Einfluss auf zeitgenössisches Denken
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er Begriff «Schule» muss angesichts des resolut institutionskritischen Denkens der Frankfurter Schule misslich erscheinen. Der radikal kritische Ansatz, wie ihn Max Horkheimer (1895–1973) und Theodor W. Adorno (1903–1969) unter anderem in Anlehnung an Walter Benjamin (1892–1940) entwickelt haben, hat für Generationen von hoffnungsfrohen Studenten und kritischen Denkern befreiend gewirkt. Die emanzipatorische Sprengkraft ihres kritischen Denkens hat ihren Effekt nicht eingebüsst und bildet nach wie vor eine Quelle der beschwingenden Inspiration. Von Foucault zu den feministischen postkolonialen Kritikern, den Postmarxisten und zur sogenannten Dekonstruktion und zum Diskurs um die Postmoderne: Sie alle sind Kinder, Enkel und manchmal auch Wechselbälge eines kritischen Denkens, dessen subversiver und emanzipatorischer Impuls seine Anziehungskraft gerade in der Folge von Bologna und den unerbittlichen Verschulungszwängen erneut unter Beweis stellt. Adornos Lieblings- und Leitmotiv lautete «Bange machen gilt nicht!» Für Adorno stellte die Rede vom «positiven Denken» nicht nur fahrlässiges Denken dar, sondern es kennzeichnete den Verrat am Denken überhaupt. Woher aber stammt die geradezu revolutionäre Stosskraft eines solchen Denkens und seine erstaunlich tiefgreifende Resonanz bis auf den heutigen Tag? Und war es ein Zufall, dass die Väter der Kritischen Theorie Juden waren? Michael Löwy hat in einer bemerkenswerten Studie auf die geradezu revolutionäre Sprengkraft der Wahlverwandtschaft der europäischen Juden im deutschen Kulturraum mit der Romantik hingewiesen. Die Besonderheit der begeisterten Aufnahme der Romantik durch das emanzipierte, liberale europäische Judentum schuf um die Jahrhundertwende eine Konstellation, in der sich Impulse messianischen und utopischen Denkens zu einer neuen schöpferischen Gestalt kristallisierten. Zwischen 1878 und 1903 geboren, gehören Denker und Autoren wie Martin Buber, Franz Kafka, Franz Rosenzweig, Siegfried Kracauer, Georg Lukács, Walter Benjamin, Max Horkheimer, Gershom Scholem, Erich Fromm und Theodor Adorno zu den Exponenten einer ganzen Generation europäischer Juden, deren schöpferische Vision schon bald zu einem Vermächtnis werden sollte.
Einspruch gegen Vereinnahmung
Als Vermächtnis wirkt ihr kritisches Denken gerade deshalb mit so überragender Wirkungskraft fort, weil die emanzipatorische Stosskraft noch immer ihrer vollständigen Verwirklichung harrt. Die besondere Bedeutung der Kritischen Theorie hat ihre Quelle in der Art und Weise, wie sie die Singularität und Besonderheit des Einzelnen in einer fruchtbaren Spannung zum Allgemeinen begreift – eine Spannung, welche die traditionelle Forderung nach Anpassung, Unterwerfung und Gleichschaltung gerade in ihrer Form partikularer – das heisst: einseitiger – Herrschaft als problematisch ausweist, wo sie sich im Namen des «Universalen» zu dessen Stellvertreter aufwirft. Mag sich dieses Universale in Gestalt der einen oder anderen Gesellschafts-, Staats-, oder Wirtschaftsdoktrin präsentieren, Kritische Theorie entblösst die Insistenz auf die restlose Eingliederung jeglicher Andersheit als eine Form totalitären Herrschaftsdenkens, die das Projekt jeglicher echter Vision von Universalität gerade verhindert und letztlich zerstört.
Dem gegenüber vertritt die Kritische Theorie die Einsicht, dass Besonder- und Allgemeinheit als dialektisch miteinander korrespondierende Wechselbegriffe zu verstehen sind, wobei die Singularität jedes Einzelnen mit seiner besonderen Geschichte und Individualität dem Bestreben begrifflicher Eingliederung Widerstand bietet. Sie markiert energischen Einspruch gegen jegliche Vereinnahmung welchen Anspruchs auch immer, wo dies auf Kosten der Integrität der Singularität geschieht. Solchen Ansprüchen hält die Kritische Theorie entgegen, dass jede Form von Rationalität immer auch schon eine Form von Rationalisierung darstellt, wie Freud das Vermögen bezeichnete, Gründe so zurechtzubiegen, dass sie mit jeder herrschenden ideologischen Präferenz nahtlos übereinstimmen. Denn letztlich wird solche Rationalität immer schon als blosses Werkzeug von den gerade herrschenden Interessen für ihre eigenen Zwecke eingespannt. Der strenge Ideologieverdacht der Kritik, die bereits bei Marx die verfestigten Zustände dadurch zum Tanzen und zur Auflösung bringen sollte, dass sie diesen ihre eigene Melodie vorpfiff, war denn auch das Programm der Frankfurter Schule. Bereits Benjamins Ansatz, durch Montage von Originalzitaten Konstellationen im hellen Licht der Kritik aufscheinen zu lassen, bediente sich der Methode, durch Gegenüberstellung und Kontrast die Zustände in Bewegung zu bringen. Dieses Denkmotiv findet sich auch bei Nachfolgern der Frankfurter Schule wieder. Das Motiv der Entzauberung als der emanzipatorischen Tat kritischer, und das heisst sich ständig selbst hinterfragender, Vernunft bezeichnet so die zentrale Denkfigur der Kritischen Theorie.
Die «Minima Moralia»
Der genaue Zusammenhang zwischen kritischem Denken und rettender Kritik findet sich in bildhafter Verdichtung an einer entscheidenden Stelle in Adornos auch noch für den heutigen Leser besonders zugänglichen Sammlung von Aphorismen, den Minima Moralia. In den Jahren 1944 bis 1948 niedergeschrieben, stellen diese «Reflexionen aus einem beschädigten Leben», wie der Untertitel lautet, eine dicht komponierte Blütenlese klarsichtiger und unnachgiebiger Kritik und Selbstkritik dar. Im abschliessenden Aphorismus hält Adorno den zentralen Impuls der Kritischen Theorie mit programmatischem Staccato fest. Dabei knüpft er an eine Beschreibung an, die er zehn Jahre früher in einem Brief an Walter Benjamin aufgrund der Lektüre von dessen Aufsatz zu Kafkas zehntem Todestag 1934 notiert hatte. Die Kafka’sche Ambience von Adornos Schlusspunkt spielt eine entscheidende erkenntniskritische Rolle, wirft aber auch ein wichtiges Licht auf die bemerkenswerte Familienähnlichkeit von Kritischer Theorie und jüdischer Tradition. Ist es doch gerade die messianische Perspektive – und zwar eines dezidiert jüdisch verstandenen Messianismus, der gerade Eschatologie und Apokalypse widersteht –, welche das kritische Denken der Frankfurter Schule auszeichnet. So schreibt Adorno: «Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: Alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik.»
Dieser Standpunkt aber ist kein gesicherter Punkt auf der festen Erde, sondern ein spekulativ dialektischer Sprung, dessen selbstreflexive Bewegung den Standpunkt schöpferisch in Kafka’scher Weise im Bodenlosen begründet, dem einzigen Ort, an dem sich erkenntniskritisch überhaupt etwas begründen lässt. Adorno schreibt weiter: «Perspektiven müssten hergestellt werden, in denen die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im messianischen Lichte daliegen wird.»
Bemerkenswerterweise ist es hier wie bei Kafka nicht das messianische Licht, das alles in Verklärung taucht, sondern gerade umgekehrt besteht die messianische Kraft gerade darin, die Welt erst einmal in ihrer Verfallenheit aufscheinen zu lassen, und zwar, wie der folgende Satz deutlich macht, frei von apokalyptischen Visionen:
«Ohne Willkür und Gewalt, ganz aus der Fühlung mit den Gegenständen heraus, solche Perspektiven zu gewinnen, darauf allein kommt es dem Denken an. Es ist das Allereinfachste, weil der Zustand unabweisbar nach solcher Erkenntnis ruft, ja, weil die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefasst, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschiesst. Aber es ist auch das ganz Unmögliche, weil es einen Standort voraussetzt, der dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist, während doch jede mögliche Erkenntnis nicht bloss dem, was ist, erst abgetrotzt werden muss, um verbindlich zu geraten, sondern eben darum selber auch mit der gleichen Entstelltheit und Bedürftigkeit geschlagen ist, der sie zu entrinnen vorhat.»
Von Benjamins Kafka-Aufsatz inspiriert, hatte Adorno in seinem Brief an Benjamin 1934 festgehalten, Kafka «sei eine Fotografie des irdischen Lebens aus der Perspektive des erlösten, von dem nichts darauf vorkommt als ein Zipfel des schwarzen Tuches, während die grauenvoll verschobene Optik des Bildes keine andere ist als die schräg gestellte Kamera selber».
Adorno sah so Kafkas Werk gleichsam als «Negativ der Wahrheit». Und wie für Kafka stellt Erlösung auch für Adorno und die Kritische Theorie keine bloss religiöse, sondern ebenso auch eine existenzielle und damit soziale und politische Kategorie dar, deren Gültigkeit nicht davon abhängt, ob es sie gibt oder nicht, sondern entscheidender, ob wir sie als solche zum Gesichtspunkt unserer Erkenntnis zu machen verstehen. So schliesst denn dieser Aphorismus und mit ihm die Minima Moralia, das heisst das Minimalprogramm zu einer Ethik im Angesicht von Auschwitz und der Gefahr vollständiger Enthumanisierung zwischen den Fronten des Kalten Kriegs, mit einem nachhaltig erkenntniskritischen trotzdem und gerade deshalb: «Je leidenschaftlicher der Gedanke gegen sein Bedingstein sich abdichtet um des Unbedingten willen, um so bewusstloser, und damit verhängnisvoller, fällt er der Welt zu. Selbst seine eigene Unmöglichkeit muss er noch begreifen um der Möglichkeit willen. Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Erlösung selber fast gleichgültig.»
Das könnte Kafka geschrieben haben. Oder Walter Benjamin. Und dem Gehalt nach ebenso auch kein geringerer als der grosse Philosoph des Mittelalters, Maimonides, gedacht haben. Die Ausführungen von Maimonides zum Messianismus laufen letztlich auf dieselbe Pointe hinaus. Und dennoch ist es gerade die besondere Diktion und deren konzeptionelle Schärfe, wie dieser Gedanke gefasst ist, die zur Signatur der Kritischen Theorie geworden ist. ●
Willi Goetschel ist Professor für Deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Toronto, Kanada. Er ist Herausgeber von «Bamidbar», einer Zeitschrift für jüdisches Denken und Philosophie.