Entwurzelte Existenz

Von Monica Strauss, September 5, 2011
Die Autorin erinnert sich an den Tag vor zehn Jahren, als Flugzeuge ins World Trade Center in New York rasten.
GEMÄLDE VON CASPAR DAVID FRIEDRICH Entwurzelte Eiche als Symbol für die gefährdete Stellung des Menschen im Universum

Für diesen Dienstagmorgen hatte ich mir den Wecker früher als sonst gestellt. Damals, am 11. September 2001, war ich Redaktorin beim aufbau in New York. Dieser Dienstag war Schlusstermin für die aktuelle Ausgabe. Ich musste noch eine Geschichte schreiben, und die frühen Morgenstunden waren dazu am besten geeignet. Bis zur Abgabe des Artikels wollte ich mich weder durch die Nachrichten noch Telefonate ablenken lassen, und mein morgendlicher Lauf durch den Central Park musste an diesem wunderschönen Septembertag, der nun vor meinem Fenster heraufdämmerte, auch ausfallen. Nichts sollte meine Kreativität an einem normalen Arbeitstag in Manhattan unterbrechen.
Und im Rückblick existierte damals tatsächlich eine Normalität, eine Normalität, die um 9.02 Uhr unwiderruflich verloren ging, als eine Maschine der American Airlines in den Nordturm des World Trade Center schlug. Ich erfuhr von meiner Tochter davon, die mich sofort von ihrem Zuhause in Massachusetts aus anrief. Mir fiel ein Vorfall aus den dreissiger Jahren ein, als eine Maschine in das Empire State Building geflogen war, und ich vermutete zunächst einen schrecklichen Unfall. Ich schaltete umgehend den Fernseher ein. Dann hörte ich einen Nachrichtensprecher, dessen gequälte Stimme aber nicht von einem Unfall sprach, sondern von einem zweiten Flugzeug, das gerade in den Südturm hineingedonnert war.
Ich konnte den Bildern vor mir kaum folgen. Dies war eine Attacke! New York, das ganze Land – wir wurden angegriffen! Und dies mit grauenhaften, nie zuvor dagewesenen Methoden! Passagierflugzeuge als Waffen. In diesem ersten Augenblick durchfuhren mich Überraschung, Ungläubigkeit und Verwirrung. Standen wir nun im Krieg? Wer konnte hinter den Attacken stecken – und warum? War ich die einzige, die nicht gewusst hatte, dass wir derartige Feinde hatten? Wie konnte es sein, dass uns niemand gewarnt hatte? Ich hatte die Nachrichten verfolgt und von den gleichzeitigen Anschlägen auf amerikanische Botschaften in Ostafrika 1998 gehört und dem Angriff auf das Kriegsschiff S.S. Cole im Jahr 2000. Aber diese Attacken erschienen als Einzelfälle, nicht als Werk eines gezielt vorgehenden Feindes, der noch dazu fähig war, den amerikanischen Kontinent direkt anzugreifen.

Neuer Sprachgebrauch

Meine Nachbarin klingelte. Sie wollte nicht allein sein, und so sassen wir zusammen vor dem Fernseher und erlebten mit, wie die Nachrichten immer schlimmer wurden. Ein drittes Flugzeug zerschellte im Pentagon, ein viertes stürzte über einem Feld in Pennsylvania ab. Und dann erreichte das Grauen seinen Höhepunkt, als die Doppeltürme einstürzten und wir begriffen, dass Tausende von Menschen ihr Leben verloren hatten. Von diesem Moment an konnte ich wie so viele andere Zuschauer nicht mehr passiv bleiben. Meine Wohnung war in Uptown, zu weit, um die Katastrophe an der Südspitze Manhattans direkt miterleben zu können. Aber mich packte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Sollte ich zum nächsten Spital gehen und Blut spenden oder meine Hilfe anbieten? Als ich dort ankam, war die Schlange von Leuten mit der gleichen Idee bereits einen Häuserblock lang. Krankenwagen standen bereit. Aber die Katastrophe war viel zu tödlich verlaufen. Es gab so viele Tote und nur wenige Verwundete.
Die Ruinen an Ground Zero brannten 100 Tage lang. Wechselnde Winde bliesen den Geruch in alle Teile der Stadt. Downtown wurde für jeden Bürger ohne entsprechende Papiere zu einem Sperrbezirk. Wir mussten uns an ein neues Vokabular gewöhnen: «Ground Zero» klang plötzlich nicht mehr wie ein Wort aus einem Science-Fiction-Film. Die Regierung von George W. Bush trug zu der neuen Sprache bei und konnte damit aus dem Schatten der stark umstrittenen Wahl des Jahres 2000 treten. Neue Worte liessen sich zur Manipulation gebrauchen, nutzten die Ängste der Bürger aus und schürten einen kopflosen Patriotismus.
Plötzlich wurde das Wort «homeland» vermehrt verwendet. Eine neue Heimatschutz-Behörde sollte gegründet werden. Niemand hatte diesen Begriff zuvor in der Öffentlichkeit benutzt, es sei denn als unglücklich gewählter Ausdruck für Gebiete, die den amerikanischen Ureinwohnern als Reservate zugewiesen worden waren. Als Tochter von Naziflüchtlingen aus Wien erinnerte mich «homeland» auf un­selige Art an das deutsche Wort «Heimat» – ein Ort, der auf schmerzhafte Weise zwischen Fremden und Leuten, die dort zuhause sind, unterscheidet. Ansonsten an Nationalfeiertagen aufgezogen, hingen amerikanische Fahnen nun ständig überall. Für Politiker wurde es zwingend, Miniaturausgaben des Sternenbanners als Anstecknadeln am Revers zu tragen.
Bald nach den Anschlägen verabschiedete der Kongress ohne Diskussion den «Patriot Act», dessen Titel so klang, als ob er die durch das Gesetz nun möglichen drastischen Eingriffe der Behörden in die Privatsphäre verschleiern sollte. Von nun an konnte die Regierung schon beim geringsten Verdacht auf terroristische Aktivitäten Telefon und E-Mails anzapfen sowie auf medizinische, finanzielle und andere persönliche Informationen zugreifen.
Und dann trat der allumfassende Begriffe «Krieg gegen den Terror» in unser Leben. Warum hiess es nicht «Krieg gegen den Terrorismus»? Hatte die Regierung den Begriff bewusst gewählt, um vage, allgemeine Ängste der Bürger politisch auszuschlachten?

Verlorenes Sicherheitsgefühl

Die Urheber des «Terrorismus», den wir am 11. September erlebt hatten, liessen sich nach Afghanistan verfolgen. Aber das Wort «Terror» konnte auch andere, ältere Widersacher beschreiben wie etwa Irak.
Sicherheitsmassnahmen wurden allgegenwärtig. Von nun an musste sich jeder Besucher öffentlicher Gebäude ausweisen. Bibliotheken und Museen führten die Durchsuchung von Taschen ein. Die New York Public Library, anhin die am wenigsten bürokratische Forschungsbücherei weltweit, führte eine «Zugangskarte» für die Nutzung ihrer Bestände ein. Natürlich ermöglicht dies seither auch den staatlichen Zugriff auf die Leihtätigkeit von Besuchern, sofern der «Patriot Act» dies für gegeben hält.
Es hat lange gedauert, bis ich mich in der Öffentlichkeit wieder sicher gefühlt habe. Bis heute horche ich nervös auf, wenn ich über mir Fluglärm wahrnehme. Fliegt da eine Maschine nicht auffällig niedrig? In den ersten Jahren nach den Anschlägen hat die hiesige Polizei uns Bürger mit ihrem Aktionismus in der Öffentlichkeit Angst und Schrecken eingejagt. Es konnte vorkommen, dass eine Flotte von Dienstwagen mit heulenden Sirenen die Strassen entlang raste, um sich dann unversehens und ohne erkennbaren Sinn wieder aufzulösen. An der Grand Central Station wurden inmitten von Pendlerströmen Soldaten stationiert. Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn sich nur ein einziger Selbstmordattentäter unter diese Menschenmenge mischen würde.
Im Lauf der Jahre haben sich die New Yorker beruhigt. Die Präsenz von Polizei und Militär scheint abgenommen zu haben. Doch dann hat ein junger Mann aus Pakistan im Frühjahr 2009, acht Jahre nach «9/11», versucht, am Times Square eine Bombe zu zünden. Ein Strassenhändler hat glücklicherweise den aus einem geparkten Wagen quellenden Rauch entdeckt und einen Polizisten alarmiert. Nach all den verschärften Sicherheitsmassnahmen haben nur die scharfen Augen eines Zivilisten eine neue Katas­trophe verhindert. Nicht nur die New Yorker, sondern auch die Bürger anderer Metropolen wie London und Madrid können sich nie mehr so sicher fühlen wie ich mich damals an diesem frühen Morgen des 11. September vor zehn Jahren fühlte. Dafür haben die anschliessenden Attacken in England, Spanien und andernorts gesorgt.
Obwohl damals an diesem Tag keiner der Kollegen in die aufbau-Redaktion ging, stellten wir die Ausgabe am nächsten Tag rechtzeitig fertig. Ich habe mir jetzt den Artikel noch einmal angeschaut, den ich dafür geschrieben habe. Es war eine Besprechung der Ausstellung «Caspar David Friedrich: Moonwatchers» im Metropolitan Museum. Gezeigt wurden drei kleine Gemälde des Künstlers, zwei als Leih­gaben aus Deutschland, das dritte hatte den Anstoss für die Ausstellung gegeben und war gerade vom Museum angekauft worden. Die Bilder (zwei Versionen von «Zwei Männer in Betrachtung des Mondes» und «Mann und Frau den Mond betrachtend» von 1819–1820) zeigten Variationen eines Themas: Zwei Figuren halten auf einem Abendspaziergang zur Betrachtung der Landschaft inne.
Als ich meinen Artikel dazu wieder in die Hand genommen habe, hat mich ein just vor dem Anruf meiner Tochter abgeschlossener Absatz darin erschüttert. Ich hatte geschrieben: «In entspannter Gemeinschaftlichkeit aneinander gelehnt, stehen die Figuren zwischen zwei Bäumen auf einer Felsenhöhe und betrachten den abnehmenden Mond. Aber die entwurzelte Eiche neben ihnen scheint zu signalisieren, dass ihre Ruhe nur vorübergehend ist. Einem Sturm zum Opfer gefallen oder nur dem Zahn der Zeit, erscheinen die nackten Äste und die exponierten Wurzeln des Baumes belebt zu sein und haltsuchend in die Luft auszugreifen, um sich in letzter Minute doch noch am Leben festzuhalten. Gemalt, als Deutschland nach den Napoleonischen Kriegen die radikale Unterdrückung der Metternich-Ära erlebte, griff Caspar David Friedrich auf die Natur zurück, um die gefährdete Stellung des Menschen im Universum zu symbolisieren.»    ●

Monica Strauss ist aufbau-Autorin und lebt und arbeitet in Manhattan. Sie betreibt unter anderem den Blog «refugeetales.com».