Eine Vereinheitlichung steht bevor


von Simon Spiegel, September 24, 2009
Ein ganze Reihe von Organisationen sind in der Schweiz damit beschäftigt, antisemitische und rassistische Vorfälle zu dokumentieren; in den nächsten Monaten stehen hier grössere Veränderungen an.

Die Situation Anfang Juni war verwirrend: Kurz nachdem der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) in seinem Antisemitismusbericht zum Schluss gekommen war, dass die Zahl antisemitischer Vorfälle in der Schweiz deutlich angestiegen sei, vermeldeten die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz eine Abnahme rassistischer Vorfälle in der Schweiz (vgl. tachles 25/09). Der auf den ersten Blick paradoxe Befund liess sich bei genauerem Hinschauen durchaus erklären: Die verschiedenen Akteure erfassen nicht immer die gleichen Vorfälle und 
wenden auch nicht unbedingt die gleichen Kriterien an. Zweifellos kann es nicht im Interesse der Sache sein, wenn die verschiedenen Berichte auf den ersten Blick so stark differieren. Darin sind sich auch die beteiligten Organisationen einig, weshalb das Projekt einer gemeinsamen Datenbank für antisemitische und rassistische Vorfälle in Angriff genommen wurde.
In technischer Hinsicht ist dieses Projekt bereits weit gediehen, wie SIG-Vizepräsidentin Sabine Simkhovitch-Dreyfus auf Anfrage erklärt. Die Datenbank sei mittlerweile einsatzfähig – nun müsse man sie testen und allfällige Anpassungen vornehmen. Man liege im Zeitplan nur unwesentlich zurück, was sich bei einem derartigen Projekt aber kaum verhindern liesse.

Es fehlen einheitliche Kriterien

In die Datenbank sollen fortan nicht nur alle neuen Vorfälle aufgenommen, sondern rückwirkend auch alle Daten für das gesamte Jahr 2009 erfasst werden – und zwar von SIG und von GRA. Zu einem späteren Zeitpunkt sollte sich dann auch die Coordination Intercommunautaire Contre l’Antisémitisme et la Diffamation (CICAD), die einen Bericht für die Westschweiz erstellt, an dem Projekt beteiligen.
Ein Problem bei der Zusammenführung der Daten ist das Fehlen einheitlicher Kriterien. So erfasst die GRA lediglich Vorfälle, die publik sind und unterscheidet in ihrer Chronologie nach Art des Vorfalls – beispielsweise ob es sich um eine verbale Attacke oder einen Brandanschlag handelt –, während die CICAD auch ihr direkt gemeldete Vorfälle registriert und die Ereignisses nach Schweregraden unterscheidet. Für die gemeinsame Datenbank hat man es bewusst unterlassen, ein einheitliches Klassifizierungssystem zu entwickeln. Vielmehr werden die verschiedenen Organisationen weiterhin die Möglichkeit haben, ihre jeweilige Systematik zu verwenden. Mögen die Daten so auch nicht immer vergleichbar sein, die unterschiedlichen Klassifizierungen sind zumindest als solche erkennbar.

Öffentlich zugänglich

Die gemeinsame Datenbank ist eng mit dem Relaunch der SIG-Website verbunden, der in den nächsten ein bis zwei Monaten erfolgen soll. Ein Teil der erfassten Daten soll auf der Website öffentlich zugänglich werden. Simkhovitch-Dreyfus betont, dass man persönliche Angaben natürlich nach wie vor vertraulich behandeln würde, dass aber gewisse Informationen, insbesondere ein Kurzbeschrieb des Vorfalls, auf der Website einsehbar sein sollen. Simkhovitch-Dreyfus rechnet damit, dass man im ersten Semester 2010 so weit sein wird. Wenn die Daten für 2009 einmal erfasst sind, werden die beteiligten Organisationen auch in der Lage sein, die mit einer einheitlichen Auswertung verbundenen Fragen zu prüfen und zu entscheiden, ob die Veröffentlichung eines gemeinsamen Berichtes möglich und erwünscht ist.