Engagement für die Mitmenschen
Im Alter von 90 Jahren ist in Freiburg i. Üe. Bluette Nordmann gestorben. Die Witwe des früheren Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) Jean Nordmann war lange Zeit Präsidentin der Wizo Schweiz und engagierte sich lebenslang in der Flüchtlingshilfe. «Wenn ich diesen schrecklichen Krieg überlebe, werde ich mich für die Mitmenschen engagieren», schwor sich Bluette Otchakowsky nach der «Reichspogromnacht» von 1938 im Alter von 18 Jahren. Und daran hielt sie sich in ungewöhnlichem Masse ihr ganzes Leben lang. Inzwischen mit Jean Nordmann verheiratet, besuchte sie im November 1941 das Internierungslager von Gurs in Südfrankreich. In der Folge setzte sich das Ehepaar mit aller Kraft für die Rettung jüdischer Flüchtlinge und deren Aufnahme in der Schweiz ein. Nach Kriegsende galt der Einsatz von Bluette Nordmann der Wizo: Zehn Jahre präsidierte sie die Schweizer Wizo-Föderation, deren Ehrenmitglied sie wurde; sie gehörte auch der Exekutive der Welt-Wizo an. Aber auch ausserhalb des jüdischen Rahmens waren ihr die Rechte der Frauen stets ein Anliegen – so war die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz 1971 für sie ein Freudentag. In ihrem grossen Haus in Freiburg empfing die Familie Nordmann zahlreiche und oft prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur. So zählten auch die Philosophen Emmanuel Lévinas und Jeanne Hersch zu ihrem Freundeskreis. Auch nachdem ihr Mann – er präsidierte von 1973 bis 1980 den SIG – 1986 gestorben war, blieb Bluette Nordmann ihren Idealen treu. So besuchte sie Gefangene in der Strafanstalt Bellechasse, und als im Jahr 2001 eine Gruppe von Sans-Papiers die Kirche Saint-Paul in Freiburg besetzte, gehörte sie an vorderster Front zu deren Fürsprecherinnen, wobei sie Bezüge zur Schweizerischen Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg herstellte. Mit der Gründung der Fondation Jean Nordmann schuf sie die Voraussetzung dafür, dass das humanitäre Lebenswerk über den Tod hinaus wirksam bleibt, namentlich auch durch eine enge Zusammenarbeit zwischen der Universität Fribourg und der Hebräischen Universität Jerusalem. «Bluette Nordmann war eine Grande dame», sagt ihre langjährige Freundin und Weggefährtin Odette Brunschvig gegenüber tachles: «Intelligent, gütig und sehr hilfsbereit». [pa]