Entlassung des Oberrabbiners von Turin

von Ruth Ellen Gruber, July 8, 2010
Der jahrelange Zwist, der nun mit der Entlassung des Oberrabbiners von Turin endete, beleuchtet eine Identitätskrise des 21. Jahrhunderts, welche die älteste jüdische Diasporagemeinde befallen hat.
DIE SYNAGOGE VON TURIN Turbulenzen hinter den Mauern zeugen von einer Krise in der Gemeinde

Rabbiner Alberto Somekh, der wie alle anerkannten Rabbiner des Landes orthodox ist, war seit 1992 Oberrabbiner von Turin. Seine Kritiker halten ihm vor, mit seinem auf Konfrontation bedachten persönlichen Stil einen wesentlichen Teil der vorwiegend nicht orthodoxen 900 Mitglieder der Gemeinde von Turin vor den Kopf gestossen zu haben. Noch nie in der Vergangenheit ist aber der Oberrabbiner einer jüdischen Gemeinde in Italien aus seinem Amt befördert worden.

Die Situation lenkt die Aufmerksamkeit auf die Fakten, vor denen die italienischen Juden stehen. Problematisch sind hier die zunehmenden Mischehen, die sinkenden Geburtenraten sowie Budgetprobleme, es gibt Spalttendenzen, politische Streitereien und scharfe Divergenzen über religiöse Praktiken und die Orthodoxie. Ganz besonders verärgert sind einige Gemeindemitglieder über den Mangel an Pluralismus und die wachsende Strenge der Orthodoxie in der offiziellen Gemeinde: «Nominell war das italienische Judentum immer orthodox, hat aber stets alle, ob traditionell oder nicht, unter einem Dach akzeptiert», erklärte Daniel Nahum, der kürzlich gewählte 27-jährige Vizepräsident der jüdischen Gemeinde von Mailand. «Heute aber haben die Rabbiner eine konservativere Mentalität. Das wiederum stösst einige Leute in die Hände der Reformgemeinden oder von Chabad Lubavitch.»

Fehlende Offenheit

Juden gibt es in Italien seit der Zeit der alten Römer. Heute leben rund 30 000 Juden im Land, doch nur deren 2500 sind offiziellen jüdischen Gemeinden in Städten wie Turin, Mailand oder Rom angeschlossen, und die Zahl sinkt von Jahr zu Jahr. Die meisten Juden (etwa 12 000) leben in Rom, und weitere 6000 in Mailand. Einen nationalen Oberrabbiner kennt Italien nicht, doch der Posten eines angestellten Oberrabbiners existiert in einigen der 21 Gemeinden, die der Vereinigung der italienisch-jüdischen Gemeinden (UCEI) angehören. Die Führung des Dachverbands UCEI ist die offizielle politische Vertretung der Juden Italiens.

Als vor rund drei Jahren die Leitung der Turiner Gemeinde Versuche startete, Rabbiner Somekh von seinem Posten zu entfernen, meinte Gemeindepräsident Tullio Levi, Somekh würde weniger observanten Gemeindemitgliedern mit oft offener Geringschätzung begegnen und für deren Probleme weder Rücksicht noch Takt an den Tag legen. Die Gemeindeleitung sprach Somekhs Entlassung formell für Anfang 2009 aus. Der Rabbiner ging in die Berufung, doch diese wurde im vergangenen Monat zurückgewiesen. Riccardo Di Segni, der Oberrabbiner von Rom, meinte zwar, die Entscheidung habe nichts zu tun mit der orthodoxen Lebensweise des Rabbiners oder seinem angeblich strikten Auftreten, doch Somekh ist zum Symbol für die fehlende Offenheit gegenüber nicht orthodoxer Praxis geworden.

Keine Zusammengehörigkeit

Historisch ist die Orthodoxie die einzige anerkannte jüdische Strömung im Judentum, und der Fall Somekh illustriert die Spannungen zwischen dem offiziellen orthodoxen Establishment und Teilen der breiteren jüdischen Bevölkerung. «Der Führung der jüdischen Gemeinden in Italien ist sehr daran gelegen, vom israelisch-rabbinischen Establishment weiter als orthodox anerkannt zu werden», sagt Lisa Palmieri-Billig, die Vertreterin des American Jewish Committee in Rom. «Tatsache aber ist, dass ein sehr grosser Teil der italienischen Juden sich so benimmt, wie dies in anderen Ländern Reformjuden oder liberale Juden tun würden, aber dann gelten sie als total säkular. Zurzeit fehlt das Gefühl, zu einer emotional zusammenhängenden, kulturell einigen ethnischen Gruppe zu gehören.»

In einem Land mit einer hohen Mischehenrate wie Italien hat sich rund um die rabbinischen Entscheidungen der letzten Jahre gegen die Ablehnung oder scharfe Beschränkung der Konversion junger Kinder nicht jüdischer Mütter eine besonders schmerzvolle Kontroverse entwickelt.

«Ein Weiser»

Gemeindeaktivistin Anna Vera Sullam sagt: «In Venedig genügte es vor 30 Jahren, der Gemeinde zu sagen, man wolle, dass das Kind jüdisch sei. Heute wird das viel strikter gehandhabt. Kinder-Konversionen existieren nicht mehr.» Andere sehen die Problematik differenziert. Über 250 Personen bildeten eine Facebook-Gruppe zur Unterstützung von Rabbiner Somekh, nachdem dessen Kündigung definitiv wurde. «Es ist klar», schrieb Paolo Schiunnach von der Gruppe, «dass ein grosser Teil der Gemeinde die intellektuellen Instrumente verloren hat, um die Rolle eines Rabbiners gemäss der jüdischen Tradition zu verstehen. Rabbiner sind nicht nur entlöhnte Funktionäre mit ausschliesslich seelsorgerischen und Prediger-Funktionen. Der Rabbiner ist ein Weiser, der die ‹Smicha› (Rabbinerwürde) erhalten hat und befugt ist, Entscheidungen hinsichtlich der Bedürfnisse der Gemeinde sowie der allgemeinen und speziellen Halacha zu fällen.»

Fehlende Koordination

Für UCEI-Vorstandsmitglied Dario Calimani sind Inkonsistenz und der Mangel an Kommunikation im italienischen Rabbinat selber ein Teil der Problematik. «In Italien gibt es keinen nationalen Markt für Koscherprodukte, keine einheitliche Übertrittspolitik und keine halachische Koordination im Allgemeinen oder Synergien im kulturellen Bereich, und es gibt auch keine mit allen abgestimmte Politik bezüglich der Beziehungen zur katholischen Kirche», schrieb Calimani kürzlich in «Ha Kehilla», dem Magazin der jüdischen Gemeinde von Turin. «In einer Gemeinschaft, die so klein ist wie die italienische, sollten koordinierte Lösungen angestrebt werden. Stattdessen wird die Kaschrut als rein kommerzielle Frage betrachtet, und Konversionen, die eine Krise in der Gemeinde auslösen können, werden ausserhalb der Rahmenbedingungen getätigt.»

Viele der Probleme werden von Rabbinern anerkannt. «Kaschrut ist ein Thema», sagte Rabbiner Elia Richetti, Oberrabbiner von Venedig und vor Kurzem zum Präsidenten der italienischen Rabbinerversammlung gewählt. «Wir brauchen eine Ausbildung für Koschermetzger und Personen, die Beschneidungen vollziehen. Zudem benötigen wir auch engere Kontakte unter den Rabbinern des Landes. Es wäre sicher sinnvoll, eine Website für die Rabbiner einzurichten.»

Das jüdische Establishment von Italien hat zudem keine Strategie, wie den kleinen Reformgemeinden zu begegnen ist, die in den letzten Jahren in Mailand und einigen anderen Städten entstanden sind. Zwar sind diese Gemeinden von der UCEI nicht anerkannt und werden von ihr auch nicht finanziell unterstützt, doch offerieren sie ein immer grösseres Angebot an Dienstleistungen wie Konversionen. Sie suchen auch die Verbindung zu in Mischehen lebenden Juden und anderen, die sich von den offiziellen Gemeindeinstitutionen entfremdet fühlen.

Demografische Krise

Chabad Lubavitch schliesslich ist seit über 50 Jahren in Italien präsent und sehr aktiv in Rom, Mailand, Venedig und anderen Städten. Doch auch diese Bewegung funktioniert ausserhalb des offiziellen jüdischen Establishments. Im Versuch, einige der Schlüsselprobleme anzupacken, hat das UCEI eine Statutenrevision in Auftrag gegeben. Das hat in den letzten Monaten lebhafte Diskussionen in den Gemeinden ausgelöst. Ein Grossteil der Revision betrifft organisatorische Fragen, doch stehen auch die Beziehungen der Rabbiner zu ihren Gemeinden zur Debatte, einschliesslich einer möglichen Amtszeitbeschränkung für Oberrabbiner.

Guido Vitale, Herausgeber des Monatsblatts «Pagine ebraiche», spricht von einer «enormen demografischen Krise» im italienischen Judentum. Schliesslich aber tröstet er sich damit, dass letztlich die Werte zählen und nicht die Zahlen.