Eine wechselhafte Freundschaft
von Gisela Dachs
Die deutsch-israelischen Beziehungen haben einen weiten Weg hinter sich. Wer am Tag der Deutschen Einheit zum Empfang in die Residenz des deutschen Botschafters nach Herzlia kommt, der findet kaum Platz in dem überfüllten Garten. Vielen israelischen Führungskräften gilt Deutschland heute politisch und wirtschaftlich, wissenschaftlich und technologisch als zweitwichtigster Partner nach den USA. Es gibt mittlerweile über 100 Städte- und Kreispartnerschaften, einen regen Jugendaustausch und Reisebetrieb sowie enge kulturelle und zivilgesellschaftliche Verbindungen.
Nach der Staatsgründung hätte in Israel diese Entwicklung niemand für möglich gehalten; damals wurde jedem Deutschen die Einreise nach Israel und jedem Israeli die Reise nach Deutschland verboten. Bis 1956 stand in jedem israelischen Pass der Vermerk: Für alle Länder der Welt «mit Ausnahme Deutschlands». Mit dem Land, das für den Holocaust verantwortlich war, wollte man nie wieder etwas zu tun haben.
Doch nationale israelische Interessen, eine deutsche Moral- und Realpolitik vor dem Hintergrund weltpolitischer Entwicklungen sowie eine ganze Reihe von bilateralen Verträgen führten schliesslich doch zur Annäherung. Die 60-jährige Geschichte des besonderen deutsch-israelischen Verhältnisses spiegelt auch die jeweiligen Veränderungen innerhalb der beiden Gesellschaften wider: Ob es um den Umgang mit der Vergangenheit geht, um die Rolle des Holocaust im nationalen Selbstverständnis, die sich wandelnde eigene Identität oder den Einfluss des europäischen Einigungsprozesses.
Annäherung durch Abkommen
Den Grundstein für die bilateralen Beziehungen bildete das Wiedergutmachungsabkommen: Es war im September 1952 in Luxemburg vom israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion und dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer unterzeichnet worden.
Beide Regierungschefs setzen sich damit gegen massive Widerstände in Kabinett, Parlament und bei der Bevölkerung durch. Die Deutschen, die noch nichts vom bevorstehenden Wirtschaftswunder ahnten, sahen ihr Land in Trümmern liegen und wollten alles andere als an ihre Verbrechen erinnert werden. Und die Israeli wollten kein Geld als Entschädigung für den millionenfachen Mord an ihren Verwandten annehmen. Auch nicht für ihre erlittenen physischen und psychischen Wunden. Hinzu kam das irreführende deutsche Wort «Wiedergutmachung» – als ob die Ermordeten wieder zum Leben erweckt werden könnten.
Formal handelte es sich um eine «globale Aufwandentschädigung» für die Integrationskosten all jener «entwurzelten und enteigneten jüdischen Flüchtlinge» aus Deutschland und jenen Gebieten, die sich vormals unter deutscher Herrschaft befunden hatten. Insgesamt leistete die Bundesrepublik von 1952 bis 1965 Wiedergutmachung in Höhe von 3,4 Milliarden Mark. Die Entschädigung wurde vor allem in Sachwerten ausbezahlt, was den Weg für spätere Handelsbeziehungen bahnte, von denen die deutsche Wirtschaft heute noch profitiert. Ohne diese eigennützige Unterstützung aber wäre der junge Staat Israel vermutlich nicht so schnell auf die Beine gekommen. Das hatte vor allem David Ben Gurion pragmatisch im Blick, als er sich mit Adenauer einigte. Der erste israelische Ministerpräsident konnte sich auch damals schon vorstellen, dass Deutschland irgendwann in der Zukunft womöglich wieder wichtig werden würde. Adenauer wiederum verfolgte mit dem Wiedergutmachungsabkommen nicht nur eine reine Moralpolitik. Ihm war klar, dass der Weg zurück in die Weltgemeinschaft über die Aussöhnung mit den Juden führte. Seine Beziehungen zu Ben Gurion stellten somit eine Art Gütesiegel für ein neues Deutschland dar. Adenauer glaubte aber auch an den Einfluss der Juden auf der Welt, als er die Verbindung zu Israel suchte.
Da die Wiedergutmachung vor allem in Sachwerten eintraf, bahnten sich – trotz aller israelischen Widerstände – auch zwischen den Bevölkerungen die ersten Nachkriegsbeziehungen an. Die Israeli trafen notgedrungen mit den angereisten deutschen Fachleuten zusammen, die sie mit KFZ-Teilen, Lokomotiven und Schiffen vertraut machen sollten. Auch gab es unter den Jeckes, jenen aus Deutschland stammenden Juden, die sprachlich und kulturell ihrer einstigen Heimat verbunden geblieben waren, so manche, die sich bereitwillig auf einen Dialog mit diesen Besuchern einliessen. Sie gelten als die eigentlichen Brückenbauer der deutsch-israelischen Beziehungen. Es waren auch ehemalige deutsche und österreichische Staatsbürger, die nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1965 als erste israelische Botschafter nach Bonn gingen. (Deutschland ist bis heute der einzige Posten, den ein israelischer Diplomat ablehnen darf).
Doch nicht nur die Nazivergangenheit sei damals für die Mehrheit der israelischen Bevölkerung die grösste Hemmschwelle für Kontakte mit den Deutschen gewesen, so der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor, sondern der Umgang mit Deutschland in der Gegenwart. «Die Deutschen verschleierten ihre Identität, wollten sich nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Mit Heuchlern, die vorgaben, nichts gewusst zu haben, wollte man keinen Dialog führen.»
Späte Auseinandersetzung mit dem Holocaust
In Deutschland übte man sich nach 1945 in der Kunst des Verdrängens. Die Nazivergangenheit wurde aus dem öffentlichen Diskurs entweder ganz ausgespart oder geleugnet oder geschönt. Auch im Familienkreis galt das Thema als tabu. Eines der Hauptmotive der deutschen Studentenrevolte von 1968 war es, die Wahrheit über die Generation der Väter ans Licht zu bringen; eine Generation, die sich am liebsten nur als Opfer dargestellt hätte. Zehn Jahre später führte dann auch die amerikanische Fernsehserie «Holocaust» zu hohen Einschaltquoten und einer breiten Debatte über die Vergangenheit, die allmählich ihren Weg in den Schulunterricht, die Medien und Politik fand. Heute tut jeder deutsche Politiker, der die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem besucht, seine Scham für den Massenmord an den Juden kund. Die Verantwortung für die Schoah ist «Teil der deutschen Identität», wie es Bundespräsident Horst Köhler anlässlich 40 Jahre diplomatischer Beziehungen während seines Israel-Besuchs formulierte.
Was Israeli und Deutsche somit nach dem Krieg – wenn auch aus entgegengesetzter Perspektive – einte, war ein kollektives und privates Schweigen hinsichtlich der Vergangenheit. Das israelische Establishment hatte in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung kein Ohr für Verfolgungsgeschichten. Man wollte keine Opfer mehr sein und alle Kräfte nutzen, um eine neue Identität aufzubauen und in die Zukunft zu blicken. Erst mit dem Eichmann-Prozess, der 1961 begann und die Zeugenaussagen via Rundfunk in alle Wohnungen hineintrug, begann in Israel eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust.
Den Überlebenden war es ohnehin lange schwer gefallen, über diese Zeit zu reden. Erst im Alter verspüren manche den Drang, ihre Erlebnisse doch noch der Nachwelt mitzuteilen. Was sie mit ihren Kindern nicht taten, holen sie mit den Enkeln nach. Das Interesse der israelischen Jugendlichen an der Geschichte ist heute so gross wie nie. Die Lehrpläne fordern zum Nachfragen auf. So müssen sich alle Siebtklässler in einem fast einjährigen Projekt mit dem Thema «Wurzeln» befassen. Fragen wie «Woher kommt meine Familie, wie viele haben den Holocaust überlebt?» sind Teil der israelischen Identität geworden. Der Literaturkritiker Efraim Sicher sieht darin ein «Erwachsenwerden der israelischen Gesellschaft». Diese sei heute in der Lage, individuellen Identitäten und Erinnerungen breiten Raum einzuräumen.
Je mehr Zeit verstreicht, desto wichtiger wird die Erinnerung an den Holocaust. So nimmt der alljährliche Holocaust-Gedenktag seit den frühen neunziger Jahren eine zentrale Stelle im Bewusstsein jüngerer Israeli ein – und zwar selbst unter jenen jungen israelischen Juden, deren Eltern einst aus arabischen Ländern eingewandert sind. Auch sie identifizieren sich mit der Verfolgungsgeschichte der europäischen Juden.
Das gewachsene Interesse der Jungen am Holocaust geht aber nicht etwa mit einer stärkeren Ablehnung Deutschlands einher. Anders als noch viele Israeli der älteren Generationen kaufen sie ohne zu zögern deutsche Waren, können sich für deutschen Fussball begeistern und hören neuerdings sogar deutsche Musik. Tokyo Hotel und Rammstein gehören zu den Lieblingsbands der israelischen Teenager. Und in der deutsch-israelischen DJ-Szene werden per Internetübertragung zusammen Partys gefeiert.
Jahrelang galt es im Tel Aviver Goethe-Institut als Herausforderung, gerade die junge Generation für deutsche Themen zu interessieren. Doch die Berührungsängste bei gemeinsamen Veranstaltungen verschwinden allmählich. Den Grund sieht Amos Dolev, Programmdirektor des Goethe-Instituts, auch in der Globalisierung. «Das Kabelfernsehen hat Israel weltoffener und auch gegenüber Deutschland offener gemacht.»
Ein weiterer Gradmesser für das Verhältnis zu Deutschland ist der gesunkene Altersdurchschnitt bei Israeli, die Deutsch lernen. Lag die Hauptaltersgruppe in den Kursen beim Goethe-Institut 1996 noch zwischen 46 und 55 Jahren, so hatte sie sich acht Jahre später auf 23 bis 35 Jahre verjüngt. Nach einer Umfrage des Goethe-Instituts vom Frühjahr 2003 wollten 25 Prozent der Kursteilnehmer Deutsch lernen, um mit Freunden zu reden, 15 Prozent um Geschäftskontakte zu knüpfen, 24 Prozent um zu studieren und 21 Prozent, um dort zu arbeiten.
Vier Flugstunden beträgt die Entfernung zwischen Israel und Deutschland. Das kann wenig sein, wenn die jungen Menschen überrascht feststellen, wie ähnlich sie sich sind im Lebensstil und in ihren Geschmäckern. Aber auch eine riesige Distanz, wenn es um die Lehren aus ebenjener Vergangenheit geht, die für beide Seiten so identitätsstiftend ist: Denn wo die Deutschen immer noch gerne «Nie wieder Krieg» rufen, heisst es bei den Israeli: «Nie wieder Auschwitz.»
Diese Kluft wird besonders deutlich, wenn es um die Einschätzung von Gefahren und den Umgang damit geht. Aus deutscher Sicht mutiert da sogar Israel schnell zur Bedrohung. Nach einer Umfrage der EU-Kommission von 2003 sahen immerhin 65 Prozent der Deutschen (und 59 Prozent aller Europäer) in Israel «eine Gefahr für den Weltfrieden». Der hohe Prozentsatz aber lässt sich nicht allein auf objektive Tatbestände zurückführen. Denn das konkrete Wissen über Israel und den Nahostkonflikt hält sich meist auch in Deutschland in Grenzen. Entlastung und Schuldabweisung spielen ihren unbewussten Part. «Wir haben unsere Lektion gelernt», ist das eine Motiv, «die Nachfahren der Opfer gebärden sich wie unsere Vorväter» das andere. So schrumpft die geerbte Last und das Selbstgefühl wächst. Dass Israel trotz seiner militärischen Stärke nach wie vor in einen Existenzkampf verstrickt ist, wird ignoriert. Aus sicherer Entfernung lassen sich die universellen humanistischen Grundsätze, die viele Deutsche nach dem Holocaust verinnerlicht zu haben glauben, leichter anwenden – und gegebenenfalls eben auch gegen Israel anwenden. Das Schwanken zwischen moralischer Verpflichtung und Ressentiment im Hinblick auf Israel gehört zur deutschen Realität. Zur eigenen Entlastung mag auch der neuere Trend beitragen, deutsche Opfergeschichten von Vertreibungen und anderen Schicksalen zu erzählen. Solche Leidensgeschichten dienen oft auch als Schutzschild, mit dem sich das Leid der NS-Opfer im Nachhinein relativieren lässt.
Bei Begegnungen zwischen Israeli und Deutschen stehen die israelische Gegenwart und die deutsche Vergangenheit immer mit im Raum. Das führt dazu, dass Israeli sich Deutschen gegenüber offener als umgekehrt verhalten, weil sie ihnen im Normalfall «nur» Vergangenes entgegenhalten können, sich aber dessen bewusst sind, dass es keine persönliche Verantwortung der Nachgeborenen gibt. Deutsche hingegen sind auch einzelnen Israeli gegenüber zunehmend distanzierter, weil sie ihnen kollektive Verantwortung für Gegenwärtiges aufbürden.
Neue Herausforderungen
Auch was ihre Selbstbetrachtung angeht, haben sich die beiden Länder unterschiedlich entwickelt.
Israeli haben lange den Schild einer «überaus selbstbewussten nationalen Selbstpräsentation» benutzt, die jetzt eine kritische und schmerzhafte Phase der Neubewertung durchläuft. Deutschland hingegen kann sein Wiedererstarken als wichtigste wirtschaftliche und politische Macht Europas feiern, nachdem es eine lange Periode internationaler und interner Kritik durchlaufen hat.
Verändert hat sich auch die Jugend. Der Jugendaustausch war einst der Wegbereiter für die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Jugendaustausch gab es schon, bevor 1965 erstmals Botschafter ausgetauscht wurden. Konrad Adenauer und David Ben Gurion hatten sich dafür eingesetzt; der deutsche Kanzler hatte das deutsch-französische Jugendwerk als Modell im Auge. Von Deutschland aus zog es auch jahrelang Jugendliche nach dem Abitur in den Kibbuz. Bis heute melden sich junge Deutsche zu einem Freiwilligendienst bei der «Aktion Sühnezeichen», die längst auch als Ersatzdienst für die Wehrpflicht anerkannt wird. Viele Verbindungen, die während dieser Aufenthalte geknüpft wurden, halten ein Leben lang.
Zugleich aber ist es heute schwieriger als noch vor 20 Jahren, deutsche Teilnehmer für den organisierten Jugendaustausch zu gewinnen. Der Grund dafür sind veränderte Lebensverhältnisse, denn eine grössere Mobilität und Finanzkräftigkeit schmälert überhaupt die Attraktivität organisierter Reisen. Zudem verplanen viele Jugendliche ihre Freizeit zunehmend nach Verwertungsmotiven; ein Sprachkurs in England ist unter diesem Gesichtspunkt attraktiver als ein Israel-Aufenthalt. Hinzu kommt die neue multi-ethnische Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft: Jugendliche mit Migrationshintergrund – also aus nicht deutschen, oft muslimischen Familien – sind am Holocaust und einer Reise nach Israel nur bedingt interessiert.
In Israel wiederum war er noch nie leicht, Jugendgruppen nach Deutschland zu bringen. Denn wer an eine Reise ins Ausland denkt, der hat in der Regel zunächst andere Wunschziele vor Augen. Dass die Teilnehmer aber mittlerweile schon – wenn überhaupt – die Urenkel von Holocaust-Überlebenden sind, macht den Umgang mit Deutschland leichter. Ein Aufenthalt in Deutschland bleibt für Israeli dennoch in erster Linie ein Besuch jenes Landes, von dem der Völkermord an den Juden ausging. Dass viele junge Israeli, die nach Deutschland reisen, aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, trägt zur einer entspannteren Stimmung bei. «Die Russen reagieren anders als die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden. Sie haben die Geschichte eher aus den Schulbüchern gelernt als aus den persönlichen Erzählungen der Grosseltern. Ausserdem empfanden sie sich ohnehin als Siegermacht, was den Umgang mit Deutschland erleichtert», erzählt eine israelische Jugendbetreuerin.
Dass Juden aus der ehemaligen Sowjetunion heute lieber nach Deutschland als nach Israel auswandern, führt längst nicht mehr zu heftigen Spannungen zwischen den beiden Regierungen. Israel besteht nicht mehr so sehr wie früher darauf, die alleinige Heimat aller Juden zu sein und hat sich auch zunehmend mit der Tatsache abgefunden, dass Juden bewusst in Deutschland leben wollen.
Mittlerweile gibt es sogar unter Israeli den Trend, sich in Deutschland einbürgern zu lassen. Wer kann, lässt sich einen deutschen Pass ausstellen, der den Inhaber zum EU-Bürger macht. Im Paragraph 116 Absatz 2 im deutschen Grundgesetz heisst es: «Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen 1933 und 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern.» Mehr als 100000 Israeli haben bereits einen deutschen Pass. Der israelische Rechtsanwalt Dan Assan nennt es eine «Versicherungspolice für Krisenzeiten», doch wer einen Antrag stellt, tut es in der Regel aus ganz pragmatischen Gründen. Mit einem deutschen Pass erhält man in der gesamten EU automatisch unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis, soziale Rechte, fast kostenlose Studien und ohne Visa Zugang zu vielen anderen Staaten. Andererseits gibt es keinerlei Pflichten. Weder muss ein Passinhaber Steuern zahlen noch Armeedienst leisten.
Deutschland als EU-Mitglied
Deutschland im europäischen Kontext macht den Zugang für Israeli leichter. In diese Kategorie gehört in gewisser Weise auch Berlin, die auf viele eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft ausübt. Tausende Israeli, viele davon Künstler, leben heute in Berlin. Andere kommen nur zu Besuch, spüren auf Kurztrips den Spuren der Geschichte nach, suchen den Bunker von Hitler auf und gehen ins Jüdische Museum. So machen sie dann eben auch Bekanntschaft mit dem Deutschland von heute. Nach Hamburg oder München wäre früher kaum jemand gereist. Bei Berlin ist das anders. Die Stadt befindet sich zwar in Deutschland, ist aber eine europäische Metropole. Im Juni 2008 wurde ein Fernsehspot der israelischen Fluggesellschaft El Al gezeigt, in dem ein offensichtlich schwuler Israeli im Bademantel und mit Schosshund auf dem Sofa sitzt und über die Bedrohung durch die Hizbollah im Norden und die Hamas im Süden klagt. «Da habe ich doch einfach Lust, nach Berlin zu fliegen», sagt er. Der Fernsehspot bricht gleich zwei zionistische Tabus, was früher sicher zu einem Aufschrei geführt hätte: Er mokiert sich über die Standhaftigkeit der Israeli in ihrer Heimat und schlägt ausgerechnet Deutschland als (wenn auch nur vorübergehenden) Fluchtort vor.
Israel hat sich in den letzten Jahren auch offiziell wieder dem alten Kontinent, aus dem seine Gründungsväter stammten, angenähert. Seit Juni 2000 ist das Land über ein Assoziierungsabkommen enger denn je wirtschaftlich mit Europa verbunden. Infolge des Zypern-Beitritts von 2004 liegt es nur noch 250 Kilometer von den Aussengrenzen des vereinten Europas entfernt. So skeptisch viele Israeli die europäische Nahostpolitik beäugen, die sie als traditionell pro-arabisch wahrnehmen, so positiv stehen sie dem Projekt Europa gegenüber. Bewegungsfreiheit und keine Passkontrollen – davon kann man im Nahen Osten nur träumen.
Deutsche in der Vermittlerrolle
Wann immer es aber konkrete europäische Vermittlungsbemühungen in der Region gab, die von den Israeli ausdrücklich begrüsst wurden, dann waren Deutsche involviert. Geheimdienstler vom deutschen Nachrichtendienst BND ermöglichten immer wieder den Austausch von Gefangenen zwischen Israel und Libanon. Der damalige Aussenminister Joschka Fischer pendelte zwischen PLO-Chef Arafat und Israels Regierungschef Scharon hin und her, als während der zweiten Intifada im Juni 2001 ein besonders blutiger Bombenanschlag auf eine Tel Aviver Diskothek verübt wurde. Ihm gelang es, eine weitere Eskalation zu verhindern. Schliesslich war auch der Marineeinsatz deutscher Truppen in Libanon infolge des Libanonkriegs vom Sommer 2006 von der israelischen Regierung nach den Worten Ehud Olmerts gewünscht worden. Direkt an ihrer Grenze allerdings würden die Israeli keine Deutschen in Uniform sehen wollen. Das wäre eine jener Situationen, wo die Emotionen vor allem von Überlebenden hochgehen würden.
Dass das Eis der deutsch-israelischen Beziehungen trotz aller Begehbarkeit dünn ist, zeigen die heftigen Reaktionen von Israeli in der Vergangenheit – als etwa deutsche Raketenexperten in ägyptischen Diensten (1962 bis 1965) und die deutsche Debatte über die Verjährung von Mordverbrechen während des Nationalsozialismus (1964) die deutsche Israelpolitik auf die Probe stellten. Während des ersten Golfkrieges 1991 kam es zu Spannungen, als bekannt wurde, dass deutsche Firmen am Aufrüstungsprogramm von ABC-Waffen für Saddam Hussein teilgenommen hatten. Die Tatsache, dass Israel mit deutschem Gas bedroht wurde, barg eine ungeheure emotionale Sprengkraft. Ingesamt lässt sich sagen, dass die israelische Bevölkerung wie auch ihre politischen Vertreter solchen Krisen heute gelassener ins Auge sehen, auch Antisemitismus wird mit mehr Gelassenheit aufgenommen. Denn zumindest das offizielle Deutschland stellt sich ja an die Vorfront, wenn es darum geht, Antisemitismus zu bekämpfen.
Doch auch die Gefühle der Deutschen gegenüber Israeli unterliegen extremen Schwankungen – und dies seit Jahrzehnten. Wobei Israel oft eher Projektionsfläche als Anschauungsmaterial ist. «Die ebenso rasche wie prinzipiell austauschbare Abfolge zwischen Israelbegeisterung, Israel-Kritik und Antisemitismus legt den Verdacht nahe, dass Stimmungen dieser Art mehr mit deutschen Befindlichkeiten als mit politischen Turbulenzen im Nahen Osten zu tun haben», schreibt der Publizist Martin Kloke. Er zitiert den Psychoanalytiker Hans Keilson, der schon 1986 in Bezug auf Israel feststellte: «Aus dem Sündenbock war erst der Tugendbock geworden, beladen mit allen Idealen und Tugenden, die man in seiner eigenen Geschichte und bei seinen Eltern nicht antreffen konnte, und die Enttäuschung über die nicht gelungene Projektion eines moralischen Hochstandes – eines Übermenschen würdig – schuf schliesslich den alt-neuen Sündenbock.»
Während sich in Israel die zunächst sehr skeptische Haltung gegenüber Deutschland in eine etwas pragmatischere umgewandelt hat, sieht es in Deutschland so aus, als sei die Kluft grösser geworden. Das offizielle Deutschland pflegt den Kontakt zu Israel, während die Menschen sich nicht um, sondern wegen Israel Sorgen machen. Am Beispiel Iran wird das besonders deutlich. Aus israelischer Sicht ist das politische Berlin heute ein entscheidender Faktor sowohl innerhalb Europas als auch in den Vereinten Nationen, wenn es darum geht, Iran davon abzuhalten, Atomwaffen zu produzieren. In einer Rede 2006 liess die deutsche Kanzlerin im Hinblick auf den iranischen Präsidenten keinen Zweifel an ihrer Solidarität mit Israel: «Ein Präsident, der Israels Existenzrecht anzweifelt, ein Präsident, der den Holocaust leugnet, kann keinerlei Toleranz aus Deutschland erwarten.» Während ihres Israel-Besuchs im März 2008 versicherte Angela Merkel den Israeli ihre uneingeschränkte Unterstützung im Kampf gegen ein Iran mit Atomwaffen. Bloss stellte man sich in Deutschland und Israel die berechtigte Frage, wieweit diese deutsche Solidarität im Ernstfall tatsächlich ginge. Nicht nur für den in der Anti-Atomkraft-Bewegung sozialisierten Deutschen sind die israelischen Drohgebärden im Hinblick auf einen Präventivschlag gegen Iran absolut bedrohlich.
Merkels Besuch zu Israels 60. Geburtstag hat in jedem Fall eine neue Intensität der bilateralen Beziehungen markiert. Deutschland hat Israel in seinen kleinen Kreis von Alliierten wie Polen, Italien, Spanien, Russland und Frankreich aufgenommen, mit denen Deutschland enger kooperiert als mit allen anderen Ländern. Bei diesen ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen wurden bilaterale Vereinbarungen getroffen, um «das einzigartige Verhältnis zwischen Deutschland und Israel durch zukunftsorientierte politische Massnahmen zu festigen». Regelmässige Konsultationen – auch im Bereich internationaler Angelegenheiten – sind beabsichtigt. In einer offiziellen Stellungsnahme heisst es: «Beide Seiten betrachten es als positiv, dass die deutsche Präsidentschaft der Europäischen Union dazu beigetragen hat, die Zusammenarbeit zwischen der EU und Israel zu stärken.»
Die Wärme, mit der Angela Merkel in Israel empfangen wurde, sagt einiges aus über den Stand der bilateralen diplomatischen Beziehungen, die noch nie so gut waren wie heute. Merkels Person, ihre Biografie und ihr Stil spielen dabei auch eine Rolle. Mit Merkel wird Deutschland erstmals von einer Frau repräsentiert und einer ehemaligen Bürgerin Ostdeutschlands. Ihr Bekenntnis zu Demokratie und Freiheit sei kein Lippenbekenntnis, formulierte es der ehemalige Botschafter in Berlin, Shimon Stein.
Die Beziehung heute
Sowohl die israelische, als auch die deutsche Gesellschaft haben politische und gesellschaftliche Prozesse durchlaufen, die eine Annäherung nicht nur möglich, sondern auch dauerhaft gemacht haben. Wobei die Vergangenheit – der Holocaust – als wichtigste Basis sowohl verbindet wie auch trennt.
Israel ist heute in gewisser Weise weniger zionistisch, sondern globaler und offener geworden, und öffnet sich gegenüber dem heutigen Deutschland, das seinerseits weniger deutsch, sondern europäischer und multi-ethnischer geworden ist. Für die Zukunft bedeutet das für Deutschland aber nicht unbedingt eine stärkere Bindung zu Israel, da viele der «neuen» Deutschen eine andere Identität und ein anderes Geschichtsbild mit sich bringen. Je globaler sich Deutschland entwickelt, desto schwieriger könnte es werden, die besonderen Beziehungen zu Israel als Staatsräson aufrechtzuerhalten.
Zugleich liegt in der europäischen Entwicklung auch eine Chance, die Deutschland einbinden würde und zugleich darüber hinausginge. Der Journalist Gunter Hofmann vergleicht das israelische Mosaik aus Identitäten, das an die Stelle der kollektiven Identität Israels getreten ist, mit Europa, das ein ähnliches Patchwork sei und einen «multiethnischen, langsam auch multireligiösen Charakter» habe. Er plädiert deshalb für den Beitritt Israels zur EU. Damit greift er ein Thema auf, das in vielen Kreisen zumindest diskutiert wird, aber zum jetzigen Zeitpunkt aus vielen Gründen völlig unrealistisch wäre. Als Zukunftsszenario ist es dennoch aufschlussreich: Denn mehr Einbettung Israels würde auch robustere Einstellungen und Mittel seitens der Europäer verlangen, argumentiert Hofmann, der die israelische Kritik am ewig «pazifistischen» Deutschland und Europa ohnehin für Unsinn hält. Auf Regierungsebene gehören die Deutschen zu den Europäern, die Israel am wohlgesinntesten sind. Das ist nicht unbedingt der Fall, wenn es um die Bevölkerung geht. Ihre Haltung, geprägt von den Bildern des Nahostkonflikts und manchmal auch von antisemitischen Gefühlen, lässt sich bestenfalls als reserviert bezeichnen.
Gisela Dachs ist Journalistin und lebt in Tel Aviv.