Eine Uhr auf Abwegen
Die Geschichte der Uhr «Marie Antoinette», von welcher Experten sagen, sie sei die wertvollste der Welt, klingt wie ein Märchen. Fertiggestellt wurde die «Marie Antoinette» im Jahr 1827, also erst nach dem Tod der gleichnamigen französischen Königin, nach welcher die Uhr benannt ist. Marie Antoinette lebte in einer unglücklichen Ehe mit Ludwig XVI. und versuchte sich mit Mode und Schmuck abzulenken. Ein unbekannter Bewunderer wollte daher eine ganz spezielle Uhr für sie anfertigen lassen. Der Neuenburger Uhrmacher Abraham-Louis Breguet hatte 1775 sein Geschäft in Paris eröffnet und durch seine spezielle Begabung für das Uhrenhandwerk die Aufmerksamkeit der Aristokratie auf sich gezogen. Ohne eine finanzielle oder zeitliche Limite zu haben, begann Breguet 1783 mit der Anfertigung einer Uhr, die Marie Antoinette bezaubern sollte. Er baute eine Uhr, deren gesamtes Lauf-, Repetitions- und Kalenderwerk in geschliffenem Rotgold und das Gehäuse in 18-karätigem Gelbgold strahlten. Die Uhr vereinte alle zu dieser Zeit möglichen Errungenschaften der Technik: Einen automatischen Aufzug, einen un-
abhängigen Sekundenzeiger, eine Wochentagsanzeige und eine besondere Ankerhemmung. Das höchst elegante Emailblatt war weiss und trug eine schwarze Beschriftung, Vorder- und Rückseite, beide durchsichtig, bestanden aus kostbarem Bergkristall und die Uhr wurde mit 63 Edelsteinen geschmückt. Die Herstellung dauerte ganze 44 Jahre. Als sie im Jahre 1827 fertiggestellt wurde, hatte die fran-
zösische Revolution ihren Lauf bereits genommen – Marie Antoinette war 1793 unter die Guillotine gekommen.
Über England nach Israel
Nachdem die Uhr zwei bis drei Mal den Besitzer gewechselt hatte, kam sie zu Sir David Salomon, der zum ersten jüdischen Richter Englands und 1855 zum ersten jüdischen Bürgermeister Londons ernannt wurde. Er war ein leidenschaftlicher Uhrensammler; über 200 Stück besass er. Nach seinem Tod ging sein gesamtes Erbe an seinen Neffen und einzigen Nachkommen David Lionel Salomon, der von Sir David Salomon wie ein Sohn aufgezogen worden war; David Lionels Vater Philip Salomon war früh verstorben. David Lionels Tochter Bryce Salomon studierte an der Hebrew University in Jerusalem und eröffnete 1974 in der Stadt das Museum für islamische Kunst. Sie entschied sich, die geerbte Uhrensammlung in diesem Museum auszustellen. Bryce Salomon war Zionistin und wollte die Uhren permanent in Israel wissen. Die Uhren sollten aber auch als Lockvogel dienen, um den Israeli die islamische Kultur näherzubringen. Diese Strategie bewährte sich, das Museum wurde ein voller Erfolg. Viele Leute reisten an, um die spezielle Uhrensammlung zu besichtigen.
Der spektakuläre Raub
Mit der Ausstellung im Museum für islamische Kunst war das Schicksal der Uhr jedoch noch nicht besiegelt: Im Jahre 1983 wurden über 100 Stücke der Sammlung bei einem spektakulären Raub entwendet. Es war der damals grösste Diebstahl in der Geschichte Israels. Auch die «Marie Antoinette», deren Wert heute auf über zehn Millionen Dollar geschätzt wird, war unter den verschwundenen Uhren. Swatch-CEO Nicolas Hayek, zu dessen Uhrenimperium auch die Marke Breguet gehört, entschloss sich 2005 dazu, die Uhr nachbauen zu lassen. Er ist ein Liebhaber der alten Breguet-Uhren, weshalb ihn der Diebstahl in Jerusalem besonders traf. Zehn Uhrmacher arbeiteten fast drei Jahre lang an der Reproduktion. Zur neuen «Marie Antoinette» gehört auch ein Kästchen, das aus dem Holz einer 350-jährigen Versailler Eiche gefertigt wurde, welche der Hitzewelle von 2003 zum Opfer gefallen war und gefällt werden musste. Es heisst, dass sich Marie Antoinette unter genau diesem Baum am liebsten ausgeruht hatte. Im Jahre 2007 wurde die Reproduktion fertiggestellt. Nicolas Hayek präsentierte die nachgebaute «Marie Antoinette» mit Stolz an der Messe Baselworld 2008.
Das Original und die anderen gestohlenen Uhren konnten dank ihrer internationalen Bekanntheit nur schwer verkauft werden. So blieben sie bis im Jahre 2006 unentdeckt, bis eines Tages ein Anwalt aus Tel Aviv das Museum in Jerusalem kontaktierte. Er rief an, um dem Museum ein Angebot zu unterbreiten. Eine Klientin von ihm behauptete, 40 der gestohlenen Stücke zu besitzen. Ihr Ehemann, der 2004 gestorben sei, habe die Uhren vor ihr versteckt. Der Anwalt wusste, dass demjenigen, der die Uhren zurückbringen würde, eine Belohnung zustand, worauf er seiner Klientin riet, die Uhren gegen diesen Betrag dem Museum zu stiften. Das Museum kontaktierte die Polizei, welche umgehend eine Fahndung einleitete. Die Klientin konnte ausgemacht werden und auch der Name ihres Ehemannes: Naaman Lidor war ein berüchtigter israelischer Gauner gewesen. Durch seine vielen erfolgreichen Einbrüche hatte er sich sogar den Spitznamen «genialer Dieb» erworben. Gemäss Aussagen des Museums lebte er bis zu seiner Krebsdiagnose allein, dann bekam er plötzlich Angst, alleine sterben zu müssen. Und so heiratete er jene Frau, welche kurze Zeit später als Alleinerbin eingesetzt wurde. Aufgrund von Aussagen der Mutter des Täters fand die Polizei an verschiedenen Orten auf der Welt Bankschliessfächer mit Uhren aus der gestohlenen Sammlung. Einige Stücke des Diebesgutes befanden sich aber auch im Haus der Witwe; sogar im Schuhschrank der Frau. Das Museum entschloss sich, keine rechtlichen Schritte gegen die Witwe einzuleiten. Man einigte sich darauf, weder zu klagen noch einen Finderlohn auszubezahlen. Die Uhren fanden Schritt für Schritt ins Museum für islamische Kunst zurück und sind heute wieder in Jerusalem zu bewundern, darunter natürlich auch die «Marie Antoinette» – bis das nächste Abenteuer sie ereilt.