Entwürfe für die Zukunft

Von Sass Brown, March 7, 2011
Vom Recycling bis zur Verwendung organisch angebauter Fasern und schadstofffreier
Färbemethoden: Das Prinzip der Nachhaltigkeit hält auch in der Modebranche Einzug.
PHILIPPE STARCK Der Designer hat mit der schottischen Manufaktur Ballantyne besonders haltbare Kleidung aus Kaschmir geschaffen

Nachhaltigkeit ist die Bewahrung von Leben durch ökologische Balance – auf menschlicher, tierischer, pflanzlicher und planetarer Ebene. Ein nachhaltiges System entnimmt seiner Umwelt nicht mehr an Ressourcen, als es zurückgibt. Was verstehen wir daher unter nachhaltigem Design? Für Kleidung bedeutet Nachhaltigkeit die Verwendung von Materialien und Produktionsweisen, die nicht erneuerbare Rohstoffe zu gebrauchen vermeiden und die Umwelt schonen. Zudem sollten sie am Ende schadlos wieder von der Natur absorbiert werden können. Nur sehr wenige Produkte – geschweige denn Kleidungsstücke – erfüllen diese Anforderungen.
Dennoch vollzieht sich seit den neunziger Jahren in der Modebranche eine stille Revolution. Damals wurden Kinderarbeit, Niedriglöhne und andere Missstände in Drittwelt-Produktionsstandorten bekannt. Seither wächst im Westen, wo fünf Prozent der Weltbevölkerung ein Viertel der Energie konsumiert, die Einsicht, dass jeder Einzelne das Seine für bessere Lebensverhältnisse weltweit und zum Schutz des Planeten beitragen muss. Die Kleidungs- und Textilbranche ist einer der grössten Industriezweige und beschäftigt ein Sechstel der Arbeitskräfte weltweit. Sie verbraucht mehr Wasser als jede andere Branche, mit Ausnahme der Landwirtschaft. Die Branche gibt enorme Mengen toxischer Stoffe in die Natur ab, verbraucht gigantische Mengen Energie und trägt dadurch erheblich zum Klimawandel bei. Wir im Modedesign tragen die Verantwortung für unzumutbare Zustände in Fabriken, für Umweltverschmutzung und Kinderarbeit mit. Unsere Branche hat grossen Nachholbedarf gegenüber den anderen kreativen Branchen – zahlreiche Architekten, Raumgestalter und Kosmetikhersteller arbeiten bereits auf Grundlage ethisch akzeptabler Designs und Produkte. Aber unsere Branche gibt sich weiterhin zu sehr mit aufwändigen Gala-Events zufrieden, auf denen Celebritys grosse Summen für gute Zwecke sammeln. Das erlaubt uns einen Geschäftsalltag, in dem wir keine Rücksicht auf die Erfordernisse der Nachhaltigkeit nehmen.
Doch heute weiss man, dass unsere Lebenswelt in akuter Gefahr ist. Und inzwischen bewegt diese Erkenntnis Firmen und Kreative in allen Sparten und auf allen Ebenen unserer Branche zu einem nachhaltigen und ethisch vertretbaren Arbeitsansatz. Dies gilt für kleine Selbstständige ebenso wie für Massenproduzenten und Couture-Häuser. Dass wir nicht mehr diskutieren, ob, sondern nur noch wie schnell die Polkappen schmelzen und die Weltmeere ansteigen werden, macht eine dramatische Senkung des CO2-Ausstosses notwendig. Während Regierungen noch wertvolle Zeit mit Diskussionen über Quoten und Limits verschwenden, haben Individuen und Unternehmen auch in der Kleidungsbranche an dieser Front bereits die Initiative ergriffen. Um mit Vivienne Westwood zu sprechen, sind der Hunger, die Kriege, Überschwemmungen und Dürrekatastrophen als mögliche Folgen des Klimawandels «ein Preis, den wir uns nicht leisten können». Diesem Bewusstsein entspringt die reichhaltige Palette an Öko-Mode und Öko-Design, die ich in meinem Buch «Eco Fashion» vorstelle und die die Grundlage dieses Essays bilden.
Der Künstler als gesellschaftlicher Aktivist ist kein neues Phänomen. Maler, Bildhauer, Musiker oder Schriftsteller haben seit jeher politischen, kulturellen und sozialen Anliegen Ausdruck gegeben. Dies gilt auch für den Entwurf und die Fertigung von Kleidung, die durch die Auswahl ihrer Farben, Fasern und Schnitte eine Fülle religiöser, dynastischer, hierarchischer und politischer Bedeutungen signalisieren kann. So hat das kommunistische Regime von Mao Zedong den traditionellen chinesischen Männeranzug adaptiert und zu einer Uniform für das Milliardenvolk verwandelt. Dadurch wurde Kleidung mit revolutionärer, politischer Bedeutung aufgeladen. In den USA der sechziger und siebziger Jahre wählten die Black Panthers Lederjacken, Berets und enge Hosen als Signale für schwarzen Stolz und Solidarität. Von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren ausstaffiert, lag die soziale – oder eher antisoziale – Botschaft der Sex Pistols ebenso in ihrer Kleidung wie in ihrer Musik. Als die britische Designerin Katharine Hamnett ihr T-Shirt mit der Aufschrift «58 % lehnen Pershing-Raketen ab» zu einem Besuch bei der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher trug, war das ebenfalls ein politisches Statement.
Ethische Mode hat ihre Flegeljahre hinter sich gelassen, aber ganz angekommen ist sie noch nicht. Ihr Weg ist mit gut gemeinten Monstrositäten und schlichter, langweiliger, wenn nicht gar einfach nur hässlicher Kleidung gesäumt. Dass Mode und Ethik es in einem Satz halbwegs miteinander aushalten, ist neu. In der Vielzahl «ethisch korrekter» Labels finden sich immer noch wenige mit solider Qualität, guter Passform und ästhetischer Überzeugungskraft – aber ihre Zahl und ihr Niveau steigen laufend. Und die besten und hellsten sind zu den Sternen am Modehimmel aufgestiegen. Dazu zählen die Labels Noir, Linda Loudermilk und Geoffrey B. Small. Ihre Qualität und das wachsende Problembewusstsein unter Kunden geben diesen Marken zudem einen «Cool-Faktor», der ihre Attraktivität weiter steigern dürfte. Die Notwendigkeit nachhaltiger Lebensweisen dürfte allerdings auch Konzerne dazu bewegen, sich dem Trend mit Werbeaktionen anzuschliessen, ohne jedoch ihre unethischen Produktionsweisen aufzugeben. Aber dies wird dem Boom nachhaltiger Mode keinen Abbruch tun.
Öko-Design lässt sich in fünf Aspekte aufgliedern, die im Folgenden kurz beschrieben werden.

Fair Trade und lokale Traditionen
Der Begriff «sozialer Kapitalismus» bietet eine treffende Beschreibung für das zunehmend populäre Zusammenwirkung von NGOs, Designern und lokalen Produzenten in der Dritten Welt. Liessen sich westliche Modeschöpfer immer schon von fremden Kulturen inspirieren, arbeiten sie nun direkt mit lokalen Handwerkern und Kommunen zusammen. Dadurch entsteht eigenständige Kleidung von hoher Qualität, die unter guten Arbeitsbedingungen und zu angemessenen Löhnen produziert wird. Zudem sichern derartige Kooperationen die Bewahrung lokaler Handwerkstraditionen wie sie durch die Industrialisierung in Europa und den USA verdrängt wurden. Gute Beispiele für diesen Aspekt von «Eco Fashion» sind das dänische Label Noir, das mit Ugandern zusammenarbeitet, die mexikanische Designerin Carla Fernandez und ihre Firma Taller Flora, sowie die Marke Alabama Chanin im ländlichen Süden der USA.

«Langsames» Öko-Design
Modeschöpfern stehen heute Naturfasern als Grundlage unterschiedlicher, hochwertiger Stoffe zur Verfügung. Dazu gehören neben Klassikern wie Hanf neuartige Produkte aus Bambus, Nesseln, Soja oder Algen. Für die Textilherstellung existieren ausser traditionellen pflanzlichen Färbemitteln inzwischen verbesserte Filtriermethoden, die zu stark verringerten Schadstoffabgaben an die Umwelt und einer bunteren Palette von Stoffen führen. Damit entfallen bisherige Schranken für Kreative. Obwohl hier noch viel zu tun ist, haben sich auch Qualitätsstandards und Normen für derartige Fasern und Stoffe etabliert. Nachhaltige Kleidung hat damit die Zeit der beigen T-Shirts hinter sich gelassen. Designer in Europa und den USA benutzen diese Produkte für «langsame» Techniken wie das Filzen, verbinden diese aber auch mit modernsten Methoden etwa in der Drucktechnik. Ansprechende Beispiele für dieses Vorgehen sind die Amerikanerinnen Linda Loudermilk und Emily Katz, die Berlinerin Christine Birkle oder Françoise Hoffmann in Lyon.

Recycling und Redesign
Amerikaner werfen durchschnittlich 31 Kilo Kleidung im Jahr weg, davon landen 85 Prozent auf Müllhalden. Synthetische Fasern widerstehen dem natürlichen Zerfall, während kompostierende Wollstoffe Methan freisetzen und dadurch zum Klimawandel beitragen. Zudem zerstört der Export von Altkleidung indigene Betriebe in Afrika und Asien. Redesign und Recycling wollen dieser Verschwendung Einhalt gebieten. Dieser Ansatz ist speziell in England populär, wo die in getragene Stoffe eingewebten Geschichten und Erinnerungen besondere Wertschätzung geniessen. Daneben erlebt die von unseren Grosseltern aus purer Notwendigkeit gepflegte Kunst des Flickens eine Renaissance – doch statt getragene Stücke zu reparieren, nutzen Designer diese als Rohstoff für eigene Entwürfe. Redesign erfordert eine besonders «langsame» Produktion, da jedes Stück einzeln neu entworfen und aus zerschnittenen Altkleidern zusammengesetzt werden muss. So können aus Massenware Unikate werden, die ihrem Besitzer lieb und wertvoll sind. Auf diesem Gebiet ist Geoffrey B. Small international bekannt geworden.

Neues Denken, neue Geschäftsmodelle
Nachhaltiges Design ist nur ein Aspekt einer Gruppierung, die von Experten wie Richard Florida als «kulturell ¬Kreative» bezeichnet wird. Darunter sind weltweit etwa 50 Millionen Designer, Künstler, Intellektuelle oder Unternehmer zu verstehen, die nicht über die Kanäle der Politik agieren, sondern auf kulturellen und wirtschaftlichem Gebiet. So verstehen sich viele «nachhaltige» Modeschöpfer gleichzeitig als Künstler und Aktivisten, die nicht nur neuartige Produkte schaffen, sondern auch unternehmerisch innovativ sind. Dafür ist das Label Nau (aus der Maori-Sprache: «Willkommen, mach mit») in Portland, Oregon exemplarisch: Die Firma produziert Sportswear aus ökologisch akzeptablen Stoffen und Fasern, versteht sich als Kollektiv und spendet einen Teil seiner Gewinne für ökologische Zwecke.

Der «Mainstream» erwacht
Öko-Mode hat längst das Reservat progressiv-alternativer Aktivisten verlassen und ist bei grossen Modefirmen, Kaufhäusern oder prominenten Designern wie Vivienne Westwood angekommen. Dies führt zwar immer wieder zu Skandalen wie der von Bono 2006 lancierten RED-Kampagne gegen Aids in Afrika. Damals hat die Journalistin Naomi Klein nachgewiesen, dass die von dem Textilunternehmen Gap mit dem RED-Label verkaufte Kleidung unter menschenunwürdigen Bedingungen in China hergestellt worden ist. Dennoch bieten sogar Konzerne wie Wal-Mart inzwischen Textilien aus organischer Baumwolle. Gleiches gilt für den schwedischen Weltkonzern H&M. Neben Westwood, die mit ihrer DIY-Kollektion zur Reduktion von Treibhaus-Gasen aufruft, haben auch Yves Saint Lauren oder der Kaufhauskonzern Barney’s nachhaltige Mode entdeckt.    ●

Sass Brown ist Professorin mit Schwerpunkt ethisches Design am New Yorker Fashion Institute of Technology und lebt in Florenz, wo sie das Auslandsprogramm der Universität leitet. Brown hat zahlreiche Kollektionen entworfen und dabei etwa mit lateinamerikanischen Frauenkollektiven zusammengearbeitet.