Einsteins Baumeister und die Kunst des Fügens

von Katja Behling, February 5, 2009
Konrad Wachsmann gilt als einer der Vorreiter der modernen Architektur. Seine Pionierarbeit im Bereich Holzhausbau stösst angesichts ökologischer Herausforderungen auf neues Interesse.
SCHLICHT, MODERN UND FUNKTIONAL Das Sommerhaus von Albert Einstein nahe Potsdam wurde 1928/29 von Konrad Wachsmann gebaut

Im Vorwort zur Ausstellung, die sein Werk 1979 in Stuttgart zeigte, machte Konrad Wachsmann seinem Ruf als radikaler Denker alle Ehre. Das Wort «Bauen», so der Meisterarchitekt, sollte aus dem Vokabularium verschwinden und ersetzt werden durch ein Wort, das den Begriff der Montage beschreibe. Die «Kunst des Fügens» oder besser noch «Kunst der Fuge» treffe die Sache weitaus besser. Das organische, logische Design werde dominieren, prophezeite der Architekt vor einem Vierteljahrhundert. Dieses Nebeneinander eines Gespürs sowohl für die Natur als auch für die Technik, von kreativer Kunst und mechanischer Montage, war charakteristisch für den Architekten Konrad Wachsmann, der eigentlich ein Forscher war und ein «Architektur-Monteur».

Traum vom Haus aus der Fabrik

Wachsmanns bekanntestes Werk befindet sich in Caputh bei Potsdam – das Sommerhaus, das er 1928/29, vor 80 Jahren, für Albert Einstein baute. Schlicht, modern, funktional, naturnah – ein Konzept, das den Physiker Einstein überzeugte und auch viele Architekten und Bauherren dieser Tage mehr denn je begeistert. Konrad Wachsmann, der Visionär, wurde 1901 als Sohn einer jüdischen Apothekerfamilie in Frankfurt/Oder geboren. In den Jahren 1923/24 war der gelernte Tischler Meisterschüler von Hans Poelzig an der deutschen Akademie der Künste in Berlin.  Nach drei Jahren als Chefarchitekt bei der damals grössten europäischen Holzbaufirma in Niesky arbeitete Wachsmann als freier Architekt in Berlin. Bereits 1925 entwickelte er ein vorfabriziertes Holzbausystem für Einfamilienhäuser; ein Konzept, das bei Einsteins legendärem Sommerhaus umgesetzt wurde. Noch vor dem Machtwechsel, der Anfang 1933 die Nationalsozialisten an die Regierung brachte, ging Wachsmann als Stipendiat der Preussischen Akademie nach Rom. Zu dieser Zeit gab es bereits ausgearbeitete Pläne für einen Beitrag Wachsmanns zur Knochenhofsiedlung in Stuttgart, sie wurden nie ausgeführt. Im  Jahre 1938 in Rom in «Schutzhaft» genommen, gelang Wachsmann die Emigration nach Paris. Mehrere seiner Verwandten hingegen wurden nach Riga deportiert und ermordet.

Industrielles Bauen

Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchtete Wachsmann 1941 mit Unterstützung von Albert Einstein in die USA. Dort gelang ihm die Fortsetzung seiner grossen Karriere. Gemeinsam mit dem berühmten Bauhaus-Architekten Gropius perfektionierte er die fabrikmässige Herstellung vorgefertigter Bauteile aus Metall und entwickelte in den vierziger Jahren das so genannte «Packaged House System», eine Art Baukastensystem. Ziel war, aus einem Sortiment mit so wenig variierenden Teilen wie möglich so viele Zusammenstellungen zu bewerkstelligen wie nötig. Kurz: das industrielle Bauen. Wachsmanns Konstruktionssystem für Großhallenbauten, etwa Flughafenterminals, gilt als epochemachende Innovation.  Sein Interesse galt der Effizienz von Konstruktionssystemen. Ab 1949 war er rund 15 Jahre als Professor am Illinois Institute of Chicago beschäftigt. Von 1964 an arbeitete er an der University of Southern California. 1979 unternahm er eine Rundreise durch die damalige DDR.  Es waren diese Reise und das daraus entstandene bemerkenswerte Buch, die ihn den Menschen in seiner alten Heimat wieder in Erinnerung riefen.   

Eine Jahrhundertfigur

Im Jahre 2001 veröffentlichte der Journalist Michael Grüning aus Anlass des 100. Geburtstages des grossen Baumeisters sein in den achtziger Jahren als Ergebnis dieser Reise entstandene Buch «Der Wachsmann-Report. Auskünfte eines Architekten» in neuer Auflage. Grüning, Redakteur einer Wochenzeitschrift, war seinerzeit ausgeschickt worden, um über den Architekten Konrad Wachsmann zu schreiben. Was vor allem ein Bericht über Baukunst hatte werden sollen, wurde der Bericht über einen Menschen, der Architekt war in bewegten Zeiten, die Reportage einer Reise durch die DDR der späten siebziger Jahre und die Erinnerung an ein Leben für die Architektur im Zeichen der Moderne. Ob die Begegnung mit Einstein, ob die Zusammenkünfte im Romanischen Café, wo Maler, Musiker und Kritiker aufeinandertrafen, ob Empfänge bei Max Reinhardt oder kokette Blicke der Schauspielerin  Tilla Durieux, ob Dispute mit Bertold Brecht, Erlebnisse im Atelier von Pablo Picasso oder im Arbeitszimmer von Thomas Mann – Wachsmann erwies sich als Zeuge der Schlüsselmomente des 20. Jahrhunderts.
Die Ideen und Ansätze von Künstlern und Intellektuellen wie Lion Feuchtwanger, Walter Mehring und Else Lasker-Schüler, von Erwin Piscator, Ernest Hemingway, George Grosz und Picasso prägten Wachsmanns Geisteswelt. Und natürlich die grossen Meister des Bauhauses in Dessau und Weimar. Kaum jemand erkannte damals so wie Wachsmann, dass sich die Architektur an einem «Wendepunkt im Bauen», so der Titel einer seiner Schriften, befand. Industrialisiertes Bauen, so seine These, könne durchaus Kunst einschliessen. Als Konrad Wachsmann zur Emigration gezwungen war, wurde mit ihm sein Werk Opfer nationalsozialistischer Kulturpogrome. Sein als Grundlagenwerk geltendes Buch über «Holzhausbau.  Technik und Gestaltung» wurde verbrannt. Über 70 Jahre später wurde es neu aufgelegt. Die grössere Nachfrage und ein gewachsenes ökologisches Bewusstsein in breiten Bevölkerungskreisen haben das Interesse an Holz auch als einem natürlichen und nachwachsenden Baustoff neu entfacht – fast 30 Jahre nach seinem Tod 1980 in Los Angeles sind viele Ideen und Innovationen des Ingenieurs und Architekten Konrad Wachsmann so aktuell wie nie zuvor.