«Einzigartige Lage»

von Gisela Blau, December 18, 2008
Nach 60 Jahren verkaufte der Schweizerische Israelitische Gemeindebund das Heim Les Berges du Léman. Im folgenden Artikel berichtet tachles über die Geschichte des Hauses.
MIT ATEMBERAUBENDEM BLICK AUF DEN LAC LéMAN Das traditionsreiche Alters- und Pflegeheim in Vevey wurde nun verkauft

Die Liegenschaft befindet sich in erhöhter Lage in Vevey – zirka einen Kilometer von der Hauptstrasse entfernt. Weil sie sich auf einem Plateau befindet, hat man eine umfassende Rundsicht über den ganzen Léman, so dass ihre Lage als einzigartig bezeichnet werden darf. – Mit diesen begeisterten Worten beginnt der Bericht, den Leo Ortlieb, Leiter der jüdischen Fürsorge VSJF in Zürich, am 7. Oktober 1948 zuhanden des VSJF und der Geschäftsleitung (GL) des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) verfasste. Ortlieb beschrieb den «sehr schönen Garten mit prächtigem, altem Baumbestand» des ehemaligen Parkhotels Mooser, das damals eine psychiatrische Klinik war und betonte: «Für ein Altersheim gibt es unserem Ermessen nach kein idealeres Objekt.»  
Auf 17 Hektaren Land befanden sich das elegante Hauptgebäude, eine Villa für die Direktion und ein kleiner Bauernhof, der Ortlieb deshalb vorteilhaft schien, weil Milch und Milchprodukte zum Engrospreis bezogen werden könnten und «wenn das Heim streng koscher geführt werden müsste, so wäre das Problem des Schomerns der Milch auch schon gelöst». Architekt Méroni aus Lausanne erklärte in einem Gutachten den gesamten, als hochherrschaftliches Hotel erbauten Komplex – es gab schon damals neben den Speisesälen ein Fumoir von 36 Quadratmetern – mit dem «bien fleuri»-Park als gut instand. Das Angebot lautete dann auf 630 000 Franken, dazu sollten Anschaffungen kommen.

Harte Flüchtlingspolitik auch nach dem Krieg

Die historischen Akten des SIG und des VSJF im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich spiegeln rund um die Diskussionen über den Kauf der Liegenschaft Les Berges du Léman die Zwangslage des SIG und des VSJF auch noch drei Jahre nach Kriegsende wider. In der Schweiz lebten damals noch rund 3000 Flüchtlinge, die von jüdischer Seite mit mehrheitlicher Finanzierung durch den Joint und andere jüdische Organisationen über Wasser gehalten wurden. Die Behörden drängten immer noch auf Ausreise. Die Kantonspolizei Graubünden intervenierte mehrfach wegen «geheilter Flüchtlinge in Davos».  
Die gefürchtete Polizeiabteilung mit ihrem Chef Heinrich Rothmund unterhielt Heime für betagte jüdische Flüchtlinge, die nach zermürbenden Kämpfen des SIG dank dem Bundesgericht das Dauerasyl erhalten hatten. Rothmund drohte, die Heime «Mirabeau» und «Beau Site» zu schliessen; die Juden müssten den Unterhalt der rund 100 alten Menschen übernehmen.  
Der SIG war laut Protokollen der GL-Sitzungen des Jahres 1948 bereit, auch diese Verantwortung zu übernehmen. Der monatliche Bedarf des VSJF betrug laut GL-Protokollen 400 000 Franken, zu denen der Joint 300 000 Franken beisteuerte. Doch Saly Mayer, damals Joint-Vertreter, kürzte diesen Beitrag im Sommer 1949 auf 200 000 Franken, als die Spendenbegeisterung in den USA abnahm. Der hoch geachtete SIG-Präsident, der Berner Rechtsanwalt Georges Brunschvig, überlegte zwar 1948 angesichts des Kaufpreises für das Heim in Vevey, «dass man sich in der finanziellen Belastung der Juden der Schweiz, was die Zukunft anbelangt, Zurückhaltung auferlegen müsste». Dennoch empfahl er Professor Paul Guggenheim in Genf, dem Präsidenten des Centralcomités (CC) des SIG, das bis heute für Liegenschaftengeschäfte zuständig ist, den Kauf von Les Berges du Léman.  

Inspektion durch Rothmund

Die Banque Cantonale Vaudoise war bereit für eine Hypothek von mindestens 300 000 bis 400 000 Franken. 200 000 Franken Hypothek sollte der Bund als Gegenleistung für die Schliessung der beiden Heime übernehmen. Am 25. Oktober 1948 inspizierte Rothmund in Begleitung seines Mitarbeiters Schürch und eines Beamten des Finanzdepartements das Objekt. Am 5. November 1948 genehmigte der Bundesrat die Hypothek, und am 30. November unterschrieben die beiden Rechtsanwälte Georges Brunschvig als Präsident und sein Namensvetter Jean Brunschvig aus Genf als Aktuar des SIG den Kaufvertrag.  
Die Einweihung des Heims «Les Berges du Léman Maon» fand im März 1949 statt. Zwei Jahre später verliess der Pächter Henri Chabloz den Bauernhof, der für Zimmer benötigt wurde. Die Verpflegung pro Kopf und Tag kostete damals 2,17 Franken. Als die letzten Flüchtlinge mit ihren dramatischen Lebensgeschichten verstorben waren, diente die mehrfach renovierte Anlage als jüdisches Altersheim, in dem auch Grossrabbiner Georges Vadnai seinen Lebensabend verbrachte.  
1954 schuf Architekt André Nobs einen Synagogen-Anbau. Die Kosten teilten sich die Claims Conference und die jüdische Gemeinde Vevey, die auch die Kultgegenstände beisteuerte und dafür reservierte Plätze erhielt. 1966 erhielt die Synagoge Glasfenster der Künstlerin Regine Heim, Ehefrau des VSJF-Präsidenten Otto Heim. Seit einigen Jahren wird sie als Depot benutzt und soll nach dem Kauf durch die Stiftung Claire Magnin, die seit geraumer Zeit ein Heim für psychisch kranke Senioren betreibt, in einen Speisesaal umgebaut werden.
Fast auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Kauf konnte der SIG Les Berges du Léman an die Stiftung Claire Magnin verkaufen, die dafür eine Hypothekargarantie des Kantons Waadt erhalten hat. Der SIG erzielte einen Netto-Preis von 14 Millionen Franken, abgesegnet vom CC, doch er verliert den Mietzins der Stiftung von 800 000 Franken im Jahr, der nach Abzug aller Unkosten dem SIG jährlich 650 000 Franken in die Kasse spülte, die nun fehlen werden.  

Strategische Gründe

SIG-Finanzchef Daniel Rothschild bestätigte tachles, dass angesichts der Finanzkrise der Verkaufserlös «bedachtsam angelegt» werden müsse, bis die Börse wieder Erträge verspreche, dass aber gegenwärtig höchstens mit Erträgen von 490 000 Franken zu rechnen sei. Rothschild: «Nicht finanzielle, sondern strategische Gründe führten zum Verkaufsentscheid.» Die Prozedur habe einen gewaltigen, jahrelangen Aufwand der früheren wie der heute amtierenden GL bedeutet. Der SIG habe unter anderem das Risiko hoher Renovationskosten dieser alten Liegenschaft nicht mehr tragen wollen.
Der SIG habe nun drei Möglichkeiten, sagt Rothschild: «Er lebt mit grösserem Defizit, er bemüht sich wie in der Vergangenheit um mehr Subventionen von aussenstehenden Organisationen und Stiftungen oder er baut Kosten ab.» Langfristig sei der Entscheid richtig, kurzfristig sei angesichts der Börsenlage die defensive Anlagestrategie noch nicht festgelegt. «Vielleicht kauft der SIG wieder eine Liegenschaft», vielleicht bleibt es bei Wertschriften, so Rothschild, «wir werden mit dem CC im Dialog sein». Liegenschaftsgeschäfte müssen gemäss Statuten vom CC bewilligt werden. Die «normale» Vermögensverwaltung ist Sache der GL.