Eine universelle Botschaft
tachles: Weshalb reagieren Sie auf die Durban-II-Konferenz mit einem Jom-Haschoah-Anlass?
Joël Herzog: Die Gedenkfeier zu Jom Haschoah, die ja immer am 20. April stattfindet, ist an sich keine Reaktion auf Durban II. Angesichts des Umstandes, dass die Konferenz am gleichen ¬Datum eröffnet wird, schien es uns aber angebracht, die Feier grösser als üblich anzusetzen. Mit der öffentlichen Zeremonie auf der Place des Nations übermitteln wir die universelle Botschaft der Schoah an die Menschheit – jene des Gedenkens, aber auch der Wachsamkeit gegenüber Rassismus oder Antisemitismus.
Wird auch die katholische Kirche vertreten sein?
Ja. Wir haben uns mit verschiedenen Genfer Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften getroffen und sie eingeladen. Sie haben alle zugesagt und beschlossen, sich in den Anlass einzubringen, indem sie einerseits ihre Mitglieder zur Teilnahme auffordern, anderseits im Vorfeld den Jom Haschoah in ihren Predigten thematisieren. Es liegt uns viel daran, dass diese Botschaft breit vermittelt wird.
Die USA und andere Länder nehmen an der Konferenz nicht teil, während die Schweiz als Gastgeberland wahrscheinlich präsent sein wird. Wie stehen Sie persönlich zu diesem Umstand?
Der Bundesrat hat rote Linien und drei grundlegende Prinzipien für die Teilnahme der Schweiz festgelegt. Als Gastgeberland ist die Schweiz natürlich in einer heikleren Position. Wir stehen diesbezüglich in regelmässigem Kontakt mit unseren Behörden und haben uns mehrfach mit der Schweizer Delegation getroffen, die unsere Ini¬tiative gutheisst und unterstützt.
Was macht Ihnen angesichts der massiven antisemitischen Entgleisungen in Durban im Jahr 2000 rund um Durban II am meisten Sorgen?
Wir erwarten eigentlich, dass eventuelle Auswüchse seitens gewisser NGO sich nur innerhalb des Sperrgürtels und der Uno selbst abspielen. Und wir hoffen, dass die Schweizer Gesetzgebung gegen die Aufwiegelung zum Rassenhass die Extremisten, die an der Konferenz teilnehmen, im Zaum halten wird. Was die Schlusserklärung anbelangt, sobräuchte der Text tatsächlich eine Kehrtwende, um ihn akzeptabel zu machen.
Wie wird diese Konferenz Ihrer Einschätzung nach enden?
Es gibt verschiedene mögliche Szenarien. Wenn ein neuer, knapperer Text vorgelegt wird, der auf Konsens stösst und von den Staaten akzeptiert wird, könnte die Konferenz ein relativer Erfolg werden. Wenn kein Kompromiss gefunden werden kann, werden viele europäische Länder die Konferenz vorzeitig verlassen, und sie wird mit einer Erklärung abgeschlossen, die für unsere freiheitlichen und demokratischen Wertvorstellungen und den Kampf gegen den Rassismus im Allgemeinen grauenvoll sein wird.
Unabhängig von dieser Konferenz und ihrem Ausgang rufe ich aber alle jüdischen Mitmenschen dazu auf, durch grosse Beteiligung an unserer Gedenkfeier dazu beizutragen, die Erinnerung an die Schoah wachzuhalten. Wir können damit dafür sorgen, dass diese universelle Botschaft, deren Träger wir alle sind, am 20. April kraftvoll weitergegeben wird.