Einigung um Entschädigung von Zwangsarbeitern noch in diesem Jahr

von Igal Avidan, October 9, 2008
Eine Einigung um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter soll noch in diesem Jahr erreicht werden, sagten Verhandlungsführer von deutscher und jüdischer Seite. Die nächste Verhandlungsrunde wird in Washington am 8. Dezember stattfinden. Das Entschädigungsangebot für rund 900 000 vor allem ost-europäische Sklavenarbeiter soll etwa 10 Milliarden Mark betragen. Bisher haben sich 60 Firmen bereit erklärt, am Entschädigungsfond der deutschen Industrie teilzunehmen, wobei nur 17 genannt werden wollten.
Zwangsarbeit: Deutsche Firmen und ihr schwieriges Verhältnis zur Geschichte. - Foto Reuters

Nachdem in Israel bekannt worden war, dass unter den 2500 Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben, sich auch die deutsche Lufthansa befindet, erklärte die Fluggesellschaft sich bereit, dem Fond beizutreten. Die Zeitung «Neues Deutschland» veröffentlichte auf fünf Seiten eine Liste mit den Namen von 2498 Firmen, die in Nazi-Deutschland Zwangsarbeiter beschäftigt haben, darunter Agfa-Kamerawerke in München, der Chemiekonzern BASF (Ludwigshafen), die Berliner Kraft und Licht AG (BEWAG), die Konzerne BMW und Daimler-Benz AG, die Deutsche Werft in Kiel (heute HDW, die U-Boote für die israelische Marine baut), die Ford-Werke in Köln, die Maschinenfabrik MAN, Mannesmann, der kurz vor der Pleite stehende Baukonzern Philipp Holzmann AG, Siemens, Shell Öl, Telefunken und die Zeiss Werke in Jena. Ein Lufthansa-Sprecher in Tel Aviv sagte, die Lufthansa fühle sich moralisch zur Entschädigung verpflichtet und begleitet die Arbeit des Fonds mit Sympathie. Keine Zahlen wollte Konzernsprecher Klaus Walther nennen. Die Schicksale von Betroffenen seien zu ernst, «als dass man in ihrem Zusammenhang von DM spricht». Der Beauftragte der Bundesregierung, Otto Graf Lambsdorff, hat während seines Polen-Besuchs die Regierung in Warschau davor gewarnt, bei den Verhandlungen über die Entschädigung von Zwangsarbeitern auf höhere Summen zu bestehen. Es bestehe die Gefahr, dass es in diesem Fall zu gar keiner Vereinbarung kommen werde und die Verhandlungen vom Scheitern bedroht seien. Das deutsche Angebot wurde von sechs auf acht Milliarden Mark erhöht, wobei die Wirtschaft fünf Milliarden zahlt, die Bundesregierung drei. Polen besteht auf einer Entschädigung aller 500 000 Zwangsarbeiter, unter ihnen 200 000 Menschen, die in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Dieter Wiefelspütz, rechnet damit, dass sich 500 Unternehmen an der Entschädigung beteiligen werden. Nach Abschluss der Gespräche spätestens zu Weihnachten und der dann folgenden Rechtssicherheit werde die Zahl der Firmen «erheblich» steigen. Der US-Präsident Bill Clinton hat zwar ein «Statement of interest» angeboten, wonach Zwangsarbeiterklagen gegen die Interessen der USA verstiessen. Aber kein amerikanischer Richter muss aus diesem Grund eine Klage abweisen. Der Sprecher der Stiftungsinitiative, Wolfgang Gibowski, sagte, es ist zahlreichen Firmen sehr schwer gefallen, Schuld einzugestehen. «Viele Firmen haben mit grosser Zurückhaltung ihre Geschichte aufgearbeitet.» Im Zivilprozess um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter hat der Autozulieferer und Elektronik-Konzern Bosch einen Vergleich strikt abgelehnt. Die Anwälte von zwei Dänen, die als Insassen eines Gefängnisses 1944 ein Jahr lang Zwangsarbeiter bei Bosch waren, fordern insgesamt rund 39 000 Mark. Ein Anwalt des Unternehmers sagte, ein individueller Vergleich gefährde möglicherweise die Initiative der deutschen Industrie, der Bosch beigetreten sei. Die Ansprüche der Kläger seien «rechtlich nicht begründet». Eine Umfrage des Forschungsinstituts Medien-Tenor zeigt, dass die einseitige, auf materielle Fragen abgestellte Berichterstattung über die Entschädigung von Zwangsarbeitern den latent vorhandenden Antisemitismus in Deutschland und das böse Stereotyp der raffgierigen Opfer gestärkt hat. Für Unmut sorgte die Praxis, dass die Jewish Claims Conference für die Verteilung von Geldern in den USA 15 Prozent Bearbeitungsgebühr berechnet. Die Präsidentin der Jüdischen Gemeinde in München, Charlotte Knobloch, kritisierte «das Gefeilsche um die Entschädigung». Es sei eine unheimliche Schande, dass nur so wenige Firmen bereit seien zu zahlen. Knoblich forderte den Gesetzgeber auf, tätig zu werden, damit die Industrie Entschädigung zahlt.