Eine winzige Gemeinde ruft zum Frieden auf
«Wir, die Juden Mazedoniens, machen uns grosse Sorgen über die gegenwärtige Gewalt, welche die multi-ethnische Harmonie und den demokratischen Dialog zu zerstören droht, die das kleine, aber stolze und unabhängige Land, in dem wir leben, bisher geprägt haben.» Das erklärte Viktor Mizrachi, der Präsident der kleinen lokalen jüdischen Gemeinde, während eines Treffens des Instituts für inter-ethnische Beziehungen in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. «Wir fürchten um die Einheit unseres Landes», fuhr Mizrachi fort, «und um das Gleichgewicht unserer Region. In dieser Krise ersuchen wir die Juden und jüdischen Organisationen und Gemeinden in aller Welt sowie alle Menschen guten Willens, ihre Stimmen zu erheben, um die Ideale des Friedens uns des gegenseitigen Verständnisses zu verteidigen, und um die Stabilität der Republik Mazedonien zu beschützen.»
Als einziges Land, das durch das Auseinanderfallen des kommunistischen Jugoslawiens entstanden ist, hat Mazedonien im vergangenen Jahrzehnt nicht unter Kriegen leiden müssen. Seit kurzem aber kämpfen mazedonische Regierungstruppen und Polizei gegen ethnisch-albanische Rebellen unweit der Grenze zwischen Mazedonien und Kosovo. Lokale und internationale Warnungen vor einer Ausweitung des Konfliktes verhallten bisher ungehört.
In Mazedonien leben nur rund 200 Juden, doch diese in sich geschlossen und starke Gruppe setzt sich für eine Wiederbelebung der jüdischen Traditionen, der jüdischen Identität und des jüdischen Lebens gemeinhin ein. Die nationale Führung des Landes hat ihre Anwesenheit als ein wichtiges Symbol in einem Staat anerkannt, der sich für ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen ethnischen Gruppen einsetzt. Im letzten Jahr hat die Gemeinde die wahrscheinlich erste Synagoge eingeweiht, die nach dem 2. Weltkrieg auf dem Balkan erbaut worden ist. «Als Juden», sagte Mizrachi, «geniessen wir alle Rechte in Mazedonien und pflegen warme Beziehungen zu all den vielen ethnischen Gruppen und Völker, welche dieses Land prägen.» Erst vor rund zehn Tagen haben Vertreter von Regierung, religiöse Persönlichkeiten und Repräsentanten anderer ethnischer Gruppen zusammen mit den mazedonischen Juden den Jahrestag der Deportation und Vernichtung der jüdischen Gemeinde im 2. Weltkrieg begangen. Zudem hat laut Mizrachi die Koalitionsregierung, in der sowohl mazedonische als auch ethnisch-albanische Parteien sitzen, versprochen, in Skopje ein Holocaust-Zentrum zu bauen. Zudem ist ein Gesetz verabschiedet worden, das die Rückerstattung von Vermögenswerten an Individuen und an die Gemeinde regelt.
Die Juden Mazedoniens haben sich den Respekt der Allgemeinheit erworben, indem sie ohne Ansehen von Herkunft und Religion Bürgern und Flüchtlingen geholfen haben. Zu Beginn der Kosovo-Krise 1999 hat die Gemeinde die jüdisch-humanitäre Hilfsorganisation Dobra Volja gegründet, welche Flüchtlinge jeglicher Nationalität aus dem Kosovo unterstützte und auch bedürftigen Mazedoniern half. Dobra Volja seinerseits geniesst die Unterstützung einer internationalen Allianz jüdischer Organisationen wie des «Joint», des American Jewish Committee, des britischen World Jewish Relief, jüdischer Organisationen aus Belgien und der Schweiz.
JTA