Einheit und Zusammenhalt
Die hohen Feiertage sind vorbei, die liturgischen Klänge vielleicht noch in den Ohren. Die einen spürten Solidarität oder Einheit. Aber was sind ausserdem die gemeinsamen Nenner der Juden? Es ist «schalom bait», der Friede innerhalb des jüdischen Hauses, der im Judentum eine tragende Rolle spielt.
In den letzten 100 Jahren haben wir hier in Zürich statt einer Einheit unter einem gemeinsamen Dach eher die Tendenz erlebt, dass die Austrittsgemeinden die Gemeinschaft neu segmentiert haben. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen in naher bis mittlerer Zukunft nicht mehr möglich: Administration, Sozialwesen, Friedhof und Bestattungen, Aussenpolitik und letztlich Aspekte der Jugend- und Erziehungsarbeit sollten gemeinsam bestritten und damit Kräfte und Fachwissen gebündelt und optimal genutzt werden.
Sicherlich ist es eine unzeitgemässe Wunschvorstellung, dass sich alle Richtungen zusammenschliessen, um diese Aufgaben zu realisieren. Die Ultraorthodoxie wird einem solchen Zusammenschluss keine Hand bieten, und eine Zusammenarbeit scheint gerade auf dem Platz Zürich unerreichbar. Angesichts der auseinanderdriftenden Vorstellungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaften fragt sich, wie Einheit gewahrt werden soll und worauf sie gründen könnte.
Einheitsgemeinden sehen sich mit verschiedenen Wünschen, Aktionen und Untergruppen konfrontiert, die schwierig unter einen Hut zu bekommen sind. Ein einheitliches Auftreten, sei es nach innen oder nach aussen, wird somit immens erschwert.
Die Realität wird uns zu einem einheitlicheren Auftreten führen, ja zwingen. Dies zeigt sich bereits heute in Europa in Gemeinden, die sich zwar orthodox nennen und auch als solche geführt werden, deren Mitglieder jedoch zum überwiegenden Teil nicht religiös sind. Die Mehrheit dieser Gemeindemitglieder will mit dieser alteingesessenen Tradition nicht brechen: Der Wunsch, an seiner Jahrzeit in einem Minjan zu beten, ist der Imperativ an die Gemeinde, dafür besorgt zu sein, dass an 365 Tagen im Jahr auch tatsächlich ein Minjan stattfindet. Der Wunsch, manchmal an Schabbat, aber sicher an den hohen Feiertagen einem würdigen Gottesdienst beizuwohnen, ist der Imperativ an die Gemeinde, für einen Vorbeter und einen Thoravorleser
besorgt zu sein. Der Wunsch der Gemeindemitglieder, vom Rabbiner eine Chupa richtig durchführen zu lassen, ist der Imperativ an die
Gemeinde, für eine Mikwa und ihren Unterhalt zu sorgen.
Der Imperativ ergibt sich aus der Erwartung der einzelnen Mitglieder an die Gemeindeorgane, dass sie für die Einhaltung der Gesetze sorgen. Diese «Delegation der religiösen Pflichten und Belange» soll die Kontinuität der Tradition und den Erhalt des Wissens um die praktischen Pflichten gewährleisten. In dieser «Stellvertreterorthoxie» wird die Gemeinde oder werden ihre Institutionen zu einem Garanten dafür, dass der Einzelne nach persönlichem Bedarf oder Wunsch auf eine funktionierende religiöse Infrastruktur zurückgreifen kann.
Auch in der Schweiz kennen wir solche Modelle. Die Einheitsgemeinden werden orthodox geführt, rund 80 Prozent der Mitglieder leben säkular oder traditionell. Es reicht nicht, sich nur zu einer orthodoxen Gemeinde zu bekennen, ohne dass der Einzelne dafür auch seinen Beitrag leistet, da nicht alle religiösen Dienste
allein mit Geld gewährleistet, also erkauft werden können.
Damit verbunden ist auch die Frage, wie oder was vom Judentum an die Jugend und an die nächsten Generationen tradiert werden soll. Es versteht sich von selbst, dass Erziehung zum Jüdischen auf verschiedenen Ebenen stattfinden muss, einerseits auf dem religiösen Weg, aber auch das jüdisch-politische und kulturelle Element wird anderseits vermehrt eine Rolle spielen, um Jugendliche an die Gemeinde, ja ans Judentum überhaupt, binden zu können.
In der «Jerusalem Post» vom 27. September beschreibt eine Rabbinerfrau, wie sie Menschen, die nur an drei Tagen, nämlich an Rosch Haschana und Jom Kippur in die Synagoge kommen, beobachtet und feststellt, dass sich diese langweilen, da ihnen die Atmosphäre des Gebets und die Abfolge der Liturgie fremd sind. Um solche Gefühle zu vermeiden und damit zu riskieren, dass es zu einem «Drei-Tage-
Synagoge-Absitzen» wird, besteht der Anspruch, dass die Gesänge des Vorbeters vertraut und schön anzuhören sein sollen und die
Rede des Rabbiners das Publikum ansprechen und die Menschen mit ihren Problemen und Zweifeln mit der praktizierenden Religion dort abholen soll, wo sie sich befinden.
Wenn sich die Gemeinde ideologisch in den Dienst ihrer Mitglieder stellen will, muss sie es den Mitgliedern ermöglichen, sich – ähnlich wie in einem Warenhaus – verschiedener Dienste zu bedienen. Dies ist dann möglich, wenn sich Orthodoxe, Traditionelle und Konservative oder Liberale mit jeweils ihrem eigenen Rabbiner in gegenseitiger Toleranz unter einem Dach befinden. Dieses Dach kann nur funktionieren, wenn Hausregeln aufgestellt werden, die für alle tragbar sind.
Wenn von jeweils einem eigenen Rabbiner gesprochen wird, so sollten diese Rabbiner über eine traditionell religiöse Ausrichtung und Ausbildung verfügen. Die Ausbildung sollte akademischem Standard entsprechen. Die Grundhaltung muss jedoch tolerant sein.
Wenn beispielsweise Übertritte idealerweise orthodox vollzogen werden sollten, so soll es doch einem Liberalen möglich sein, auf seine Weise Übertritte zu regeln. Bei einer Heirat ginge es dann aber nach der strengeren Seite und ein Übertritt müsste in diesem Falle nochmals gemacht werden.
In der Theorie ist klar: Juden dürfen sich untereinander nicht mehr weiter separieren, sondern müssen zusammenhalten, wenn Gemeinden und jüdische Gemeinschaften überleben wollen.
André Bollag ist Co-Präsident der Israelitischen
Cultusgemeinde Zürich.