu ziehende Lehre ist ein Krieg gegen den Rassismus.Andrerseits wird zu Recht bemerkt, dass der vom Papst in Yad Vashem gezogene Vergleich zwischen «anti-jüdischen Gefühlen» unter Christen und «anti-christlichen Gefühlen» unter Juden nicht statthaft ist. Zwar sind viele Juden dem Christentum gegenüber tatsächlich feindlich eingestellt, doch haben sie deswegen weder Christen zwangsweise zum Übertritt gezwungen noch sie verfolgt. Das hingegen haben Christen den Juden angetan.
Im Gegensatz zum betagten Kirchenvater, einer Verkörperlichung gebrechlicher Spiritualität, demonstrierte Premier Ehud Barak in seiner sympathischen und versöhnlichen Rede aufrechtes, fast militärisches Israeltum. Es gelang ihm, für die Erwähnung des Schweigens Pius XII. eine ehrbare Lösung zu finden, indem er aus einem Gedicht Natan Altermans zitierte: «Als unsere Kinder unter dem Galgen schrien, da hörten wir den Rest der Welt nicht».
Laut Barak war die Gründung Israels die letztendliche Antwort auf Auschwitz. Das ist die zionistische Lehre aus dem Holocaust, wie sie in Israels Schulen unterrichtet wird. Im Gegensatz zu der vom Papst vorgeschlagenen Lehre lässt sie keine universelle Lektion erkennen.

Haaretz

Der Autor ist Historiker und Publizist.