Eine wundersame Wandlung
Stellen Sie sich folgende Szene vor: Vier Rabbiner sitzen stundenlang um einen Tisch vor ihren geöffneten Talmudfolianten und debattieren darüber, ob ein Jude, der neben dem Eingang zu seiner Villa noch über ein weiteres Eingangstor verfügt, an diesem eine Mesusa aufhängen muss. Die Szene spielte sich weder in einer Synagoge im Borough Park von Brooklyn ab noch in einer Jeschiwa von Lakewood, sondern in einem «kollel» (Talmud-schule für verheiratete junge Männer) in Dallas, Texas. Erstaunlich viele charedisch-orthodoxe Juden haben sich dort angesiedelt. Ausschlaggebend für diese Entwicklung sind die Rabbiner der 1992 gegründeten Dallas Area Thora Association (DATA), die ein breites Spektrum von Vorlesungen für Erwachsene in Bereichen wie jüdische Philosophie, Bibelkunde, Gebete für Anfänger und Hebräisch anbietet. Die fast durchweg gratis angebotenen Programme sind so beliebt geworden, dass sie inzwischen jedes Jahr Tausende von Studenten anziehen.
Ein aktives Gemeindeleben
Im Gegensatz zu den Chassidim von Chabad Lubavitch, die zum Bild jüdischer Viertel in aller Welt gehören, zählen die DATA-Rabbiner zur litauischen Jeschiwa-Gemeinschaft. Diese Strömung des charedisch-orthodoxen Judentums wurde im 18. Jahrhundert als Protest gegen die chassidische Bewegung mit ihrer Betonung von Mystizismus und persönlichem religiösen Erleben gegründet worden. Obwohl die kompromisslose Opposition der Gruppe zum den Chassidismus inzwischen leicht zurückgegangen ist, beschäftigen beide Gemeinschaften immer noch ihre eigenen Rabbiner und betreiben eigene Schulen und Gemeindeinstitutionen.
Es ist offiziell nicht bekannt, wie viele Familien sich seit der DATA-Gründung der orthodoxen Richtung angeschlossen haben. Laut Gary Weinstein sind es bereits Hunderte von Familien. Weinstein, der 57-jährige Präsident der Jewish Federation of Greater Dallas, berichtet, dass diese Familien dank DATA heute ein aktiveres jüdisches Gemeindeleben führen.
Interesse an der eigenen Religion
Der in Dallas geborene und aufgewachsene Weinstein erinnert sich, dass es in der Stadt in seiner Jugend kein koscheres
Restaurant gab. Heute gibt es in Dallas sechs Koscher-Restaurants, zehn orthodoxe Synagogen, drei charedisch-ortho-doxe Talmud-Hochschulen und eine modern-orthodoxe Tagesschule. «Dass wir zum Mekka der traditionellen Gemeinschaft geworden sind, ist wie ein Wunder», sagt Weinstein.
In einem charedischen «kollel» lernen vor allem verheiratete Männer, die für ihre Studien monatliche Stipendien erhalten. Mittlerweile ist in den USA unter dem Namen «Gemeinde-Kollel» eine neue Institution entstanden, in der die Rabbiner den Talmud studieren, aber auch Juden – egal ob Gemeindemitglieder, Männer oder Frauen – in Thora unterrichten.
Dallas liegt im «Bibel-Belt», in dem evangelikale Christen die Kultur wesentlich prägen. Als die Juden beobachteten, wie ernst ihre christlichen Nachbarn ihre Religion nahmen, fühlten sich viele von ihnen veranlasst, sich ihrerseits Fragen über ihr eigenes religiöses Erbe zu stellen. Larry Kosowsky, der in einem konservativ-jüdischen Heim in Wisconsin aufwuchs, berichtet, wie sein Interesse an der Orthodoxie geweckt wurde, als ein Freund versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass Jesus der Messias sei. «Meine Frau Karen und ich waren seinen Argumenten einfach nicht gewachsen», sagt er. Als DATA gegründet wurde, wandte Kosowsky sich in der Angelegenheit an einen seiner Rabbiner. Dieser gab ihm ein Buch zu lesen, und es dauerte nicht lange, bis die Kosowskys Einladungen zu Schabbat-Mahlzeiten bei den Familien von DATA-Rabbinern annahmen. «Schliesslich richteten wir einen koscheren Haushalt ein und begannen, Schabbat einzuhalten», sagt er.
Gemischter Unterricht
Mit Ausnahme der Talmudvorlesungen wird bei DATA Unterricht für Männer wie für Frauen angeboten, die Kurse sind gemischt. Unlängst begann Rabbi Bentzi Epstein, der Direktor von DATA, einen fünfwöchigen Kurs unter dem Namen «Spirituality 101». Epstein stammt aus Monsey, New York, das eine starke charedische Bevölkerung hat. Zusammen mit seiner Frau Batya liess er sich in Dallas nieder, wo beide zu den Gründern von DATA gehören. Batya verwaltet die lokale Mikwa (rituelles Bad), das Ehepaar hat acht Kinder.
Oscar Rosenberg, dessen Vater ein Holocaust-Überlebender war, lud die Epsteins und andere Rabbiner nach Dallas ein. Zusammen mit zwei Brüdern hat sich Rosenberg dem orthodoxen Judentum zugewendet. Er war davon überzeugt, dass die Gemeinde von einem «kollel» nur profitieren könne. Jedes Jahr organisiert der «kollel» nun in einem nahen Hotel Ferien für Familien, und im Juni entsandte er eine Frauendelegation nach Israel.
Laut Weinberg besteht der wertvollste Beitrag von DATA darin, dass sie in Dallas die erste auf Erwachsenenbildung ausgerichtete jüdische Gemeindeinstitution der Gegend errichtet hat. «Am Anfang waren die Menschen misstrauisch, warum nicht traditionelle Juden zu den Unterrichtsstunden eingeladen wurden. Sie machten sich Sorgen, dass konservative und Reformjuden zum orthodoxen Lebensstil «bekehrt» würden. Es dauerte eine Weile, bis sie unsere Ausrichtung und unsere Ziele erkannt haben.
Die Autorin ist Redaktorin beim «Forward», bei dem eine Version dieses Artikel erschienen ist.