Eine späte Entdeckung

von Gabi Rosenberg, October 9, 2008
Mit der Portraitfotografie hatte sie sich jahrzehntelang die Brötchen verdient. Jetzt, mit sage und schreibe über 85 Jahren, gibt es für die Zürcher Fotografin Thea Goldmann ein neues Thema, das sie ganz kribblig macht: Wasserspiegelungen. Einige davon hängen noch bis 19. August in einer Gruppenausstellung der Thalwiler Hof-Kunst zum Thema Seeblick.
Eindrücke von Thea Goldmann: Kinder schauen gespannt dem Kasperle-Theater zu, Jerusalem 1943. Foto PD

In einer Einzelausstellung bei Claudine Hohl kann man nun ihr Gesamtwerk kennen lernen (vom 25. Juli bis 10. August). 36 Wasserspiegelungen sind mit dabei.
Sie sei wohl die älteste Grossmutter hier, meinte die zierliche, schmale Frau schmunzelnd anlässlich der Thalwiler Vernissage, «nur habe ich keine eigenen Kinder!». Ihre Kinder waren ihre Fotografien, die sie auch am liebsten mit Kindern machte. Jahrelang konnte man einige davon in einem Schaukasten beim Zürcher Schauspielhaus bewundern, «teure, aber gute Werbung», erinnert sie sich. Ab und zu kamen auch bekannte Erwachsene, so etwa Thomas Mann oder Erich Fromm, vor ihre Kamera. Auch hinreissende Sachaufnahmen tragen ihre fotografische Handschrift. So etwa eine Serie von Meerwasser-gewaschenen Steinen, deren körnige Oberfläche derart ausgeleuchtet ist, dass jede für sich eine Skulptur geworden ist und sich je nach Beleuchtung verwandelt.
Ihr Handwerk hatte sie als Thea Prinz in Berlin erlernt; mit einer geliehenen Kamera entstanden im Zoo erste Aufnahmen. Nachdem sie zuvor in ihrer Heimatstadt Oppeln bereits den kräftig wachsenden Antisemitismus erlebt hatte, wanderte sie 1937 nach Israel aus und führte dort 10 Jahre lang ein Photostudio. Bis die Liebe dazwischenkam, und damit Zürich neuer Lebensmittelpunkt wurde: Eine glückliche Ehe verband sie bis vor vier Jahren mit dem Schweizer Schriftsteller Alfred Goldmann. Dass sein Tod sie nicht verzweifeln liess, mag mit folgender Aussage erklärbar sein: «Mir ist langweilig, wenn ich nicht arbeiten kann!» Eine alterslos scheinende, leichte Wendigkeit kennzeichnet sie. Und ein feiner Humor, mit dem sie selbst dem ersten Spitalbesuch in ihrem Leben, den sie kurz vor der Zürcher Einzelausstellung mit einem Armbruch erleben durfte, verschmitzt etwas Positives abringt («so viele schöne junge Ärzte... ich meine die um die 60...»). Öffentliche Anerkennung erfuhr ihr Werk allerdings in unseren Breitengraden bisher kaum. Nur wenige Ausstellungen fanden bisher statt. Thea Goldmann trägt es gelassen. In Japan wusste man offenbar ihre Arbeit zu schätzen. Dort gehörte sie im Rahmen einer jährlichen Weltausstellung der Fotografie 1966 zu jenen 60 Teilnehmern, die aus 6000 ausgewählt wurden. Viel wichtiger ist ihr das, was jetzt läuft: Seit etwa 12 Jahren beflügelt Wasser ihre Fantasie. Und die Resultate faszinieren jeden. Je nach Fantasie des Betrachters sieht man skurrile langfädige Fantasiegebilde oder hüpfende Kobolde, dann vielleicht schlafende Tiere oder einfach nur abstrakte Formen von grosser Ruhe und Ausgewogenheit. Wer diese Bilder sieht, dürfte vom «Goldmann\'schen Seeblick» infiziert sein und ab sofort Wasseroberflächen anders anschauen.

Ausstellung Thea Goldmann bei Claudine Hohl, am Schanzengraben 15, 8002 Zürich, offen Mi + Fr 15 bis 18 Uhr und Sa 14 bis 16 Uhr oder Telefon 01 - 202 72 43. Vernissage: Dienstag, 25. Juli 2000, 18 bis 20 Uhr.